„Quarantäne ist das Schlimmste!“

Sulinger Delme-Beschäftigte sprechen über ihr Leben in Coronazeit

Sprechen über ihre Erfahrungen – und Hoffnungen: Constanze Conradi, Gunnar Logemann, Tanja Seidemann, Simone Kahl, Kathrin Holland, Andrea Waschko-Märtens (Sozialdienst der Delme-Werkstätten) und Kai Krünegel (von links).
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Sprechen über ihre Erfahrungen – und Hoffnungen: Constanze Conradi, Gunnar Logemann, Tanja Seidemann, Simone Kahl, Kathrin Holland, Andrea Waschko-Märtens (Sozialdienst der Delme-Werkstätten) und Kai Krünegel (von links).

Sulingen – Nachdem die Beschäftigten der Delme-Werstätten für Menschen mit Behinderung im März und April letzten Jahres komplett zu Hause bleiben mussten, fanden sie es „richtig klasse“, dann endlich wieder arbeiten zu können. Zwar mussten die Gruppen wegen der Hygienevorschriften verkleinert werden – das heißt, dass im wöchentlichen Wechsel oder in Teilzeit gearbeitet wird – aber immerhin komme man nun wieder unter Leute und „es gibt etwas zu tun!“

Darüber freuen sich die sechs Beschäftigten, die mit uns über ihre persönlichen Erfahrungen im Lockdown und die aktuellen Kontaktbeschränkungen sprechen.

Vor der Pandemie gab es in den Werkstätten noch Koch- und Computerkurse, auch Spieletreffen; abgesehen von dem Lese- und Rechtschreibkurs und dem Tischtennisspielen fallen alle Freizeitangebote jetzt weg.

„Auf einmal war alles zu und arbeiten konnten wir auch nicht mehr“, erinnert sich Simone Kahle, die im Teilzeitmodell in der Verpackungsgruppe beschäftigt ist – das bedeutet, dass sie zwei Tage in der Woche frei hat. In ihrer freien Zeit könne sie nun leider keinen spontanen Besuch von Familie oder Freunden bekommen. Simone Kahle lebt in einer Sulinger Wohngemeinschaft (WG) und hatte so auch im Lockdown immer jemanden „zum Quatschen“, hat mit ihren Mitbewohnern immer gemeinsam gefrühstückt, ein kleines Wohngruppenritual. Die Gemeinschaftsräume dürften jedoch derzeit nicht von den Bewohnern genutzt werden, bedauert sie: „Wir dürfen uns ja gar nicht mit anderen treffen…“

Kathrin Holland lebt im Wohnheim der Lebenshilfe in Sulingen. Früher hat sie in der Küche der Delme-Werkstätten gearbeitet, jetzt ist sie coronabedingt in der Verpackungsgruppe – das sei viel entspannter. Kathrin Holland möchte gerne wieder in die Disco in Syke gehen, leider finden die von der Lebenshilfe organisierten Tanzveranstaltungen derzeit nicht statt. Im Lockdown war sie immer alleine in ihrem Zimmer, erzählt sie: „Ich habe gemalt und ganz viel Musik gehört.“

Constanze Conradi freut sich, dass sie in einer Vierer-WG lebt: „Das WG-Leben klappt wirklich gut, Probleme haben wir eigentlich nicht. Dafür haben wir einen schönen Garten!“ Man wechsele sich mit dem Putzen ab und es sei „immer jemand da.“ Sie arbeitet in der Aktenvernichtung und liebt Tischtennisspielen in der „Delme“. Das sei auch das einzige Sportangebot, das in diesen Zeiten angeboten werden könne – wenigstens etwas, denn: „Quarantäne ist das Schlimmste!“ Constanze Conradi fand es traurig, dass sie im Lockdown nur mit ihren Eltern telefonieren konnte und sie nicht besuchen durfte. Jetzt ist dies wieder möglich, allerdings muss man, wenn man jemanden besucht oder selbst Besuch bekommt, ein Formular ausfüllen, um die Kontakte im Fall der Fälle nachverfolgen zu können. Aber: „Besser als nichts!“

„Ich habe im Lockdown mit meiner Mutter viel ,Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt. Das hat Spaß gemacht. Ich fand es nicht ganz so schlimm, zu Hause zu sein, dachte aber, dass es schneller vorbei geht – wie eine Erkältung“, berichtet Kai Krünegel, der mit seiner Mutter zusammen wohnt. In den Delme-Werkstätten verpackt er, wie Kathrin Holland, Schrauben und Autoteile. Glücklicherweise habe er außerdem regelmäßige Termine, die ihm den Tag zusätzlich strukturieren: Frieseur und Physiotherapeuten kommen zu ihm nach Hause, in den Werkstätten praktiziert er Yoga.

Während des Lockdowns hat Gunnar Logemann noch zu zweit in einer WG gelebt, nun wohnt er alleine im inklusiven Wohnprojekt der Lebenshilfe am Hasseler Weg – das findet er gut, bedauert aber, dass er seinen Freund nicht besuchen kann. Er habe im Frühjahr 2020 „schon Angst“ gehabt und sich gefragt: „Was passiert danach?“ Er arbeitet ebenfalls in der Verpackungsgruppe. Regelmäßig geht Gunnar Logemann zu Fuß mit seinem Rollator zur Physiotherapie in die Innenstadt. „Das ist gar nicht so weit“, sagt er.

Mit ihrem Ehemann in einer eigenen Wohnung lebt Tanja Seidemann, die auch in der Verpackungsgruppe beschäftigt ist. Sie möchte unbedingt bald in Kirchdorf reiten – „das ist voll mein Ding!“ Derzeit ist dies leider nicht möglich. Wie die anderen bekommt auch sie am 28. Mai die zweite Impfung und freut sich darauf, dass dann wieder etwas „Normalität“ eintritt. Alle sechs hoffen, dass sie bald wieder Ausflüge unternehmen, ans Wasser gehen, picknicken können – und wissen: „Vorsichtig sein müssen wir auch dann trotzdem!“

Von unserer Praktikantin Johanna Sanders

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