Chaos und Unsicherheit

Rückkehr aus Urlaubs-Risikogebieten: Corona-Tests machen Probleme

Corona-Test am Flughafen Hannover. Reisende aus dem Landkreis Diepholz berichten von teils chaotischen Zuständen.
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Corona-Test am Flughafen Hannover. Reisende aus dem Landkreis Diepholz berichten von teils chaotischen Zuständen.

38 Reiserückkehrer aus Corona-Risikogebieten haben die Behörden im Landkreis Diepholz seit vergangenem Samstag erfasst (Stand Donnerstag). kreiszeitung.de konnte mit einigen von ihnen sprechen und gibt ihre Erfahrungen wieder.

Die Berichte zeigen: Die Kritik an der überhasteten Antwort der Bundesregierung auf tausende potenziell infizierte Urlaubsrückkehrer ist in Teilen gerechtfertigt: Es hakt noch immer an unzähligen Ecken und Enden - nicht nur in Bayern. Eine Chronologie.

Dubai - 21. Juli

„Ich war ein bisschen überrascht, wie unorganisiert das alles ist“, drückt Marco Rethorn es vorsichtig aus. Der 45-Jährige aus Bahrenborstel (Samtgemeinde Kirchdorf) reist für ein Hamburger Unternehmen als Kundendiensttechniker um die Welt. Kommenden Sonntag will er nach einem fünfwöchigen Aufenthalt in Dubai zurück nach Deutschland fliegen. Bereits am 21. Juli hat er sich dafür über die Rückreise-Modalitäten beim Gesundheitsamt in Diepholz informieren, denn: Die Vereinigten Arabischen Emirate waren zu dieser Zeit ein Corona-Risikogebiet. Doch Rethorn stieß am Telefon auf verwirrende Aussagen.

Marco Rethorn aus Bahrenborstel (Samtgemeinde Kirchdorf) ist für ein Hamburger Unternehmen weltweit als Kundendiensttechniker unterwegs - auch in Corona-Zeiten. Derzeit ist er in Dubai. Als er seine Rückreise nach Deutschland mit dem Gesundheitsamt Diepholz besprechen wollte, bekam er irritierende Aussagen zu hören.

Ihm sei lediglich gesagt worden, er solle sich nach der Rückkehr bei einem Hausarzt testen lassen und bei positivem Resultat noch einmal das Gesundheitsamt kontaktieren. Seine Daten habe die Behörde nicht aufgenommen, so Rethorn. Und das, obwohl er aus einem Risikogebiet komme. „Das war ein bisschen merkwürdig“, findet der Bahrenborstler. Immerhin könne er unbehelligt durch die Straßen laufen und potenzielle Viren verteilen.

Schließlich nimmt Rethorn die Behörde aber auch in Schutz. Sein Anruf sei noch in der Zeit gewesen, als die Meldepflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten gerade erstmalig diskutiert wurde. „Das war alles noch richtig am Anfang“, so Rethorn.

Die Emirate werden heute nicht mehr als Risikogebiet gelistet. Weil die Fluggesellschaft ihn am Sonntag allerdings ohne negativen Corona-Test nicht mitnimmt, hat Rethorn an Freitagvormittag noch einen gemacht. Wie es dann in Deutschland weitergeht und ob sein Test hier anerkannt wird, das weiß er noch nicht.

Ostsee - 4. August

„Mein Sohn ist 13. Er war auf einer Freizeit an der Ostsee zelten. Freitags kam er zurück und Montag fing es leicht an im Hals.“ So beginnt der Bericht einer Frau aus Schwaförden, die in diesem Text unerkannt bleiben möchte. Am Dienstag, 4. August, zeigte ihr Sohn schließlich schwere Grippe-Symptome und sie entschied sich, zum Arzt zu gehen. Der Verdacht: Corona. Weit kam sie jedoch nicht. Kein Arzt hatte Zeit, sich den Jungen anzuschauen.

In ihrer Not entschied die Schwafördenerin, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 anzurufen. Dort hieß es, sie könnte mit den Symptomen und ohne Negativ-Test nicht in ein Krankenhaus gehen, ein Arzt werde allerdings zu ihnen nach Hause gekommen. Sie soll sich am Abend noch einmal melden. Gesagt, getan. 19 Uhr: Plötzlich gibt es doch eine Absage. Der Bereitschaftsdienst sei nicht zuständig, ein Kinderarzt müsse ihren Sohn behandeln. Den gibt es jedoch beim Bereitschaftsdienst nicht.

Die Schwafördenerin weiß nicht weiter, während ihr Sohn im Bett gegen die Grippe-Symptome ankämpft. In der Klinik für Kinder- & Jugendmedizin in Vechta wird sie abgewiesen.

Nächster Tag: Mutter und Sohn bekommen einen Termin bei ihrer Hausärztin. Die will die Symptome jedoch beobachten und gibt erst einmal nur lindernde Medikamente.

Am Donnerstag ist es schließlich soweit. Bei einem Hausarzt in Kirchdorf wird ein Corona-Abstrich bei dem Jungen gemacht. Das Ergebnis: „Er hatte eine richtig dicke Mandelentzündung“, so die Mutter. Heute ärgert sie sich. „Ich habe gedacht, irgendwie ist das nicht richtig. Ein Kind muss zuhause leiden, weil kein Bereitschaftsarzt zuständig ist.“

Nachfrage beim Gesundheitsamt in Diepholz, Verweis auf die Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen (KVN). Bei der zuständigen Niederlassung in Verden zeigt sich Geschäftsführer Michael Schmitz verwundert. „Alle symptomatischen Patienten (unabhängig vom Alter), werden in den Praxen getestet“, bestätigt er. Und weiter: „Der allgemeine Bereitschaftsdienst ist für alle Patienten unabhängig vom Alter zuständig. (...) Dass keine Hausbesuche bei 13-Jährigen durchgeführt werden, ist nicht nachvollziehbar. Es kann sich nur um ein Missverständnis handeln.“

USA - 5. August

Julia Fisher und ihre Tochter leben in einem Hochrisiko-Gebiet. Die gebürtige Weyherin ist vor einigen Jahren in die USA ausgewandert. Am 5. August setzt sie sich zusammen mit ihrer Tochter in Washington DC in ein Flugzeug, um ihre Mutter in der Heimat zu besuchen. „In den USA gilt Deutschland als Vorzeigeland“, berichtet sie jetzt am Telefon. Dann muss sie lachen.

Im Flugzeug zum Zwischenstopp in Frankfurt am Main läuft noch alles normal ab. Mutter und Tochter bekommen ein Formular mit Fragen zu ihrem Wohlbefinden, ihrer Herkunft und ihren persönlichen Daten. Dann landet das Flugzeug in Frankfurt. Keiner will den Zettel zurückhaben, in Frankfurt interessiert sich niemand dafür, dass sie aus einem Hochrisikogebiet einreisen. Weiter nach Bremen.

In der Empfangshalle ist eine provisorische Corona-Teststation aufgebaut. Fisher und ihre Tochter entscheiden sich zum Test, aufgefordert oder angesprochen hat sie niemand. „Ich hätte einfach auf die Straße gehen können, es hätte mich kein Mensch aufgehalten“, so die 51-Jährige. Damit sie ihre Daten an der Station nicht erneut aufsagen muss, gibt Fisher einfach ihren Zettel aus dem Flugzeug ab. Dann läuft der Test recht zügig ab, es ist nicht viel los an diesem Mittwochmorgen.

Zum Abschluss bekommen die beiden zwei Zettel mit QR-Codes drauf. Diese müssen sie in der Corona-Warn-App einscannen, um über die Resultate benachrichtigt zu werden. Bei einer Positiv-Meldung gibt es zusätzlich einen Anruf. Das nächste Problem taucht auf: Die App lässt sich nur auf deutschen Handys installieren. In Weyhe greifen die beiden auf ein Ersatzhandy zurück, Donnerstagabend vibriert es: eine Fehlermeldung.

Fisher ruft bei der Service-Hotline der App an. Neuinstallation. Fisher scannt den Code erneut ein. Fehlermeldung, der Code darf nur einmal eingescannt werden. „Das macht gar keinen Sinn!“, ärgert sich die gebürtige Weyherin. Statt des Codes ihrer Tochter scannt sie nun ihren eigenen, den sie noch nicht verwendet hat. Die gleiche Fehlermeldung: Der Code wurde bereits verwendet.

Am Freitag ruft Fisher beim Gesundheitsamt Diepholz an. Sie geht mittlerweile von einem Negativ-Test aus, weil sie noch keinen Anruf bekommen hat. Gewissheit will sie dennoch haben. Statt einer Auskunft hört Fisher 45 Minuten lang eine Wartemelodie. Schließlich kommt sie durch, wird weitergeleitet an eine Sachbearbeiterin. Doch dort hebt niemand ab. Fisher probiert es 90 Minuten lang. Dann schließt die Diepholzer Behörde. „Das war total frustrierend“, erinnert sich Fisher. „Was mich am meisten frustriert hat, ist, dass in Diepholz immer nur ein Band lief.“

Sie entscheidet sich, beim Flughafen in Bremen anzurufen. Dort erfährt sie, die Teststation habe kein eigenes Telefon. Außerdem sei unklar, ob das Land Bremen wegen ihres Fluges oder das Land Niedersachsen wegen ihres Endziels zuständig sei.

Fisher ist verärgert, ruft schließlich die Bremer Gesundheitsbehörde an – und stößt auf eine engagierte Mitarbeiterin. Diese habe ihr „innerhalb von 30 Minuten eine E-Mail mit dem negativen Ergebnis zugeschickt“, so Fisher. Welches Bundesland am Ende tatsächlich für sie zuständig war, das weiß Julia Fisher bis heute nicht.

Österreich - 9. August

Als Julia Fishers Odyssee in Bremen beginnt, fährt Marco Carstens mit seiner Lebensgefährtin nach Süddeutschland zum Fahrradfahren. Immer an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich entlang. Am Samstag, 8. August, tritt schließlich die Verordnung zur Testung von Reiserückkehrern in Kraft. Einen Tag später stehen die beiden Twistringer am Hauptbahnhof in München und blicken auf eine Corona-Teststation. Sie beschließen: „Da lassen wir uns mal testen“, und suchen einen Beleg heraus, dass sie auch in Österreich waren.

Diesen Beleg habe jedoch keiner sehen wollen, so Carstens. Woher sie kamen, habe niemanden interessiert. Österreich ist jedoch auch kein Risikogebiet, Carstens und seine Frau wollen sich freiwillig testen lassen. „Wir hatten den Eindruck, dass die froh waren, dass überhaupt jemand kommt“, so der Twistringer.

An der Station erleben sie das gleiche Prozedere wie Julia Fisher und bekommen am Ende einen QR-Code für die Ergebnisse. Marco Carstens beschreibt das Prozedere als „sehr unkompliziert“. Am darauffolgenden Donnerstag bekommen beide ihr Negativ-Testat in der Corona-App. Bezahlen mussten sie für ihren Test nicht. Hätte er Geld gekostet, hätten sie ihn nicht gemacht, so Carstens.

Bulgarien - 9. August

Als Melanie S. und ihre Freundin am 2. August in den Flieger Richtung Goldstrand starten, ist Bulgarien noch kein Risikogebiet. Doch plötzlich ändert sich alles für die beiden. Am Freitag vor ihrem Abflug wird das Land vom RKI als riskant eingestuft. Nach einer Woche Urlaub stehen die beiden Studentinnen am 9. August vor dem Abflugterminal in Warna. Wie es jetzt für sie weitergeht, können sie nur aufgrund von Medienberichten vermuten. Im Flugzeug beantworten die Flugbegleiterinnen die zahlreichen Nachfragen der Passagiere.

Landeanflug Hannover. Die 21-Jährige aus Stuhr-Heiligenrode und ihre Freundin kommen im Terminal A an. Der Weg nach draußen ist für sie frei, angesprochen werden sie von niemandem. Auf eigene Faust finden sie heraus, dass die Corona-Test-Station am Terminal C ist. Erst dort gucken Helfer auf ihren Bordschein und notieren sie als Reiserückkehrer aus einem Risikogebiet.

Melanie S. beschreibt den Ablauf für die Urlauber als „chaotisch“. „Man hat gesehen: Viele Passagiere waren verunsichert“, so die Studentin. Sie hätte sich gewünscht, dass es in Hannover eine Ansprechperson gegeben hätte, die Anweisungen erteilt. „Das hätte ich gut und wichtig gefunden.“

Nach dem Test fahren die beiden nach Hause, isolieren sich vorsorglich selbst bei ihren Eltern. Dem Gesundheitsamt melden müssen sie ihre Rückkehr nicht, dafür sorgt die sogenannte „Ausstiegskarte“, welche die Fluggesellschaft für sie angelegt hat.

Am Mittwoch, drei Tage nach ihrer Rückkehr, wird Melanie S. ein Negativ-Resultat in der Corona-App angezeigt – ihre Freundin bleibt im Unklaren. Schließlich ruft diese im Labor an, will wissen, was mit ihrem Test ist. Dort heißt es, die Teststäbchen würden kiloweise in großen Müllsäcke angeliefert. Da könne es manchmal etwas länger dauern, bis der Test abgeschlossen sei.

Am Donnerstagabend bekommt die Freundin von Melanie S. einen Anruf. Sie ist mit dem Coronavirus infiziert. Der leichte Schnupfen, die leichten Kopfschmerzen am Ende der Reise, die ergeben auf einmal Sinn. Zum Glück hat sie nach einer Woche nur leichte Symptome und offenbar einen milden Verlauf. Fest steht jedoch: Wären Melanie S. und ihre Freundin nicht so verantwortungsbewusst gewesen und am Flughafen selbstständig zum Corona-Test gegangen, dann wären möglicherweise zahlreiche weitere Personen angesteckt worden.

Empfehlung: Zweit-Corona-Test auf eigene Kosten

Ob es wirklich 38 Reiserückkehrer aus Risikogebieten seit vergangenem Samstag gibt, ist völlig unklar. Zwei Fragen sind nämlich offen: Melden sich auch die Reisenden zuverlässig, die durch das Raster fallen, weil sie nicht mit dem Flugzeug, sondern etwa mit dem Auto zurückkehren? Und: Leiten die Fluggesellschaften die „Ausstiegskarten“ der Passagiere zeitnah an die Gesundheitsämter weiter? Der Landkreis muss mit den Zahlen arbeiten, die er hat. Und die sollen in Zukunft auch regelmäßig kommuniziert werden.

Was außerdem für viele neu sein dürfte: Sowohl das RKI als auch der Landkreis raten bei Kontaktpersonen und Reiserückkehrern dazu, den Corona-Test (auch bei Negativ-Resultat) noch einmal zu wiederholen. „Die Testung sollte (...) zusätzlich fünf bis sieben Tage nach der Erstexposition, da dann die höchste Wahrscheinlichkeit für einen Erregernachweis ist, erfolgen“, zitiert der Landkreis das RKI. Kreisrätin Ulrike Tammen bestätigt: „Das Angebot für Reiserückkehrer, sich auf freiwilliger Basis einmalig testen zu lassen, beziehungsweise die Testpflicht für Reisende, die aus Risikogebieten zurückkehren, (ist) aus medizinischer Sicht als nicht ausreichend zu bewerten.“ Aber wird das im Landkreis Diepholz überhaupt so praktiziert? „Nein, das ist nicht die Teststrategie des Landes“, bestätigt Landkreis-Sprecherin Mareike Rein. Die Kosten für den Zweittest würden auch nicht übernommen und müssten selbst bezahlt werden. Dass dadurch der Anteil derjenigen, die sich nach einem Negativ-Test noch einmal testen, minimal sein dürfte, bestätigt die Sprecherin ebenfalls. ls

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