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Manuela Grambart-Fiefeick: Corona als „Konfliktverstärker“

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Von: Harald Bartels

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Eine Frau sitzt an einem Tisch.
Wöchentlich bietet Manuela Grambart-Fiefeick Sprechzeiten im Familiengesundheitszentrum Sulinger Land. © Bartels

Sulingen – Die Beratungsstelle für Frauen und Mädchen des Netzwerks gegen häusliche Gewalt im Landkreis Diepholz bietet mit regelmäßigen Sprechstunden eine feste Anlaufstelle im Familiengesundheitszentrum Sulinger Land (FGZ). Wie hat sich während der Pandemie der Beratungsbedarf entwickelt?

Die Themen seien eigentlich gleich geblieben: Gewalt, Trennung oder persönliche Krisen wie Trauer oder Depressionen – „wir hatten schon immer ein breites Spektrum“, sagt Manuela Grambart-Fiefeick. Die Sozialpädagogin und Familienberaterin ist seit 2011 in der Beratungsstelle Syke tätig und übernahm im Mai 2020 auch die Beratungen im FGZ in Sulingen. Jeweils donnerstags von 14 bis 16 Uhr ist sie hier anzutreffen.

Zwar habe sich an den Themen durch Corona nichts geändert, aber es sei festzustellen, dass sich bereits bestehende Probleme in der Partnerschaft oder in der Familie in dieser Zeit noch verstärkt hätten: Die Menschen hätten mehr Zukunftsängste bekommen, die Kontakte nach außen seien weniger geworden, durch Homeoffice und Homeschooling sei es vermehrt zu Spannungen gekommen und Ausgleichsangebote, beispielsweise Sport, hätten gefehlt, nennt sie Gründe für die Entwicklung.

Häusliche Gewalt hat zugenommen

Von Schülerinnen und Studentinnen sei ihr zudem berichtet worden, dass sie mit der Teilnahme am Unterricht oder an Vorlesungen zuhause schlecht zurechtgekommen seien, sagt Manuela Grambart-Fiefeick: „Ihnen fehlten Struktur und Motivation, und die Zusammenarbeit mit anderen haben sie vermisst.“

Erste Studien und die Kriminalstatistik der Polizei zeigten eine Zunahme der Fälle von häuslicher Gewalt, aber: „Das können wir mit eigenen Zahlen nicht bestätigen.“ Die Zahl der Fälle, die von den Beratungsstellen betreut würden, sei nicht repräsentativ. Aus den Gesprächen mit den Betroffenen wisse man aber, dass es ihnen schwerer fiel, sich Hilfe zu holen, weil der gewalttätige Partner im Lockdown mehr zuhause war und sie stärker kontrollierte.

Mehr Frauen und Mädchen nutzten die Beratung

Belegen lässt sich aber ein vermehrter Beratungsbedarf: Wurden an den Standorten des Netzwerks 2020 noch 274 Frauen und Mädchen beraten – in Form von 315 Telefonberatungen, 405 persönlichen Gesprächen und elf Online-Beratungen –, wandten sich im Vorjahr 301 Frauen und Mädchen an die Beratungsstellen. Mit ihnen wurden 326 Telefonberatungen, 567 persönliche Gespräche und zehn Online-Beratungen geführt. „Der Beratungsbedarf kam verzögert an“, erklärt die Sozialpädagogin: Anfangs habe es nur wenige Anfragen gegeben, weil zunächst für die Frauen andere Dinge im Vordergrund gestanden hätten. 2021 habe sie dann so viele Anfragen wie noch nie in ihrer Tätigkeit betreut. Zudem mussten im vergangenen Jahr auch wesentlich mehr Frauen längerfristig mit sechs oder mehr Gesprächen betreut werden als im Vorjahr.

Zu Beginn der Pandemie sei wegen der Kontaktbeschränkungen nur telefonisch beraten worden, aber dabei sei man schnell an Grenzen gestoßen: „Es fällt den Klientinnen im direkten Gespräch leichter, über persönliche Dinge zu sprechen.“ Außerdem sei es am Telefon schwierig, die Frauen bei Kontakten mit Dritten, beispielsweise dem Jobcenter, zu unterstützen, etwa bei Verständigungsproblemen aufgrund fehlender Sprachkenntnisse.

Neue Schwerpunkte sind hinzugekommen

Erst 2021 hätten auch wieder Gruppenangebote beginnen können, zunächst in Diepholz und Syke mit der Gruppe „Jetzt bin ich mal dran!“. „Dabei geht es darum, dass die Frauen ihre eigenen Bedürfnisse kennenlernen, ihren Selbstwert stärken und erfahren, wie sie Entspannung finden können“, erläutert Manuela Grambart-Fiefeick. Damit wolle man im März oder April wieder beginnen, bei entsprechender Nachfrage auch mit einer Gruppe in Sulingen. Weitere Informationen gebe es dazu auf der Internetseite des Netzwerks (www.frauenhaus-diepholz.de).

Im vergangenen Jahr habe man auch neue Schwerpunkte setzen können mit dem Projekt „Luisa ist hier!“. Es sei 2016 vom Frauennotruf in Münster entwickelt worden und, dank der Förderung des Zonta Clubs Diepholz-Vechta, konnte es nun auch hier realisiert werden. Das Projekt ist gedacht für Frauen und Mädchen, die sich beim Feiern in Kneipen, Clubs oder Bars bedrängt fühlen. Sie können sich an das Personal wenden mit den Worten „Luisa ist hier!“ und so signalisieren, dass sie Hilfe benötigen, um aus einer für sie bedrohlichen Situation herauszukommen. Zunächst habe man in Diepholz und umzu begonnen, die Mitarbeiter dafür zu schulen. Bislang beteiligt seien die „Körstube“ in Diepholz und die „Bar dü Mar“ in Hüde. Die Diskotheken in der Region habe sie angeschrieben, so Manuela Grambart-Fiefeick, aber – mutmaßlich aufgrund der angeordneten Schließung – noch keine Rückmeldung erhalten. Von den Organisatoren des Diepholzer Appletree Garden Festivals sei jedoch schon Interesse signalisiert worden.

Neues Projekt zu Gewalt in Beziehungen wird vorbereitet

In diesem Jahr soll darüber hinaus ein weiteres Projekt in Angriff genommen werden: „In der Beratung fällt uns immer wieder auf, dass Frauen lange in einer Gewaltbeziehung bleiben, bevor sie sich trennen.“ Ein Grund sei möglicherweise, dass Gewalt schon früh, bereits in Teenagerbeziehungen beginne. Daher wolle man mehr für die Prävention tun, um den Gewaltkreislauf zu durchbrechen: „Es geht um eine bessere Wahrnehmung, was bereits Gewalt ist, damit sie nicht zur Normalität wird.“ Weil Mädchen aber selten damit von alleine in die Beratung kämen, müsse man stärker an den Schulen dafür sensibilisieren, auch in Gesprächen mit Eltern, Lehrkräften und Schulsozialarbeit. „Damit wollen wir noch im März beginnen“, kündigt Manuela Grambart-Fiefeick an.

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