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Bislang Unspielbares kann in Sulingen erklingen

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Von: Harald Bartels

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Prof. Martin Böcker hat als Sachverständiger das Konzept für die neue Orgel mit erarbeitet und stellt das Projekt am 1. Juni ab 19 Uhr in der Sankt-Nicolai-Kirche in Sulingen vor.
Prof. Martin Böcker hat als Sachverständiger das Konzept für die neue Orgel mit erarbeitet und stellt das Projekt am 1. Juni ab 19 Uhr in der Sankt-Nicolai-Kirche in Sulingen vor. © Christoph Schönbeck

Orgelexperte Professor Martin Böcker erläutert im Interview das Konzept für die neue Sulinger Orgel.

Sulingen – Warum braucht die Sankt-Nicolai-Kirche in Sulingen eine neue Orgel, und wie soll sie aussehen? Die Antworten auf diese Fragen stehen im Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung, zu der für Mittwoch, 1. Juni, der Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und der Orgelbauverein in die Kirche einladen. Referent des Abends ist Prof. Martin Böcker, Kreiskantor in Stade, Orgelsachverständiger in der Elberegion Niedersachsens und künstlerischer Leiter der Orgelakademie Stade. Er war Professor für Orgel, Orgelimprovisation und Orgelbau an der Hochschule in Hamburg. Im Interview spricht er über die Entstehung des Orgelkonzeptes und dessen Besonderheiten.

Herr Böcker, Sie sind Mitglied der Expertenkommission, die sich die Sankt-Nicolai-Kirche angesehen und über die neue Orgel beraten hat?

Ja. Zunächst einmal ging es um die alte Orgel, in welchem Zustand sie ist. Ich habe mir damals einen ganzen Tag Zeit genommen, die Orgel untersucht und abends dem Kirchenvorstand die Situation vorgestellt. Sie ist leider aus sehr schlechtem Material gebaut und in vielen Dingen überhaupt nicht überzeugend und befriedigend. Die Aufarbeitung würde unglaublich teuer werden und in keinem Verhältnis zum Ergebnis stehen. Daraufhin hat sich der Kirchenvorstand entschlossen, etwas Neues zu bauen.

Mit welchen Kosten hätte man für eine Aufarbeitung rechnen müssen?

Das kann ich Ihnen nicht so salopp sagen, aber es hätte jedenfalls mehrere hunderttausend Euro gekostet, und das Ergebnis wäre nicht so, dass man sagen könnte: Das hat sich jetzt gelohnt.

Das Konzept, das der Kirchenvorstand beschlossen hat, sieht eine dreimanualige Orgel in französischer Bauweise mit 46 Registern vor?

Das ist ein bisschen hoch gegriffen – die Registerzahl ist nicht ganz korrekt: Es werden keine 40, aber es gibt eine technische Möglichkeit, einzelne Register in mehrfacher Funktion zu nutzen. Wenn es also auf dem ersten Manual Register gibt, können sie auch im Pedal separat verwendet werden. So kommt man auf die Registerzahl von 46, aber ich würde lieber von circa 40 Registern sprechen.

Was hat man sich unter einer Orgel in französischer Bauweise vorzustellen?

Das ist etwas, was ich an dem Abend erläutern werde, weil sich viele gar nicht vorstellen können, was das ist. Es hat die klassisch-französische Orgel der Barockzeit gegeben, die weite Teile Deutschlands beeinflusst hat. Insbesondere der berühmte Orgelbauer Gottfried Silbermann aus Sachsen ist nach Straßburg gegangen, hat bei seinem Bruder Andreas gelernt, wie französische Orgeln gebaut werden, ging nach Sachsen zurück und hat in diesem Stil gebaut. Er hat damit die ganze sächsisch-thüringische Tradition über den Haufen geschmissen und eine Orgel etabliert, die fortan im Protestantismus in Mitteldeutschland sehr bedeutend wurde. Der französische romantische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll, der auch in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, hat diese klassisch-französische Orgel übernommen und sie überbaut mit romantischen Dingen, sie technisch noch verbessert. Dieser Orgelbauer, der weltweit Orgeln gebaut hat – nur in Deutschland nicht –, war wohl der bedeutendste Orgelbauer des 19. Jahrhunderts in ganz Europa. Bei ihm sind mehrere deutsche Orgelbauer gewesen, haben von ihm profitiert und viele Elemente in ihre deutschen Orgeln integriert, sodass der Einfluss Cavaillé-Colls auch in Deutschland sehr stark war. Dann, insbesondere im 20. Jahrhundert, ist in weiten Teilen Deutschlands die „Universalorgel“ gebaut worden, die aber viele Elemente der Cavaillé-Coll-Orgel beinhaltet. Es ist aber nie eine konsequente Arbeit im Stil von Cavaillé-Coll in der Region Bremen / Osnabrück gebaut worden, es sind immer Elemente drin, die eigentlich nicht dazugehören.

Was macht diese Orgeln aus?

Die Cavaillé-Coll-Orgel beinhaltet einen klassischen Kern, mit dem man die Barockmusik spielen kann, und darüber hinaus romantische Elemente, sodass die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts darauf gut spielbar ist, denn im 20. Jahrhundert ist in Frankreich die Tradition Cavaillé-Colls ununterbrochen weitergeführt worden.

Was wäre mit diesem Konzept der größte Unterschied zur jetzigen Orgel?

Die jetzige Orgel war ein Instrument, das sich im Wesentlichen am norddeutschen Barock orientiert hat, aber in so falsch verstandener Art und Weise und minderer Qualität, dass man sie mit der norddeutschen Barockorgel wiederum gar nicht vergleichen kann.

Wie wäre der Unterschied mit der neuen Orgel erlebbar?

Es ist Klang, es ist Volumen. Die alte Orgel steht völlig ungünstig, sie ist von der Klangbasis her zu dünn, klingt sehr hell und „schreiend“, wenn ich das mal sehr negativ ausdrücken will. Die Orgel im Stile Cavaillé-Colls wird einen sehr runden und warmen Klang haben. Sie wird kräftig bis sehr kräftig sein können, aber auch sehr leise – die Bandbreite der Dynamik von sehr leise bis sehr laut ist bei dieser neuen Planung viel, viel größer als die alte Orgel es je hat bieten können.

Sie sagten gerade, dass die alte Orgel sehr ungünstig steht, und das neue Konzept sieht vor, dass der Spieltisch nach unten verlegt wird: Was ist da der große Vorteil?

Man kann die Orgel damit so weit wie möglich nach vorne ziehen, damit sie optimal in den Raum sprechen kann. Zurzeit ist es so, dass ein Teil der Orgel vorne in der Brüstung ist, der ist in der Kirche sehr deutlich, aber der Hauptteil steht weit hinten auf der Empore und kann gar nicht vernünftig in die Kirche aussprechen. Man hat damals eine völlig ungünstige Klangarchitektur geschaffen.

Es heißt, dass mit der alten Orgel bestimmte Stücke gar nicht spielbar sind?

Ja, alleine der Umfänge der Klaviaturen wegen.

Welche bekannten Stücke könnte man dann beispielsweise in Sulingen hören?

Zum Beispiel die berühmte Toccata von Charles-Marie Widor, die bis jetzt nicht spielbar ist. Das ist ein sehr beliebtes Stück bei einem sehr breiten Publikum bis hin zu jungen Leuten. Ich erlebe das hier in Stade, dass sie fragen: „Können Sie die Widor-Toccata spielen?“ Ich habe hier ganz alte Orgeln, aber im Originalzustand, und da ist das auch nicht möglich. In der großen Musik der Romantik aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind viele Dinge dabei, die sehr beliebt sind.

Ein Kritikpunkt ist, dass die neue Orgel für Sulingen und die Sulinger Bedürfnisse viel zu groß sei. Wie reagieren Sie darauf?

In Sulingen sitzt der Kreiskantor, der auch unterrichten soll, aber in der Region gibt es nirgendwo eine Orgel mit drei Manualen. Für die Darstellung vieler Musik des 18., 19. und gerade auch 20. Jahrhunderts braucht man die drei Manuale. Und die vielen Register sind nicht dazu da, möglichst viel Krach zu machen, sondern um eine Vielzahl von Klängen zu produzieren und damit eine große Bandbreite von Musik spielen zu können, was die Orgel bisher überhaupt nicht kann. Es ist schwer, als Laie nachzuvollziehen, warum man dies und jenes braucht. Ich erlebe das immer wieder hier in Stade, dass sich die Touristen, die zu den Orgelführungen kommen, wundern, dass meine Orgel 42 Register hat. Sie sind überrascht, wenn man ihnen die Orgel vorstellt, was klanglich damit alles möglich ist. Man braucht solch eine große Orgel, um eine Vielfalt von Klängen zu erzeugen und eine große Bandbreite von Literatur spielen und unterrichten zu können. Es hat die neue Orgel dann weit im Umkreis von Sulingen ein Alleinstellungsmerkmal, sie ist ein Leuchtturmprojekt.

Es war die Rede von Kosten in Höhe von etwa einer Million Euro – ist das ein besonders hoher Preis für eine neue Orgel?

Nein, das ist nicht zu hoch gegriffen. Sie müssen ja bedenken, dass eine Orgel immer ein handwerklich erstelltes Instrument ist, ein Unikat, was so nicht noch einmal gebaut wird. Wenn ein Kirchenvorstand oder eine Gruppe Interessierter einmal in einer Orgelbauwerkstatt gewesen ist und gesehen hat, wie da gearbeitet wird, haben die meist keine Fragen mehr an die Finanzen. Es ist immer so, dass die Laien, die darüber befinden müssen, keine Vorstellung davon haben, wie eine Orgel gebaut wird, was das Material kostet, wie viel Arbeitsstunden nötig sind. Deswegen muss in unserer Landeskirche immer eine Expertenkommission dabei sein. Dass ein Kirchenvorstand Sorge hat, „Wie kriegen wir das Geld zusammen?“, ist nachvollziehbar, aber oft unberechtigt. Ich mache seit weit über 25 Jahren die Beratung in Orgelfragen hier in der Region an der Elbe von der Stadtgrenze Hamburgs bis zur Nordsee. Da haben wir viele Restaurierungen hinter uns, die auch zum Teil Millionen gekostet haben, und ich staune selbst immer wieder, wie das Geld zusammenkommt, das können sich die Leute nicht vorstellen. Sie sind immer wieder überrascht, dass Geld oft von Sponsoren oder Privatpersonen kommt, die sonst gar nicht viel mit der Kirche zu tun haben. Da ist die Orgel immer noch etwas Besonderes, und viele Leute sind bereit, dieses Projekt zu unterstützen.

Wäre eine Kirche ohne Orgel überhaupt vorstellbar?

Für mich nicht, nein. Es sind oft die Gedanken da: Wir brauchen keine Orgel mehr, wir können das alles mit Popmusik machen. Aber damit sind bisher kaum Menschen in die Kirche gezogen worden – vielleicht für ein Konzert, aber für sonstige Beteiligungen nicht, und ein großer Teil der Theologen, die heute in unseren Kirchen arbeiten, ist über die Kirchenmusik zur Theologie gekommen. Es gab in den letzten Jahren viele Projekte, um Kinder und Jugendliche an die Orgeln zu führen, was früher nicht stattgefunden hat, weil die Orgel so etwas „Heiliges“ war, was da oben über allem schwebte. Aber davon sind wir inzwischen weg und bringen möglichst viele Schichten unserer Gesellschaft an die Orgel. Das ist immer, gerade für Kinder, ein ganz faszinierendes Instrument.

Welche Lebensdauer wäre zu erwarten, wenn man die Orgel nach dem vorgeschlagenen Konzept baut?

Der Orgelbauer ist ja schon benannt und arbeitet auf einem sehr hohen Qualitätsniveau. Wenn mit einer Orgel nicht mutwillig umgegangen und sie schlecht behandelt wird, hat sie eine Lebensdauer von mehreren hundert Jahren – ich spiele hier in Stade regelmäßig auf einer Orgel von 1675, da ist noch weitgehend alles original. Sie ist qualitätsvoll restauriert worden, weil es natürlich auch Verschleißteile gibt, aber wenn an einer Orgel nicht „herumgepfuscht“ wird, dann hat sie eine sehr hohe Lebensdauer.

Setzt das den Preis dann in ein anderes Verhältnis?

Genau. Man kann immer sagen: Eine Orgel ist viel billiger als ein Kilometer Autobahn.

Informationsabend zum Orgelprojekt am 1. Juni

Die Veranstaltung am 1. Juni ab 19 Uhr in der Sulinger Sankt-Nicolai-Kirche ist der Auftakt zum Orgelprojekt. Prof. Martin Böcker stellt das Konzept vor und gibt mit Klangbeispielen einen kleinen Einblick in die französische Orgelmusik und Orgelbaukunst. Der Orgelbauverein berichtet über seine Arbeit, insbesondere über geplante Pfeifenpatenschaften und weitere Vorhaben zur Finanzierung. Im Anschluss können Fragen gestellt werden.

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