Für Karolin Reinert, Gymnasiastin in Sulingen, darf es unbedingt Kreatives sein

Berufswahl: Kunst oder Sicherheit?

Ein kreativer Arbeitsplatz oder ein Platz, der kreative Ideen hervorbringt.
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Ein kreativer Arbeitsplatz oder ein Platz, der kreative Ideen hervorbringt.

Sulingen – Was macht man eigentlich beruflich mit Kunst? Diese Frage stellt sich mir nun schon eine ganze Weile. Ich bin Schülerin im 13. Jahrgang des Gymnasiums Sulingen und seit eineinhalb Jahren im Kunstleistungskurs. Soweit ich zurückdenken kann, begleitet und fasziniert mich Kunst in meinem Leben auf die verschiedensten Arten. Dass meine Zukunft in irgendeiner Weise kreativ bleiben soll, da bin ich mir sicher.

Abgesehen davon bin ich aber eher unentschieden, was die Berufswahl angeht. Daher frage ich zwei, die Kunst zu ihrem Beruf gemacht haben: Andrea Döring, der das Atelier Henshouse in Oyle gehört, und Kerstin Friedrichs aus Liebenau.

Risiken

Warum entscheidet man sich für die Kunst, trotz der Risiken? Bis zu ihrem heutigen beruflichen Standpunkt zu gelangen, war bei beiden Künstlerinnen ein Prozess, erzählen sie. Für Kerstin Friedrichs sei eine Tätigkeit in der künstlerischen Richtung schon immer vorhersehbar gewesen: „Ich habe, soweit ich zurückdenken kann, schon immer gemalt und bin generell interessiert an allem Kreativen gewesen.“ Mit etwa 15 Jahren habe sie angefangen, Portraits anzufertigen und zu verkaufen. Da sie die verschiedensten Stoffe und Teppichböden spannend gefunden habe, sei ein Textildesign-Studium naheliegend gewesen. Nach dem Abschluss als Diplom-Designerin sei aber erst einmal ein Richtungswechsel erfolgt – hin zum Halbtagsjob in Lager und Büro. Die Portraits, die sie nebenbei weiterhin verkauft habe, hätten immer mehr Raum eingenommen – „und so bin ich gut über die Runden gekommen.“ Heute ist sie seit achteinhalb Jahren in der Buchhaltung einer Fahrschule beschäftigt, arbeitet weiter an ihrer Kunst und ist bei Ausstellungen vertreten. „Eine schöne Lösung“, findet Kerstin Friedrichs. Durch die finanzielle Absicherung stehe sie nicht so unter Druck, sei aber zugleich auch viel freier, als sie es als Angestellte in der Textilbranche war.

Umwege

Andrea Döring berichtet von vielen Umwegen bis zu ihrer heutigen Tätigkeit. Sie habe nach der Schule keine kreative Richtung eingeschlagen, sondern sich für ein Wirtschaftsstudium entschieden – aber schnell erkannt, „dass Wirtschaft nicht zu mir passt. Ich hatte in der Oberstufe Kunst als Leistungskurs und hätte einfach gleich Kunst studieren sollen.“

Freiheit

Ein Jahr voller Jobs und verschiedenster Praktika habe es gebraucht, bis sie bei der Fotografie „hängen geblieben“ sei. Das Kunststudium hat sie erst Jahre später nachgeholt. Heute machen Illustrationen und das Leiten von Fotografie-Kursen ihren Hauptverdienst aus, sie arbeitet zudem in einer Schule. „Das ist echt genial: Wenn ich etwas nicht möchte, muss ich es nicht machen“ – zudem habe sie die Freiheit, „mal zwischendurch ein halbes Jahr zu machen, was ich möchte.“

Über ihre Erfahrungen auf dem Weg ins Kunstmetier sprechen Andrea Döring, Inhaberin des Ateliers „Henshouse“ in Oyle (Bild oben, rechts) und ihre Künstlerkollegin Kerstin Friedrichs aus Liebenau mit Karolin Reinert (Bild links).

Ist denn ein Studium oder eine Ausbildung überhaupt hilfreich oder notwendig, um Künstlerin oder Künstler zu werden? „Das ist natürlich bei jedem anders, aber generell gibt einem ein Studium schon Selbstbewusstsein und eine Art Grundgerüst, was sehr hilfreich ist“, erklärt Kerstin Friedrichs. Sie finde wichtig, dass man im Studium auch wirtschaftliche Inhalte lerne, sodass man sich ein Fundament für die Selbstständigkeit aufbauen könne. Rückblickend stellt sie fest: „Heute würde ich mich viel mehr mit dem Studium beschäftigen und nicht mehr so schnell fertig werden wollen.“ Andrea Döring fallen bei dem Gedanken sofort die Kontakte ein, die sie während ihrer Studienzeit geknüpft habe und die ihr Verbindungen in die Kunstwelt gebracht hätten, von denen sie noch heute profitiere. „Außerdem ist die Zeit quasi perfekt, um seinen eigenen Stil zu entwickeln, indem man verschiedenste Techniken ausprobiert und viel experimentiert.“

Atelierstandort

Ist es einfacher, auf dem Land oder in der Stadt Künstler zu sein? Da sind sich beide einig: „Beides bringt Vor- und Nachteile mit sich.“ Laut Friedrichs gebe es in der Stadt viel mehr kulturelle Angebote, dafür aber auch mehr Konkurrenz, sodass es schwerer sei, herauszustechen. Sie brauche einfach – besonders in Zeiten von Corona – die Ruhe, den Platz und die Natur um sich herum. „Ich kenne beides, würde aber nicht dauerhaft in die Stadt zurückwollen“, erklärt die aus Bremen stammende Döring. Auf dem Land sei es leichter und auch günstiger, einen Atelierplatz zu finden.

Zudem hätten sich die Bewohner Oyles als sehr tolerant erwiesen, was es ihr als Künstlerin leicht gemacht habe, Fuß zu fassen. „Wir sind aber auch eher bodenständig“, wirft Kerstin Friedrichs schmunzelnd ein. Die Präsenz Andrea Dörings und ihrer Kunst habe sich schnell herumgesprochen. „Wenn hier jemand sagt ,Atelier‘, dann wissen alle, dass ich das bin“, lacht die Künstlerin.

Was können die beiden Künstlerinnen dem Nachwuchs mit auf den Weg geben? „Vor allem: viel ausprobieren. Machen, machen, machen“, bringt es Döring auf den Punkt. Sie empfiehlt, sich nicht unter Wert zu verkaufen, „Skizzenbücher vollmachen“ und man müsse sich die Frage stellen: „Wie möchte ich später auf dem Markt stehen?“ Wenn man mit Galerien zusammenarbeite, sei es wichtig, eine klare Linie beim Stil der Kunstwerke zu haben. Wer flexibler bleiben will und, ähnlich wie Döring, gerne mit verschiedenen Techniken und Materialien experimentiert, für den sei dieser Weg vermutlich weniger geeignet.

Professionalität

Vor allem bei der Arbeit für Galerien sei es von Bedeutung, sich professionell zu verhalten und Fristen einzuhalten, um ernstgenommen zu werden, ergänzt Friedrichs. Ansonsten seien Gemeinschaftsprojekte und gemeinnützige Aktionen eine Möglichkeit, sich weiter zu vernetzen.

Karolin Reinert.

Was mir das Gespräch gezeigt hat: Ich sollte am Ball bleiben. Wofür ich mich auch entscheide, sei es eine Zukunft im Journalismus oder als Kunstlehrerin – mein Weg ist noch nicht vorgezeichnet. Außerdem fühle ich mich darin bestärkt, mein Ziel, einen kreativen Weg zu gehen, weiter zu verfolgen.

Von Karolin Reinert

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