„Ackern“ nur noch zum Spaß?

Michael Clasen: „Automatisierung des Denkens“ in der Landwirtschaft

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Als Gastredner begrüßte Frank Ehlers (links), Vorsitzender der Landberatung Sulingen/Diepholz, Dr. Michael Clasen, Professor für Wirtschaftsinformatik und Electronic Business. - Foto: Kurth-Schumacher

Klein Lessen - Eine Software entscheidet, wann das Getreide eingesät wird, die Bestellung des Saatguts erfolgt automatisch, eine Drillmaschine ordert auf dem elektronischen Marktplatz einen Schlepper mit vollem Tank und passendem Reifendruck: „Dieses Zukunftsszenario ist keine Utopie, wir werden uns damit beschäftigen müssen“, prophezeite Dr. Michael Clasen, Professor für Wirtschaftsinformatik und Electronic Business an der Hochschule Hannover. 

Am Dienstagabend beleuchtete er in seinem Gastvortrag bei der Mitgliederversammlung der Landberatung Sulingen/Diepholz in Klein Lessen Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Landwirtschaft.

Schnellere Veränderungen mit ungeahnten Möglichkeiten

Auf die Automatisierung der Muskelkraft folge eine Automatisierung des Denkens, prognostizierte Clasen. Mit einer sich selbst steuernden Logistik und mit Dingen, die mehr können als wir selbst, müsse man sich anfreunden. Schlepper würden eine Flut von Daten erheben. Große Hersteller seien dabei im Vorteil: „Ein John Deere wird schlauer sein als ein ‚No-Name-Traktor‘.“ Digitale Geschäfte verursachen keine Kosten, so Clasen. Und sie bringen in der Größe keine Nachteile, sondern nur Vorteile.

Schon heute können etwa Gelähmte per Gehirn-Implantat Roboter steuern. Fast jede Technologie entwickle sich exponentiell, ihre Dynamik sei nicht zu unterschätzen. Clasen: „Das bedeutet mehr und schnellere Veränderungen mit ungeahnten Möglichkeiten.“ Er ist sich sicher, dass Maschinen in naher Zukunft landwirtschaftliche Betriebe vollautomatisch führen können, Landwirte müssten nur noch als „Feuerwehr“ in Aktion treten und Lösungen für etwaige Probleme suchen. Die Entwicklung eröffne Freiräume. Den Landwirten werde etwa entgegenkommen, dass die gesamte Dokumentation automatisch erfolge.

Neben Klein- und Großhirn auch ein Webhirn

Arbeit zum Einkommenserwerb sei damit Geschichte. Clasen: „Ihr Seelenheil müssen sie dann in anderen sinnvollen Tätigkeiten suchen, etwa im Sport, in der Wissenschaft, in der Kunst oder im Ehrenamt. Oder Sie ackern auf einem Lanz ein bisschen rum – nur zum Spaß.“ Landwirtschaftliche Produkte ließen sich noch günstiger und noch hochwertiger herstellen. Parallel dazu werde es einen irrationalen Parallelmarkt geben: „Die Leute werden für nicht perfekte Produkte noch mehr bezahlen als heute – so wie ich für meine analoge Uhr, die teuer und ungenau ist.“

In vieler Hinsicht sei diese Zukunft nicht so fern, wie man glaube. Clasen prognostizierte, dass denkfähige IT in wenigen Jahren im Supermarkt angeboten wird. Menschen werden neben Klein- und Großhirn auch ein Webhirn haben, etwa in Gestalt eines implantierten Smartphones. Er sei nicht sicher, ob die Volldigitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse ein Zukunftsmodell sei, sagte Clasen. Möglich sei sie in jedem Fall, wenn auch unter Umständen nicht wirtschaftlich.

Entscheidung fällt im Silicon Valley

Dem Vortrag schloss sich eine angeregte Diskussion an, unter anderem um die Beherrschung der technischen Superintelligenz. Sie birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Die Verantwortung für die Entwicklung liege nicht beim Bauernverband, bei der CDU oder der EU, sagte Clasen: „Die Entscheidung fällt im Silicon Valley.“ Hier sei eine gesellschaftliche Diskussion gefordert, um Auswüchse zu verhindern.

Digitale Fotografie eine vorübergehende Zeiterscheinung? Internetgeschäfte etwas für Spinner? Selbstfahrende Automobile ein Ding der Unmöglichkeit? Vor wenigen Jahren habe man sich den heutigen Istzustand nicht annähernd vorstellen können, sagte Michael Clasen. Die nächste Generation werde kopfschüttelnd den Erzählungen der heutigen folgen, dass es eine Zeit gab, in der man das Steuern von Autos Menschen überließ.

mks

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