Orgel nur noch eingeschränkt spielbar

Abschied vom „sterbenden Instrument“ der Sulinger Sankt-Nicolai-Kirche naht

Kai Kupschus mit Vera Riekmann (rechts) und Pastorin Juliane Worbs.
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Beim Spielen an der Orgel lässt sich Kai Kupschus von Vera Riekmann (rechts) und Pastorin Juliane Worbs über die Schulter blicken.

Sulingen – Ein „Heuler“ machte Kreiskantor Kai Kupschus im Dezember beim Einspielen kurz vor einem Gottesdienst zu schaffen. Dabei handelte es sich allerdings nicht um ein niedliches Seehundbaby, sondern um einen störenden Dauerton der Kirchenorgel, weil sich die Luftzufuhr zu einer Orgelpfeife nicht mehr unterbrechen ließ.

„Das war in voller Lautstärke“, so der Organist, und das sei nur noch von einem Orgelbauer zu reparieren gewesen. Diese Defekte träten immer häufiger auf, und sie seien der Substanz des Instruments geschuldet: In ihrer jetzigen Form stammt die Orgel mit mehreren Umbauten aus den sechziger Jahren. Während dieser Zeit, unter Fachleuten auch als „Orgelrevolution“ bekannt, sei auf moderne Materialien wie Kunststoff und Aluminium gesetzt worden. Das war, nach Auffassung von Kai Kupschus, jedoch ein Fehler, denn traditionelle Materialien, beispielsweise Holz und Ziegenleder, hätten sich als besser erwiesen – historische Instrumente aus dem 15. oder 17. Jahrhundert, die er selbst bereits habe spielen dürfen, funktionierten immer noch.

Das Hauptproblem sei inzwischen der Klang: Nur vier der 22 Orgelregister könne er selbst stimmen, was alle zwei bis vier Wochen geschehe, die übrigen müssten aber von einem Orgelbauer gestimmt werden. Bei vielen Pfeifen sei das aber gar nicht mehr möglich: Ein Teil der metallischen Pfeifen werde etwa gestimmt, indem sie mit Spezialinstrumenten vorsichtig geweitet oder verjüngt würden. Das ginge aber nicht mehr, weil das Metall inzwischen so spröde sei. Und das falle gerade bei den hohen Tönen auf: „Die Besucher empfinden das als besonders laut und schrill.“ Außerdem sei das Windsystem, das die Luft zu den Pfeifen transportiert, undicht, und die ausgeschlagene Mechanik mache anspruchsvolle Literatur, wie beispielsweise die Triosonaten von Johann Sebastian Bach, für das Instrument unspielbar.

Anspruchsvolle Literatur ist auf der Orgel nicht mehr spielbar

„Es ist ein sterbendes Instrument“, so lautet Kai Kupschus’ Urteil, „es kann noch sechs oder sieben Jahre halten, es kann aber auch ganz schnell gehen.“ Insofern sei der Umstand, dass es wegen Corona weniger Gottesdienste gegeben habe, sogar gut für das Instrument. Die Reparatur 2008 sei eine „lebensverlängernde Maßnahme“ gewesen, aber jetzt noch einmal mehrere tausend Euro zu investieren für maximal zehn weitere Jahre, „wäre Wahnsinn.“

Im Kirchenvorstand bestehe Einigkeit, dass es wegen der vielen Mängel es etwas Neues brauche, sagt die Vorsitzende Pastorin Juliane Worbs. „Die Orgel ist so ein wichtiges Instrument für die Gemeinde, dass wir nichts überstürzen wollen.“ Es sei schon einiges an Vorarbeiten geleistet worden, so die stellvertretende Vorsitzende Vera Riekmann, aber es sei noch nicht klar, wann das Projekt realisierbar sei.

Das Wellenbrett beherbergt unter anderem Rohrverbindungen, die aus Kunststoff bestehen.

Dabei helfen will der 2019 gegründete Orgelbauverein Sulingen, der bis zum durch die Pandemie bedingten Stopp aller öffentlichen Projekte bereits verschiedene Projekte vorbereitet hatte, um Spenden für einen Neubau der Orgel zu sammeln. Heißt „nicht überstürzen“ auch, dass dem Verein mehr Zeit eingeräumt wird, um das angestrebte Spendenziel zu erreichen? Dazu können noch nichts gesagt werden: „Wenn es wieder möglich ist, setzen wir uns mit dem Verein zusammen und besprechen, wie es weitergeht“, erklärt Vera Riekmann. Der Vereinsvorstand habe ehrenamtlich bereits viel Zeit und Kraft investiert, so Kai Kupschus, und in Gesprächen mit Experten für Fundraising sei dem Verein Mut zum Fortfahren gemacht worden.

Unabhängig davon, wie schnell die Finanzierung geklärt ist, wird es noch Jahre dauern, bis die neue Orgel erstmals erklingt: Es sei damit zu rechnen, dass der Bau in der Werkstatt des Orgelbauers etwa ein Jahr dauere, und für den Einbau in der Kirche seien noch einmal sieben bis acht Monate nötig, erläutert der Organist.

Mit einem Stückchen Pappe wurde versucht, diese Orgelpfeife in der richtigen Stimmung zu halten.

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