SELBSTVERSUCH Wie Sport im Wohnzimmer per Zoom funktioniert

Yoga zwischen Sofa und Couchtisch

Immer mit dabei: Kater Hazard versperrt zwischenzeitlich die Sicht.
+
Immer mit dabei: Kater Hazard versperrt zwischenzeitlich die Sicht.

Varrel – Ich bin schon etwas aufgeregt. Gleich steht mir meine allererste Yogastunde bevor. Und das auch noch in einer Gruppe mit erfahrenen Yogaprofis – und nicht zu vergessen auch noch online. Denn Corona zwingt uns wieder einmal, zu Hause zu bleiben. Da man sich ja trotzdem fit halten will, kam mir das Angebot des Turn- und Sportvereins (TuS) Varrel ganz gelegen. Yogalehrerin Antje Weseloh bietet dort nämlich Yoga per Zoom an.

„Das ist eine kostenlose Konferenzsoftware. Um die zu installieren, schicke ich jedem Teilnehmer zuvor einen Link mit hilfreichen Anweisungen. Die ist wirklich leicht zu bedienen“, erklärte die 58-Jährige vorab. Das Online-Angebot sei bereits ein erprobtes Konzept, welches gut angenommen werde. Schon zu Beginn der Pandemie konnte die Übungsleiterin auf diese Weise weiterhin ihre Kurse geben.

Gut, die Installation hat geklappt. Jetzt brauche ich noch ein Plätzchen für meine Yogamatte. Der Couchtisch muss also beiseite. Ob die paar Quadratmeter zwischen Sofa und Fernseher reichen werden?

„Yoga ist ein sehr platzsparender Sport“, hatte Antje Weseloh versprochen. Sie selbst gibt die Kurse aus ihrem Wohnzimmer heraus, schiebt alles andere zur Seite und stellt einen Baustrahler auf. „Das wird tierisch heiß und hell, aber es muss ja auch gut ausgeleuchtet sein, damit die Teilnehmer mich gut erkennen“, verrät sie.

Es kann also losgehen. Schnell noch die Frisur richten und die Sportleggings zurechtzupfen. Schwitzt man eigentlich beim Yoga? Können mich etwa gleich alle anderen Teilnehmer sehen, wie ich mir bei den Übungen einen abbreche? Okay. Jetzt werde ich noch nervöser. „Nein, jedem ist es frei überlassen, ob er seine Kamera einschaltet“, sagt die gebürtige Bremerin, die seit einigen Jahren in Moordeich wohnt.

Puh, darum muss ich mir also keine Gedanken machen. Nach einer freundlichen Begrüßung wird dann auch noch mein Ton abgeschaltet. Sehr gut, so kann mich auch keiner keuchen hören, falls es anstrengend werden sollte. Ich will mich schließlich nicht blamieren.

Doch darum geht es beim Yoga überhaupt nicht. „Der Sport hat nichts mit Leistung zu tun. Viel wichtiger ist es, zu sich selbst zu finden und den eigenen Körper wahrzunehmen, um innere Spannungen abzubauen“, informiert Weseloh. Die 58-Jährige macht schon seit 16 Jahren Yoga, seit sechs Jahren ist sie zertifizierte selbstständige Yogalehrerin und hat verschiedene Übungsleiterjobs bei den Vereinen aus der Umgebung.

Nacheinander trudeln nun die anderen Teilnehmer online ein und wir nehmen alle eine gemütliche Position im Schneidersitz ein. „Lasst die Schultern los, lockert den Nacken und nun lasst eure Atmung tiefer werden“, sagt Weseloh. Mit den Händen vor der Brust stimmt sie jetzt das Mantra „Ong Namo Guru Dev Namo“ an, was so viel bedeutet wie „Ich begrüße die kosmische Energie und den erhabenen Weg vom Dunkeln ins Licht“. Mantras aus dem Gurmukhi und Sanskrit, den heiligen indische Sprachen sind auch oft fester Bestandteil einer Yogaeinheit. Die 58-Jährige und ihre Schüler nutzen sie zur Ein- und Ausstimmung ihrer Stunden. „Schade, dass ich euch nicht höre, es ist eine ganz andere Kraft, wenn wir es alle zusammen machen“, meint Weseloh. Okay, das war schon etwas eigenartig, das berühmte „Ooooooooom“ kenne ich sonst nur aus Filmen. Aber es fühlt sich gut an, fast so als würden die Wortlaute meinen Körper durchströmen,

Nun sollen wir im Schneidersitz unsere Hüfte kreisen lassen, dass habe eine beruhigende Wirkung auf den Geist. Danach müssen die Lungen geweitet werden, wofür alle Teilnehmer den Atem anhalten. „Atmung ist im Yoga enorm wichtig“, erklärt Weseloh. Das ist ja schön und gut, aber gar nicht so einfach. Meine Raucherlunge macht mir schon nach kurzer Zeit einen Strich durch die Rechnung.

Nachdem alles noch locker flockig vonstattenging, geht es nun in den Vierfüßlerstand. „Streckt nun ein Bein gerade noch hinten und führt anschließend euren Kopf in Richtung Knie und wiederholt diese Übung“, weist die Yogalehrerin uns an. Personen mit leichten Koordinationsschwierigkeiten haben dabei definitiv schlechte Karten gezogen – zu denen ich übrigens auch gehöre. Aber erst mal gucken, ob ich hinter mir nicht irgendwas umstoßen kann. Auf dem Bildschirm sehe ich, dass Weseloh den Takt ändert und immer schneller wird. Puh, das ist schon etwas anstrengender.

Die Yogahaltungen, auch Asanas genannt, werden oft in dynamischer Bewegung für ein bis drei Minuten ausgeführt. „Ich denke, ihr seid jetzt alle warm“, höre ich die Yogalehrerin sagen. Also ich auf jeden Fall! Ein Schlückchen Wasser könnte ich nun auch gebrauchen. Zwischenzeitlich immer wieder etwas zu trinken, sei übrigens sehr wichtig, da die Flüssigkeit den Körper bei Entgiftung unterstützen würde.

Die nächste Übung: der „Kamelritt“. Ich bin zwar noch nie auf einem geritten, aber ja, wie ich gerade so meine Hüfte im Sitzen vor und zurückbewegen soll, erinnert tatsächlich an einen Sahara-Ausflug. Während ich Weseloh auf dem Desktop beobachte, springt auf einmal ein Hund vor die Kamera einer anderen Teilnehmerin. Mensch, die ist bei ihrer Yogastunde wohl auch nicht ganz ungestört. Geht mir auch so. Mein Kater macht sich zwischenzeitlich immer wieder an meinem Laptop zu schaffen und versperrt mir die Sicht.

Nach einer Zwischenentspannung mit beruhigender Musik geht es weiter mit der „Kobra“. In Bauchlage stützen alle Teilnehmer ihre Arme auf und strecken ihren Oberkörper so weit wie möglich nach hinten. Die Übung soll die Organe im Bauchraum stimulieren und mental befreiend wirken. „Und jetzt Feueratmen“, fordert Weseloh. Damit gemeint ist schnelles Ein-und Ausatmen. Wem das zu anstrengend sei, könne aber auch normal weiter atmen. Ich gebe mein Bestes und feuere mit!

Es folgt die „Kindshaltung“. Komische Namen sind das, denke ich mir. Aber sie sind auf jeden Fall bildhaft. Vom Fersensitz aus, sollen nach ausführlichen Anweisungen der Yogalehrerin alle ihren Oberkörper nach vorne neigen – so weit, dass die Stirn den Boden berührt. „So wird die Wirbelsäule gelockert“, verspricht Weseloh. Also meinem Rücken würde das definitiv guttun! Und ja, ich muss sagen, in dieser Position lässt es sich aushalten.

Nach weiteren mehr oder weniger anstrengenden Übungen steht noch eine Zeit der Entspannung an, wofür die 58-Jährige wieder die Musik einschaltet. Im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen lasse ich alles auf mich wirken. „Alle Anspannungen, die du hast, stell dir vor, wie du sie mit jeder Ausatmung von dir löst. Alle Gedanken, die kommen, lass sie wieder gehen“, leitet Weseloh die Teilnehmer an. Ich bin so entspannt, mein Mund formt sich fast wie von selbst zu einem „Ooooooooom“.

Doch die Ruhe in meinem Wohnzimmer wird urplötzlich von einem Würgen durchbrochen. Mein Kater sitzt angestrengt vor mir und versucht wohl, ein Fellknäuel loszuwerden – und das auf meiner Yogamatte. Sein Ernst? Panisch stehe ich auf und will retten, was zu retten ist. Na, das war‘s jetzt wohl mit Entspannung. Als ich den Kater endlich aus dem Haus geschafft habe, waren die anderen Teilnehmer nämlich schon zum Ende gekommen. Toll! Für die Verabschiedung gibt es wieder ein Mantra. Dieses Mal „Sat Nam“, was so viel bedeutet wie „wahre Identität, wahres Selbst“.

Geschafft. Also ich muss sagen, ich fühle mich nach den anderthalb Stunden unglaublich gut. Mein Rücken ist für diese kurze Session wohl auch ganz dankbar, jedenfalls pisackt er mich aktuell nicht mehr ganz so schlimm. Zudem fühl ich mich irgendwie emotional beruhigt, nicht mehr so aufgewühlt von den Eindrücken des Tages. Aber ich denke, dass Yoga noch um einiges wohltuender sein kann, wenn ich wirklich komplett ungestört bin – ohne kotzende Katze auf meiner Matte.

Von Nala Harries

Hoch das Bein im Vierfüßlerstand: Bei dieser Übung soll der Kopf erst nah zum Knie gezogen und das Bein daraufhin wieder ausgestreckt werden.
Antje Weseloh in der Kindshaltung: In dieser Position soll die Wirbelsäule sanft gedehnt werden.
Entspannen im Lotussitz: Im Yoga wird viel gesessen. Fortgeschrittene spreizen die Beine weiter, sodass die Fußsohlen an der Innenseite der Oberschenkel liegen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Stadt der Gegensätze - In Mumbai ist das kein Klischee

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Mit «Weltklasse-Torhüter»: Bayern macht Achtelfinale klar

Meistgelesene Artikel

„Adventskaletter“: Lisa Warneke aus Sudweyhe fertigt Brief-Adventskalender

„Adventskaletter“: Lisa Warneke aus Sudweyhe fertigt Brief-Adventskalender

„Adventskaletter“: Lisa Warneke aus Sudweyhe fertigt Brief-Adventskalender
Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße

Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße

Gemeinde Wagenfeld plant 7,5 Hektar großes Baugebiet an der Fritz-Cording-Straße
WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg

WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg

WhatsApp: Plötzlich ist das Konto weg

Kommentare