Weniger Insekten

Naturexperte dokumentiert den Libellenbestand in Stuhr

Gerold Leschke photographiert Insekten.
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Naturbeobachter: Gerold Leschke hat ein Auge für Details und sieht die kleinen Dinge in der Natur, an denen viele andere vorbeigehen.

Stuhr – Wo sind die all die Libellen hin? Naturexperte Gerold Leschke stellt in der Gemeinde Stuhr einen Schwund der agilen Insekten fest. Der stellvertretende Vorsitzende des Naturschutzbunds (Nabu) Stuhr dokumentiert den Bestand mit seiner Kamera und behält die Exemplare im Blick.

An einem Teichgebiet Am Moordamm in Stuhr unterhält und bewirtschaftet der Nabu ein von der Gemeinde Stuhr gepachtetes Areal, und dort tummeln sich jede Menge Insekten, so auch zahlreiche Libellen. „Es fehlt nicht die einzelne Libelle, es fehlt die Masse“, fasst Leschke die Lage der Libellen in Stuhr zusammen. Noch vor etwa drei Jahren hätten wir 50 Libellen und mehr an Ort und Stelle vorgefunden. Zuletzt waren es dort rund ein Dutzend.

„Wir versuchen, den Lebensraum so natürlich wie möglich zu erhalten.“ Dazu zählt das Freilegen von Wasserflächen an Teichen und das Entkusseln von Birken an Ufern. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Drei Faktoren beeinflussen laut Leschke grundsätzlich den Artenbestand der Libellen: der allgemeine Insektenrückgang, der bei den Räubern wiederum zu weniger Nahrungsangebot führt, immer mehr Teiche trocknen aus und immer mehr Giftstoffe landen in den Teichen. So sei die rötliche Scharlach-Libelle vom Aussterben bedroht. Anders die Heidelibelle, die hier noch am verbreitesten sei von den großen Libellen.

Es fehlt nicht die einzelne Libelle, es fehlt die Masse.

Gerold Leschke, Nabu-Experte

„Die Gemeinde Stuhr“, so sieht es Leschke, „ist vergleichsweise gut aufgestellt“. Statt Bodenversiegelung in Randlagen setze die Gemeinde auf Lückenschlüsse in der Bebauung, lobt der Experte. Dennoch: Die Randstreifen-Bemähung an Straßen sieht er kritisch. Das häufige Zurückschneiden vernichte Lebensraum für Insekten. Außerdem gelange noch immer zu viel Giftstoff in der Nähe von Gewässern in die Böden. Zwar gebe es EU-Regeln dagegen, doch die kontrolliere keiner, so Leschke.

Dennoch: Früher, in den 1960er-Jahren, habe es in Stuhr keine Müllabfuhr gegeben, meint Leschke. Damals sei einmal im Monat ein Feuer gemacht und die Asche in Teichen und Seen gekippt worden. So etwas gebe es heute nicht mehr. Doch die Altlasten kämen noch manchmal zum Vorschein – beispielsweise bei Renaturierungen alter Gewässern.

Wasserflächen sind für Libellen überlebenswichtig. Dort liegt ein Ansatzpunkt, um dem allgemeinen Insektenschwund, der auch die Libellen-Welt betrifft, entgegenzuwirken. Die Libellen leben zunächst im Wasser und legen dort ihre Larven, bevor sie später eine Saison in der Luft verleben. Wichtig ist, so Leschke, dass es ausreichend Grundstücke gibt, damit die Tiere hin und her fliegen und sich vermischen können. Dazu müssten kleinere Teiche oder Gewässer in gewisser Nähe zueinander liegen. Nur so könne die genetische Vielfalt erhalten bleiben. Eine einzelne Wasserfläche reiche für einen gesunden Fortbestand einer Libellen-Population nicht aus.

Teiche im eigenen Garten helfen

Was kann der Einzelne tun, um Libellen und Insekten zu helfen? „Wasserflächen werden benötigt“, betont Leschke: „Jeder kann seinen Teil beitragen.“ Ein kleiner Gartenteich mit gerade einmal ein Quadratmeter Fläche reiche schon aus. Denn: „Viele kleine ergeben ein großes Ganzes.“

Dann sollten aber keine Fische in dem Teich leben wie beispielsweise Goldfische. Die fräßen nämlich den Libellen die Larven in Massen weg. Die natürlichen Fressfeinde von Libellen sind Vögel, Frösche und Fische.

Da es in der Folge des Klimawandels in Stuhr wärmer wird, verschieben sich die Temperaturgrenzen. „Das wird so weitergehen, Arten werde nach Norden wandern“, prophezeit Naturbeobachter Leschke. Wie wichtig Insekten für den Kreislauf in der Natur sind, verdeutlicht ein Beispiel: Schwebfliegen bestäuben laut Leschke rund 50 Prozent der Pflanzen. Der Rest teilt sich auf Bienen und andere Insektenarten auf.

Leschke will auch weiterhin das zeigen, was Leute sonst nicht sehen – die Schönheit der Natur vor der eigenen Haustür. Coronabedingt musste eine Vortragsreihe des Nabu ausfallen, die er gehalten hätte. Sofern die anstehenden Verordnungen es unter normalen Bedingungen wieder erlauben, will der Nabu sie im kommenden Jahr nachholen.

Auf der Roten Liste

Von 69 regelmäßig in Niedersachsen vorkommenden Libellenarten steht ein Drittel auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, teilt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz mit.

Nahaufnahme: die Binsenjungfer.

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