Ausstellung über das Häuslingswesen

Wirtschaftswunder erlöst Menschen ohne Bürgerrechte

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Historiker Ralf Weber in seinem Element: Hier erklärt er das Leben einer Stuhrer Häuslingsfamilie um 1950.

Stuhr - Von Andreas Hapke. „Was du siehst, wenn du die Augen zumachst, das gehört dir“ – dies soll ein Bauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber seinem Häusling geäußert haben und es sagt alles aus über das Verhältnis der beiden Kasten zueinander.

Hier die Bauern mit Großgrundbesitz, dort die Unterschicht ohne Eigentum und Rechte. Vom Häuslingswesen im heutigen Landkreis Diepholz vom 17. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre handelt die Wanderausstellung, die gestern im Rathaus Stuhr eröffnet hat.

Auf großformatigen Bild- und Texttafeln im ersten Obergeschoss lernt der Betrachter die verschiedenen Aspekte des Häuslingswesens kennen – vom Verhältnis der Häuslinge zu den Bauern über ihren vielfältigen Nebenerwerb bis hin zur Auswanderung nach Amerika. Nach dem Projekt Spurensuche ist dies die zweite Zusammenarbeit zwischen dem Syker Kreismuseum und dem Kreisheimatbund. Mit der Ausarbeitung über die Entwicklung von Gaststätten kündigt Museumsdirektor Ralf Vogeding sogar schon die dritte Kooperation an.

Dieses Foto aus der Ausstellung zeigt ein typisches Häuslingshaus. Windschief, weil diese Gebäude oft aus Resten und Abfall des bäuerlichen Hauses gebaut wurden.

Zur aktuellen Ausstellung sagt er, dass sie in Stuhr besonders gut aufgehoben sei. Grund: In Varrel stehe kreisweit eines der wenigen Häuslingshäuser, das sich noch in seinem ursprünglichen Zustand befinde. Die Gemeinde hatte das um 1830 entstandene Gebäude Varrel 15b in den 1980er-Jahren gekauft und es umfangreich und originalgetreu renovieren lassen. Eine Gruppe des Fördervereins Gut Varrel hatte sich dabei ebenso eingebracht wie das Kreismuseum, das einen Großteil der Inneneinrichtung stellte.

Im Rahmen der Ausstellung öffnet das als Rauchhaus bekannte Gebäude am Sonntag, 16. Juli, von 10 bis 17 Uhr seine Pforten. Laut Vogeding sollen die Menschen auch fühlen, was die Ausstellung in Text und Bild dokumentiert. Es sei wichtig, dieses Kleinod zu zeigen, weil es die Sozialgeschichte im oldenburgischen und hannoverschen Raum widerspiegele.

Eigentlich handelt es sich um ein Heuerlingshaus, das noch bis in die 1960er-Jahre bewohnt wurde. Denn im Oldenburgischen hießen die Menschen ohne Bürgerrechte Heuerlinge, erklärt der Historiker Ralf Weber. Als hauptamtlicher Mitarbeiter des Kreisheimatbunds hält er den Kontakt zu den ehrenamtlichen „Bürgerwissenschaftlern“ vor Ort, wie Vogeding sie nennt. Alles, was an Input von ihnen kommt, gibt Weber in die Datenbank ein.

„Heuerlinge stellten ihre Arbeitskraft zur Verfügung und erhielten im Gegenzug ein Haus und Ackerland zur Pacht“, erklärt Weber. Der Bauer habe jedoch über die rechtlosen Menschen verfügen können, bei Bedarf von jetzt auf gleich. Dann habe die Frau des Heuerlings den gepachteten Grund und Boden beackert. 

Laut Weber hat die kleine Landwirtschaft oft nicht zum Lebensunterhalt gereicht, weshalb die Familie Tätigkeiten im Nebenerwerb verrichtete. In der Region Stuhr habe die Korkschneiderei hoch im Kurs gestanden, es habe auch textiles Gewerbe und die Imkerei gegeben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Maschinisierung der Landwirtschaft und mit dem Arbeitsplatzangebot im Wirtschaftswunder, sei das Häuslingswesen ausgelaufen.

Dokumentation des Lebens in Stuhr

Viele Dokumente der Ausstellung gehen auf das Leben in Stuhr ein. Sie zeigen neben dem Rauchhaus das Haus des Drittelmeiers „Wiechmanns“ in Feine 3 und die Häuslingsstelle Groß Mackenstedt 8b, den ehemaligen Hof Stührmann (heute Hensel).

Eine Besonderheit bilden die Unterlagen zum Häuslingshaus Warwe 4a, die eine lückenlose Verfolgung von der Planung bis zur Fertigstellung des Gebäudes erlauben. Dort hat womöglich der letzte Häusling der Landkreises Diepholz, Dietrich Bischof, ab 1951 gelebt. Der 2016 verstorbene Alfred Seevers hatte die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt. Ungleich mehr Dokumente stammen aber aus dem Schatz der ehrenamtlichen Gemeindearchivarin Elisabeth Heinisch.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juli. Ergänzend haben die Verantwortlichen ein Buch mit dem Titel „Was du siehst, wenn du die Augen zumachst, das gehört dir“ herausgebracht. Es hat 361 Seiten, 371 Abbildungen und ist zum Preis von 26 Euro im Bürgerbüro erhältlich.

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