„Wir sind keine Profiteure, wir sind Helfer“

Mehr Desinfektion, weniger Grundreinigung: Corona verändert Arbeit der Firma Stark

Der kluge Mann baut vor: Olaf Stark hat prophylaktisch Desinfektionsmittel geordert. Foto: Andreas hapke
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Der kluge Mann baut vor: Olaf Stark hat prophylaktisch Desinfektionsmittel geordert.

Stuhr - Die Waschmaschinen im Keller der Firma Stark Gebäudereinigung laufen zurzeit rund um die Uhr. Allein bis zu 2 000 grüne Mikrofasertücher müssen dort täglich gereinigt werden, damit sie dem Personal für Desinfektionsaufträge zur Verfügung stehen. Weitere Tücher werden in Waschmaschinen aufbereitet, die das Unternehmen bei seinen Großkunden aufgestellt hat.

Im Obergeschoss des Gebäudes sitzt Olaf Stark, der die in Seckenhausen ansässigen Firma gemeinsam mit seinem Bruder Ingo führt. Er deutet auf einen großen Stapel zusätzlicher Aufträge, die ihm im Zuge der Corona-Pandemie auf den Tisch geflattert sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In anderen Stapeln befinden sich die weggebrochenen Aufträge.

Die Arbeit des Unternehmens hat sich verändert. Die klassische Grundreinigung ist weniger gefragt, allein schon weil Schulen, Kitas und Kaufhäuser geschlossen sind. „Und Betriebe machen zu, wenn Transportketten unterbrochen sind“, nennt Stark ein weiteres Beispiel. Auf der anderen Seite fragen die Firmen verstärkt wegen einer umfassenden Desinfektion von Immobilie und Inventar an – vom Türgriff über die Schreibtischoberfläche bis hin zu den sanitären Anlagen. Erst Anfang der Woche habe eine Lebensmittelkette einen Auftrag für 24 ihrer Filialen erteilt. „Einkaufswagen- und körbe, Brotzangen, Laufbänder, Spritzschuss an den Kassen – da kommt einiges zusammen“, sagt Stark. 48 Mitarbeiter, zwei pro Filiale, werde er für die neue Aufgabe einteilen. Insgesamt seien zurzeit bis zu 300 seiner 1 000 Kollegen täglich in Sachen Desinfektion unterwegs.

„Wir haben schon immer keimfrei gearbeitet“

Nun ist es nicht so, als ob dies vor Corona kein Thema gewesen wäre. „Wir haben schon immer keimfrei gearbeitet“, betont Stark. Er verweist unter anderem auf Großschwimmbäder oder die „50 bis 70 Kliniken und Arztpraxen“, in denen seine Firma tätig sei. „Wir haben viel in der Kardiologie zu tun, 30 bis 40 Leute sind nur dafür zuständig. In den OPs wird am offenen Herzen operiert. Wenn die nicht keimfrei wären . . .“

Laut Stark halten sich weggebrochene und zusätzliche Aufträge die Waage. Trotzdem seien zurzeit 15 bis 20 Prozent der Mitarbeiter nicht beschäftigt. Stark: „Wir versuchen, das Personal von der gewohnten zur neuen Tätigkeit umzuswitchen.“ Für den neuesten Auftrag aus der Lebensmittelbranche etwa setze er Mitarbeiter aus der Fenster- und Fassadenreinigung ein. Im Zweifel könnten interne Hygienefachkräfte die Kollegen schulen.

Doch bei vielen passt die Umstellung aus anderen Gründen nicht. „Entweder sie sind örtlich gebunden – wir sind ja in einem Umkreis von 80 Kilometern tätig – oder bekommen es zeitlich nicht hin, etwa wegen der Betreuung der Kinder; gerade jetzt, wo die Kitas geschlossen sind.“

Zusätzliches Personal stammt aus Bewerberpool

Deshalb befindet sich Stark in der paradoxen Situation, für die Desinfektionen neue Leute einstellen zu müssen. In einer Flüchtlingsunterkunft etwa habe er die personellen Kapazitäten verdoppelt. Er spricht von 30 bis 70 zusätzlichen Arbeitsstunden täglich zwischen 6 und 22 Uhr. „Das Ganze im Stand-by-Modus. Steht ein Bewohner vom Tisch auf, wird sofort desinfiziert“, sagt Stark. Nach Auskunft einer Kollegin stammt das zusätzliche Personal aus dem Bewerberpool, „außerdem schalten wir regelmäßig Anzeigen“.

Im Gegenzug, schätzt Stark, seien im April weitere 15 bis 20 Prozent der jetzigen Belegschaft beschäftigungslos. „Dann liegen wir bei insgesamt rund 40 Prozent.“ Die Mitarbeiter müssen Überstunden abbauen sowie Resturlaub und Urlaub nehmen. Da unterscheiden sich die Instrumente nicht von denen anderer Unternehmen. „Für uns ist das auch eine Notsituation. Ein riesiger Umsatz ist weggebrochen. Wir sind keine Profiteuere, wir sind Helfer“, betont Stark.

Rückkehr zur Normalität im Juni?

Allerdings trifft ihn die Entwicklung nicht ganz unvorbereitet. Nach Ausbruch des Coronavirus in China habe er prophylaktisch palettenweise Desinfektionsmittel und 10 000 Mikrofasertücher bestellt. Der Bedarf ist groß: Laut Stark reicht ein Tuch gerade mal für 16 Schreibtische. „Dann wird es aussortiert und gewaschen.“ Für den neuen Auftrag in den Lebensmittelfilialen bekomme jeder Mitarbeiter 80 Tücher in keimfreien Boxen mit auf den Weg, das sind 160 Tücher pro Geschäft. Allein schon wegen der Produktionsmittel sei Desinfektion „ein wahnsinniger Aufwand“, sagt Stark. „Wir verbrauchen zurzeit vier- bis fünfmal so viele Tücher wie normal.“ Fünf Leute seien mit dem Waschen und Austauschen der Tücher beschäftigt.

Wie es in seinem Unternehmen weitergeht? Für Mai hofft Stark auf Besserung, für Juni vielleicht schon auf eine Rückkehr zur Normalität. So oder so: „Das Geschäft wird nach Corona ein anderes sein. Vielleicht will die eine oder andere Firma ihre Fenster nur noch alle zwei Monate gereinigt haben, setzt dafür aber mehr auf die Desinfektion des Inventars.“ Dies sollte den Betrieben wichtig sein, findet Stark. „Sie hätten gesunde Mitarbeiter. Schließlich haben wir auch in jedem Jahr viele Grippetote.“

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