Sophie Rosentreter begegnet Demenz mit Leichtigkeit

„Wir dürfen unseren Humor nicht verlieren“

Sophie Rosentreter

Stuhr - Sophie Rosentreter hat als Model, Moderatorin und Schauspielerin gearbeitet. Heute bezeichnet sie sich selbst als Demenz-Aktivistin. Auf Einladung des Vereins Pro Dem hält sie am Dienstag, 17. September, um 18 Uhr im Ratssaal einen Vortrag zum Thema „Demenz mit Leichtigkeit begegnen“. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung bei Pro Dem unter 0421/898 33 44 erwünscht. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erzählt die Referentin vorab, was die Besucher erwarten dürfen.

Frau Rosentreter, der Titel ihres Vortrags lautet „Demenz mit Leichtigkeit begegnen“. Das ist leichter gesagt als getan. Der eine oder andere betroffene Angehörige mag das vielleicht sogar als Provokation empfinden.

Tatsächlich ist das schon bei einigen so angekommen. Das passt aber so. Je leichter wir es uns machen, desto leichter wird es auch für den Betroffenen. Es gibt unterschiedliche Formen der Leichtigkeit. Ich sage damit ja nicht, dass ich das Thema auf die leichte Schulter nehme. Vielmehr möchte ich zeigen: Im Umgang mit demenziell Veränderten habe ich immer die Wahl, zu reagieren und den von Angst, Stress und Trauer geprägten Abwärtstrend zu unterbrechen. Das sind negative Emotionen, die man zurecht hat. Doch es gibt immer die Möglichkeit, gemeinsam etwas Schönes zu erleben.

Sie selbst haben nach neun Jahren aufopferungsvoller Pflege ihre an Demenz erkrankte Oma verloren, ihre Mutter starb zwei Jahre später als Folge der Überforderung während der Pflege. Sie hätten es sich auch leichter machen können.

Deshalb versuche ich, vielen zu helfen, damit es bei ihnen anders läuft. Nach dieser Erfahrung bin ich dem Thema mit Neugier begegnet, bin mit Musiktherapeuten mitgelaufen. Ich habe erfahren, was Musik bei den Betroffenen bewirken oder wie die Ergotherapie Körpergefühl zurückbringen kann. Ich habe viel Zeit mit demenziell veränderten Menschen verbracht. Das alles hat mir die Augen geöffnet. Und ich lerne mit jedem Tag mehr. Wir haben einen imaginären Koffer von bunten Möglichkeiten, aus dem wir uns situativ und intuitiv bedienen können. Es geht darum, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen.

Was sollte ich tun, wenn ich erfahre, dass ein mir nahestehender Mensch die Diagnose Demenz bekommen hat?

Zu dieser Person hingehen, offen und ehrlich mit ihr reden und fragen: Was kann ich für dich tun? Es kann sein, dass der Mensch abweisend ist oder aber eine Schulter zum Weinen benötigt. Ihm zeigen: Ich nehme dich ernst. Wir versuchen, das gemeinsam zu schaffen. Als Nachbar kann ich mich erkundigen, ob ich einmal pro Woche unterstützen kann. Mit dem Hund Gassi gehen, ein Märchen vorlesen. Wichtig ist, offen und ehrlich auf den Familienkreis zuzugehen und eine helfende Hand anzubieten.

Sie sagen, dass von Demenz betroffene Menschen Lebensfreude bis zum Schluss erleben können. Wie lässt sich das in den Alltag einbauen?

Wir dürfen vor allem unseren Humor nicht verlieren, wenn etwas anders läuft als erwartet. Mit fällt die Geschichte eines Clowns ein, die sich wirklich so zugetragen hat: Er legte sich neben eine demenziell veränderte Frau, die im Heim mit ihrer Tasse hingefallen war. So fing er die Situation auf. Dann kam die Pflegekraft und regte sich auf, was denn hier los sei. Das macht es doch nur schlimmer für alle Beteiligten. Sich selber nicht so ernstnehmen und von seinen Erwartungen loslassen, das kann man lernen.

Dass Demenz kein langer Abschied ist, sondern eine Veränderung, lautet eine weitere ihrer Kernaussagen. Läuft es denn nicht auf einen Abschied hinaus?

Aber das ist doch bei uns allen so. Ein demenziell veränderter Mensch lebt im Schnitt noch neun Jahre. Es können aber auch 20 oder zwei sein. Wissen wir denn, wie lange wir noch leben? Und auch wir verändern uns alle täglich, sind morgen schon andere Menschen. Man kann sich bis zum Schluss neu entdecken, da gilt es hinzuspüren. Menschen werden durch Demenz weich, sie finden wieder zusammen. Tochter und Vater vertragen sich. Sie schlagen ein neues Kapitel in ihrem Leben auf.

Es gibt 130 Arten von Demenz. Bekommen Ihre Zuhörer allgemeingültige Antworten?

Was generelle Tipps angeht ja. Ansonsten gilt: Demenz ist so individuell wie die jeweilige Persönlichkeit. Ich kann Möglichkeiten der Reflexion aufzeigen und bringe zig Geschichten aus Heimen mit. Da kann jeder etwas für sich herausziehen.

Gilt das für pflegende Angehörige und Fachkräfte gleichermaßen?

Auf jeden Fall. Ich versuche auch, eine Brücke zu bauen. Das Verhältnis zwischen dem Angehörigen und der Pflegekraft ist oft kein Mit-, sondern ein Gegeneinander. Ich habe selbst oft gemeckert, weil ich dachte, ich tue meiner Großmutter Gutes damit. Doch Pflegende wenden sich von den Meckernden ab, dabei müssen wir uns die Hände reichen.

Sie wollen auch eine Antwort auf die Frage geben, wie sich Betroffene fühlen. Woher wissen Sie das?

Es gibt viele Indikationen dafür, wie sich ein Mensch mit Demenz fühlt. Wenn er sich zum Beispiel zeitlich, räumlich oder personell nicht mehr orientieren kann. Menschen können durch ihre Umgebung, zum Beispiel Radio oder Fernsehen, überfordert sein. Sie werden aggressiv oder fangen an zu wimmern, und ich weiß nicht warum. Sie erkennen einen weißen Teller nicht mehr auf einer weißen Decke. Ich gehe darauf ein, wie sich die Sinne verändern, und gebe Beispiele, damit man sich in die Welt der demenziell Veränderten hinein versetzen kann.

Sie sprechen immer von demenziell Veränderten. Woher kommt das?

Das habe ich von einer Frau übernommen, die sagte: Ich bin nicht krank, ich fühle mich nur verändert. Man spricht auch nicht von Behinderten oder Krebskranken. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Oft heißt es: Der Demenzkranke leidet. Das ist natürlich auch Teil des Prozesses. Aber wir dürfen das im Begriff nicht vorwegnehmen.

Nach den Erfahrungen mit Ihrer Oma: Haben Sie Angst vor Demenz?

Das, was mir Angst macht, ist, welchen Stellenwert wir als Gesellschaft der Pflege geben und wie wir mit den Alten umgehen. Die Alten sind die Weisen, von denen können wir lernen, die brauchen wir. Pflege hat heute viel mit eingezäunten Heimen auf dem Land zu tun. Ich möchte, dass Menschen mit Demenz integriert werden. Doch ich bin ein Kind der Hoffnung. Wir sind an einer Stelle, wo wir erkennen, dass wir vom Weg abgekommen sind. Es gibt immer mehr Projekte wie Mehrgenerationenhäuser oder Kindergärten, die mit Heimen kooperieren.

Bekommen Sie eigentlich Rückmeldungen auf Ihre Vorträge?

Das passiert meistens vor Ort. Da sind viele gemeinsame Tränen, die wir weinen. Denn am Ende spreche ich auch über den Tod, die Begleitung meiner Oma und Mutter. Ich möchte Mut machen, diesen Weg zu gehen, er kann Frieden, Tiefe und Verbundenheit geben. Und Zeit für den direkten Austausch.

Weitere Informationen:

www.sophierosentreter.de

www.ilsesweitewelt.de

www.prodem-stuhr-weyhe.de

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