„Wie kann man nur so mit Menschen umgehen?“ 

Schüler erinnern mit Mahngang an NS-Gefangenen von Obernheide

Dort, wo damals die Jüdinnen in den Zug stiegen, wird heute erinnert. Foto: Jantje Ehlers
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Dort, wo damals die Jüdinnen in den Zug stiegen, wird heute erinnert.

Stuhr - „Es geht nicht um einen Schuldkult.“ Das ist Pastor Detlef Korsen ganz wichtig. „Das ist deren Schuld und nicht unsere.“ Wichtig sei nur, dass alle ihre Verantwortung wahrnehmen, darauf zu achten, dass so etwas nie wieder passiert. Als Pastor Korsen diese Worte ruft, steht vor ihm eine große Traube junger Menschen. Sie schauen ihn an, wie er vor der dichten Nebelwand steht – und sie blicken auf das Stein-Denkmal an der Stelle, wo vor 80 Jahren junge Frauen litten und Todesangst verspürten. Frauen, die damals so alt waren wie sie selbst.

Zahlreiche Schüler der Lise-Meitner-Schule und der KGS Brinkum gedachten gestern der 500 ungarischen und 300 polnischen Jüdinnen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in einem Außenlager in Obernheide gefangen gehalten wurden. Jeden Tag mussten die Frauen von dort rund dreieinhalb Kilometer zum Stuhrer Bahnhof laufen, um nach Bremen zu fahren und Trümmer wegzuräumen. Vor ein paar Jahren noch am Volkstrauertag, heute am Buß- und Bettag, wandeln die Schüler auf den Pfaden der Jüdinnen.

Ortswechsel, eine Stunde vorher: Die Schüler stehen an rostigen Gleisen und blicken auf das alte Stuhrer Bahnhofs-Häusschen. „Wie kann man nur mit Menschen so umgehen?“, fragt die Zehntklässlerin Gözdenur Odabas ihre versammelten Mitschüler. Gemeinsam mit einigen anderen hat sie in ihrem Profilkurs diesen Mahngang und die Redebeiträge vorbereitet. Die Schüler erklären, wie es damals war. Und sagen dann: „Auf keinen Fall rechtfertigt das auch nur ein Stück all dieser Grausamkeiten, aber es hilft uns zu verstehen.“

Schon vergangene Woche hatten sich die Zehntklässler des gymnasialen Zweigs der Schule mit ihrer Lehrerin Nina Bernard einen Film über das Konzentrationslager Bergen-Belsen angeschaut und darüber gesprochen. Für einige war das zu viel. Sie mussten den Raum verlassen, so die Lehrerin.

Wer denkt, den Schülern sei die Pflichtveranstaltung am Mahnmal in Obernheide lästig, der irrt. „Das ist auf jeden Fall wichtig“, findet Rouven Rohde. Seine Mitschülerin Janne Rauterberg: „Ich wusste zwar, dass es hier ein Mahnmal gibt, aber ich kannte die Geschichte noch nicht.“

Nach den kurzen Redebeiträgen und ein paar Worten von Stuhrs stellvertretender Bürgermeisterin Sigrid Rother geht es dick eingepackt durch den eisigen Nebel zum Mahnmal in Obernheide.

Zwei Posaunistinnen empfangen die Prozession. Als Wiebke de Vries-Ohlendorf und Iris Rose stoppen, beginnen drei weitere Schüler zu sprechen. In der Schule hätten sie als Vorbereitung den Film „Schindlers Liste“ geguckt, erzählt Jana Scheil. „Als besonders schockierend empfand ich die Willkür“, sagt sie und spricht damit den Umgang der Nationalsozialisten mit den Jüdinnen an. „Warum hat der Großteil der Bevölkerung geschwiegen? Aus Angst oder aus Übereinstimmung?“, fragt ihr Mitschüler Erik Thiemann.

Pastor Korsen versucht anschließend, klare Worte zu finden. Man müsse akzeptieren, dass Menschen so sein können. „Diese dunkle Seite ist ein Bestandteil unseres Lebens“, sagt er. Daher gelte es, dem entgegenzutreten, Ängste abzubauen und Verantwortung zu übernehmen, so Korsen.

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt“ singen alle Schüler am Ende gemeinsam und legen nach jüdischer Tradition einen Stein an die Gedenkstelle in Obernheide – neben die kleinen Fliesen mit den Namen ihrer Altersgenossen.

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