„Wie groß du geworden bist“

„Rappelkiste on Tour“: Erzieherinnen der Neukruger Kita statten Familien Besuche ab

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Bis bald: Sandra Steglich und Lisa-Marie Rademacher (l.) verabschieden sich von Joris und Mama Bettina Ziegler.

Neukrug – Ihre Mundschutzmasken und ein paar Luftballons – mehr ist es nicht, was die Erzieherinnen Sandra Steglich (36) und Lisa-Marie Rademacher (23) am Mittwochnachmittag für ihren Dienst bei der Kindertagesstätte „Rappelkiste“ in Neukrug benötigen. Die beiden setzen sich in einen Dienstwagen der Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das Träger der fünfgruppigen Einrichtung ist. Sandra Steglich ans Steuer, Lisa-Marie Rademacher versetzt auf die Rückbank. Dann machen sie sich auf den Weg zu Joris nach Seckenhausen.

Seit Mitte März haben sie den zweijährigen Knirps aus ihrer Pinguin-Gruppe nicht mehr gesehen. Entsprechend groß ist die Freude, als Mama Bettina Ziegler mit dem Kleinen aus dem Haus tritt. Joris trägt einen Sonnenhut. „Ist der schick“, finden die Erzieherinnen. „Und wie groß du geworden bist.“ Kurz darauf ist Joris erst mal verschwunden, weil er dem Ballon hinterherjagen muss.

„Sich zwei, drei Monate nicht zu sehen, ist viel in dem Alter“, findet Bettina Ziegler. Zwischendurch hatten Steglich und Rademacher ein Video von sich aus der Kita gepostet. „Das musste ich mir am ersten Nachmittag 20 mal ansehen“, berichtet die Mama. Sie spricht von einer „skurrilen Situation“.

Videos waren ein Mittel für die Neukruger Erzieherinnen, um auch nach der Schließung wenigstens halbwegs mit ihren Schützlingen Kontakt zu halten. Andere Kollegen haben sich nach Auskunft von Leiterin Christine Landwehr die Geschichte „Das einsame Eichhörnchen“ ausgedacht und diese per E-Mail als Serie verschickt. Es seien Briefe geschrieben und Zaungespräche geführt worden.

„Das alles ersetzt natürlich nicht das Kita-Leben“, weiß Landwehr. Mit „Rappelkiste on Tour“ hat die Kita jetzt eine Möglichkeit des Wiedersehens geschaffen. „Wenn die Kinder nicht zu uns können, kommen wir zu ihnen“, sagt Landwehr. Die ganze Woche über läuft das Projekt bereits, die Gruppen wechseln sich ab. Da die Nachfrage groß sei und die Freude umso größer, werde eine Woche verlängert, sagt Landwehr.

Nur 20 der mehr als 100 Kinder profitieren von der Notbetreuung. „Die Anträge häufen sich aber“, sagt die Leiterin. „Wir als Träger müssen nun prüfen, wie wir umsetzen können, dass jedes Kind vor den Ferien noch mal in die Kita kommen kann.“ Immerhin treffe sich jetzt ein- bis zweimal pro Woche der Schulranzen-Club mit den ab Sommer schulpflichtigen Sprösslingen. Sätze wie „Ich bin froh, wieder meine Freunde zu sehen“, würden zeigen, wie sehr sich die Kinder gegenseitig vermissen.

Die Pinguine sind jene der zwei Krippengruppen, die vor Corona ganztags betreut wurde. Joris" Eltern haben die Schließung gut bewältigt. „Mein Mann und ich arbeiten im Homeoffice“, berichtet Bettina Ziegler. Die beiden größeren Geschwister müssten sich um die beiden kleinen mitkümmern. Doch es gehe nicht nur um die „reine Betreuung, sondern auch um das Miteinander“. Insofern sei die Öffnung der Spielplätze ein Segen. Joris habe zum ersten Mal wieder mit seinem Kumpel Luca spielen können.

Auch Familie Holle in Seckenhausen hat den Ausfall der Kita-Betreuung durch Homeoffice kompensiert. „Doch jetzt muss mein Mann wieder in die Firma, das ist für den Einzelnen gleich dreimal so anstrengend“, erzählt Mareike Holle. Sie hält Töchterchen Emma auf dem Arm. „Schön, euch wiederzusehen“, sagt Rademacher. Die Erzieherinnen bewundern die „richtigen Zöpfe“ des einjährigen Mädchens, das sich dank der Spielplatzöffnung endlich wieder mit Gleichaltrigen treffen darf.

„Das war ein Riesenfortschritt. Außerdem waren wir schon im Tierpark Petermoor und haben sogar die Oma wieder besucht“, sagt Mareike Holle. Bei der Beurteilung der Corona-Krise ist sie zwiegespalten: „Man hat unverhofft mehr Elternzeit erhalten. Doch den Kindern das Treffen mit Freunden zu verweigern, ist schon hart.“

Bei allen Besuchen kommt früher oder später das Wiedersehen in der Kita zur Sprache. „Wann öffnen wir wo und in welchem Rahmen? Das ist nicht so leicht“, stellt Steglich fest. „Wir würden am liebsten wieder normal arbeiten“, fügt Rademacher hinzu. Steglich: „Die Arbeitgeber fangen wieder an, und wir hinken hinterher. Das ist das, was es schwer macht.“

In Brinkum klingeln die Erzieherinnen bei dem fast dreijährigen Rafael, der nach den Ferien in eine andere Kita wechselt. Der Bescheid liege noch aber nicht vor, sagt seine Mutter, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Ich finde es toll, dass ihr rumfahrt“, sagt sie in Richtung Steglich und Rademacher. Wie schon bei den vorangegangenen Stationen stehen die beiden in gebotenem Abstand von Mama und Nachwuchs entfernt. „Wenn wir uns wiedersehen dürfen, wird richtig geknuddelt“, stellt Steglich in Aussicht.

Die Mutter berichtet, dass Rafael seit Corona ein neues Wort entdeckt habe: „Zu allem, was er nicht will, sagt er ,abschließen" – so wie Sandra den Kindergarten abgeschlossen hat.“ Nur allzu gerne hätte sie für ihren Sohn einen Abschied in der Kita. „Für alle, die nicht wiederkommen, wäre ein Abschluss schön.“ Sie regt ein „Elterntreffen mit Abstand“ an. „Wir lassen uns etwas einfallen“, verspricht Steglich.

Im Gegensatz zu Rafael bleiben Joris und Emma in Neukrug. Wie soll ihre Rückkehr funktionieren? Joris wechselt nach den Ferien von der Krippe in den Kindergarten – ein Übergang, der eigentlich begleitet werden müsste. Doch auch Emma war dann lange weg – was ist mit ihrer Eingewöhnung? „Wir gucken von Woche zu Woche und tasten uns heran“, sagt Rademacher.

„Ich würde mich da ganz auf euch verlassen“, sagt Mareike Holle. „Wenn es heißt, morgen darf Emma wiederkommen, dann stehe ich morgen auf der Matte.“

Nach den Besuchen sind die Erzieherinnen hin- und hergerissen: „Es war total schön, wieder den Kontakt zu haben, aber auch traurig, dass man so distanziert sein muss. Man will die Kleinen gerne in den Arm nehmen“, bilanziert Rademacher.

„Die Kita benötigt eine Handhabe, damit sie agieren kann“, sagt Steglich. „Wir wollen arbeiten, doch mit der Kontaktsperre wird es schwierig.“ Schon die Notbetreuung offenbare das Problem. Die Gruppen dürften sich nicht begegnen. Dies widerspreche der pädagogischen Arbeit und der Grundhaltung der Rappelkiste. „Wir sind ein offenes Haus“, sagt Steglich. „Wir stehen eigentlich für Begegnung.“

Von Andreas Hapke

Die beiden Erzieherinnen sind bei der kleinen Emma und ihrer Mama Mareike Holle zu Besuch. Fotos: Andreas hapke

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