Privat finanzierter Sprachunterricht

Asyl-Hilfe: „Wer häufiger unentschuldigt fehlt, der fliegt raus“

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Die Teilnehmerinnen des Pilotprojekts mit Lehrerin Magdalena Kulfan (l.) sowie den Initiatorinnen Ute Sydow (r.) und Brigitte Witte.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Auf dem Stundenplan steht „Meine Familie“. Wer hat wie viele Kinder? Wie alt sind sie? „Ich habe einen Sohn, der ist 19 Jahre alt.“ Für die 15 Frauen, die unter anderem aus dem Sudan, aus Afghanistan und von der Elfenbeinküste kommen, ist der Kurs eine große Chance. Sie erhalten einen privat finanzierten Deutschunterricht. Möglich macht dies das Pilotprojekt „Sprache und Weiterbildung“, bei dem die Gemeinde, die Volkshochschule (VHS) und das ehrenamtliche Flüchtlingsnetz zusammenarbeiten.

„Diese Frauen haben über die 200 Regelstunden hinaus, die jedem Flüchtling zustehen, keinen weiteren Anspruch auf einen staatlich geförderten Unterricht mehr“, erklärt Ute Sydow. „Sie haben nicht so eine gute Bleibeperspektive wie Menschen aus Syrien oder dem Irak.“ Gleichwohl sei es im Sinne der Integration und Teilhabe an der Gesellschaft auch für diese Frauen enorm wichtig, Deutsch zu sprechen. „Das ist oftmals das Erste, was ein Vermieter wissen möchte, wenn ich mit einem Flüchtling auf Wohnungssuche gehe“, nennt Sydow ein Beispiel.

Die Idee zu dem Projekt stammt von ihr. Sydow ist Koordinatorin des Flüchtlingsnetzes und verwaltet auch dessen Spendenkonto. In das Projekt fließt Geld aus einem Benefizkonzert mit Justus Frantz.

„Kann ich bei dir einen Deutsch-Kurs kaufen?“ – mit dieser Frage trat die Seckenhauserin an die örtliche VHS-Leiterin Brigitte Witte heran. Die war sofort Feuer und Flamme. „Das ist wegen der privaten Finanzierung zwar nicht typisch für die Volkshochschule. Doch wenn man in Stuhr eine solche Lücke schließen will, geht das nur über die VHS“, sagt Witte. Allerdings funktioniere das nur unter der Überschrift „Bildung“. Soll heißen: Die Teilnehmerinnen arbeiten mit Lehrmaterial, erhalten Unterricht von einer ausgebildeten Dozentin und schließen alle mit einer Prüfung ab.

Das Angebot ist für maximal 20 Flüchtlinge ausgelegt, vorrangig für Personen mit Alphabetisierungsbedarf. Sie treffen sich seit Mitte Mai jeden Dienstagnachmittag und Samstagvormittag in den VHS-Räumen an der Jupiterstraße. Ende Oktober werden sie 150 Unterrichtsstunden absolviert haben.

Anwesenheit ist Pflicht: „Wer wiederholt unentschuldigt fehlt, fliegt raus. Wir haben uns bereits von sechs Frauen getrennt, die keine Lust hatten“, erzählt Witte. Kontinuität sei auch für die Frauen wichtig, die regelmäßig dabei seien. „Die kommen doch sonst gar nicht voran.“ Deshalb haben sich die beiden zu Kontrollbesuchen entschlossen, Witte dienstags und Sydow sonnabends.

Schwerpunkte des Unterrichts bilden die mündliche Handlungskompetenz, etwa das Äußern von Wünschen oder Erzählen über sich, sowie die Lese- und Schreibkompetenz. Auf dem Stundenplan stehen aber auch mathematische Grundbildung, EDV-Grundlagen und Selbstmanagement. Letzteres soll zur Entwicklung der Persönlichkeit beitragen und unter anderem dazu führen, dass sich die Flüchtlinge realistische Ziele setzen und Alltagsstrukturen ausbilden. „Das fängt schon damit an, dass sich die Frauen für die Zeit des Unterrichts um eine Kinderbetreuung kümmern müssen“, sagt Witte. Den Unterricht gestaltet Magdalena Kulfan, die laut Witte schon viel Kontakt zu Migranten hatte und sich in deren Lage hineinversetzen kann. „Sie macht das mit Herz.“

Mit ihrem Projekt, glauben die Initiatoren, könnten sich für die Flüchtlinge „deutlich verbesserte Chancen auf dem Bildungsmarkt ergeben“. Doch auch aus einem anderen Grund sieht Witte darin eine große Chance für die Teilnehmerinnen, denn: „So etwas wird es nicht wieder geben.“ „Oder doch“, widerspricht Sydow, mit einem Grinsen auf dem Gesicht. „Wenn wir Erfolg haben.“

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