Tipp von Hannelore Brüggemann

Wenn’s in der Krise mal kriselt: Einen Familienrat etablieren

Beim Familienrat werden alle mit einbezogen. Wer noch nicht schreiben kann, darf auch malen. Hannelore Brüggemann aus Neukrug liegt dieses Konzept am Herzen. Es hat ihr bereits öfters geholfen. Fotos: Imago Imgages / Westend61 (Links) und Jantje Ehlers (rechts)
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Hannelore Brüggemann aus Neukrug liegt das Familierat-Konzept am Herzen. Es hat ihr bereits öfters geholfen.

Neukrug - Die Corona-Krise ist eine Herausforderung für viele Familien. Homeoffice, Homeschooling, Haushalt, Kinderbetreuung – da kann es bei aller Liebe auch mal ein bisschen Knatsch geben. In diesen Zeiten, in denen die meisten Familien mehr Zeit als bisher miteinander verbringen, ist gute Kommunikation laut Hannelore Brüggemann aus Neukrug besonders wichtig. Die diplomierte individualpsychologische Beraterin möchte den Menschen ein Instrument ans Herz legen, mit dem sie sowohl beruflich als auch privat gute Erfahrungen gemacht hat: den Familienrat.

Bei dem Familienrat handelt es sich um eine Methode, die der Therapeut Rudolf Dreikurs entwickelt hat. Das Konzept: Eltern und Kinder treffen sich an einem festen Termin (zum Beispiel einmal pro Woche) und besprechen Themen, die alle betreffen – zum Beispiel, was man Oma zum Geburtstag schenken könnte und wohin der nächste Familienausflug gehen könnte. Oder warum es in der zurückliegenden Woche Streit gab. Aber: Der Familienrat ist keine Meckerrunde.

Die Zusammenkunft sollte positiv beginnen, also mit einem Lob, einem Kompliment oder einer Ermutigung. „Was wir alle für tolle Fähigkeiten und Stärken haben wird oft untergebuttert“, bedauert Brüggemann. In der heutigen Gesellschaft werde ständig mit dem Finger auf andere gezeigt. „Ich muss immer etwas leisten, um geliebt zu werden“, beschreibt Brüggemann ein Gefühl, das ihr zufolge viele Menschen kennen. „Die meisten wissen gar nicht, wer das ist, dem sie etwas beweisen wollen.“

Beim Familienrat werden alle mit einbezogen. Wer noch nicht schreiben kann, darf auch malen.

Im Familienrat soll den Teilnehmern etwas anderes vermittelt werden, nämlich: „So wie du bist, bist du in Ordnung.“ Es gibt in dem Konzept zwei Ämter. Diese werden nicht immer von denselben Personen ausgeübt, sondern die Teilnehmer wechseln sich ab. Einer hat den Vorsitz und achtet darauf, dass alle gehört und ernst genommen werden, jeder ausreden darf, zuhört und wartet, bis er an der Reihe ist. Ein anderes Familienmitglied schreibt das Protokoll. „Jüngere Kinder malen gerne das Protokoll“, verrät Brüggemann. Für Kinder sei es auch eine tolle Sache, das Protokoll am Ende unterschreiben zu dürfen.

Gerade bei den Jüngsten würde der Familienrat die Kommunikationsfähigkeit und das Selbstbewusstsein stärken. „Auch die Kleinsten wollen etwas sagen“, so die Neukrugerin. Die Art, wie man sie mit einbezieht, wie man ihnen zuhöre, wirke sich darauf aus, wie sich ihr Weltbild entwickelt.

Und wenn zum Beispiel der pubertierende Jugendliche keinen Bock auf Familienrat hat? Dann nehme er einfach nicht teil, so Brüggemann. Man könne niemanden zwingen. Aber der Jugendliche könne dann halt auch nichts mitentscheiden. So sitze er vielleicht schnell wieder mit am Tisch.

Hannelore Brüggemann leitet das Individualpsychologische Zentrum für Familie und Erziehung in Stuhr. Sie hat sich bereits vor rund 20 Jahren in Süddeutschland zur Familienrat-Trainerin ausbilden lassen. Bis heute sei das Konzept im Norden Deutschlands kaum bekannt. Die Psychologin findet das schade. Immerhin hat ihr der Familienrat schon öfters geholfen. Sie ist verheiratet und Mutter eines mittlerweile erwachsenen Sohns.

„Der Familienrat ist ein Instrument, das man hier noch bekannter machen muss“, ist sie überzeugt. Dabei geht es ihr nicht darum, Werbung für ihr Individualpsychologisches Zentrum zu machen. Brüggemann würde sich sogar wünschen, dass auch andere Menschen sich zu Familienrat-Trainern ausbilden lassen. Es gebe zu wenig Menschen, die Seminare zu dem Thema geben könnten.

Hannelore Brüggemann ist Mitglied im Verein „Praktizierte Individualpsychologie“. Dieser hat Tipps aufgestellt, wie der Familienrat in der Corona-Krise helfen könnte. Kinder würden sich aktuell damit beschäftigen, warum sie ihre Freunde nicht treffen dürfen, weshalb sie eine Maske tragen müssen und wieso die Kita zu hat, heißt es in dem Leitfaden. Und weiter: „Werden Kinder gleichwertig mit einbezogen, gibt ihnen dies Sicherheit und fördert Verständnis und Einsicht in notwendige Maßnahmen, etwa jetzt öfter mal die Hände zu waschen.“ Die Fragen, die bezüglich Covid-19 im Familienrat thematisiert werden könnten, seien vielfältig. Was weiß ich über das Virus? Wie geht es mir, wenn ich daran denke? Was wünsche ich mir von Papa, Mama, Bruder und Schwester? Was vermisse ich am meisten? Was kann ich tun, damit es mir und anderen besser geht? Und was ermöglicht uns das Virus?

Ja, das Virus birgt auch Chancen – davon ist Brüggemann überzeugt. Früher hätten sich Familien beschwert, dass zu wenig Zeit für die Familie bleibt. „Jetzt ist Zeit“, verdeutlicht sie. Die individualpsychologische Beraterin hat den Eindruck, dass die Corona-Krise das Wir-Gefühl stärkt. „Jetzt müssen wir dranbleiben.“

Hannelore Brüggemann nimmt manchmal eine Hilflosigkeit bei Erziehenden wahr. „Ganz viele Familien haben Probleme mit der Kindererziehung. Jetzt in der Zeit der Corona-Krise ist das deutlich sichtbar geworden“, sagt sie. Der Familienrat sei da ein hilfreiches Instrument. Doch auch mit solchen Instrumenten ist es in ihren Augen auf Dauer zu viel, von Zuhause aus zu arbeiten und nebenbei auch noch Kinder zu betreuen.

Weitere Infos

www.familienrat-training.de

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