Kriminalität

Polizei hat in Stuhr Intensivtäter im Blick

Junge Menschen prügeln auf ein wehrloses Opfer ein.
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Tritte und Schläge: Das Aggressionspotenzial unter Jugendlichen und die Tendenz zur Waffengewalt nimmt gefühlt auch in der Gemeinde Stuhr seit Jahren zu. Symbolfoto: Hühne

In einem Landkreis geht es beschaulich zu. Kriminalität kommt zwar überall vor, schwappe aber vor allem aus den Städten ins Umland. So verhält es sich auch mit Bremen und Delmenhorst zu Diepholz – speziell dem Nordkreis.

Stuhr – Im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt Polizeipressesprecher Thomas Gissing die Kriminalitätslage in der Gemeinde Stuhr und nennt einige Schutzmaßnahmen der Ordnungsmacht. „In den vergangenen acht Jahren hat es keine Einstufung mehr einer Person als Intensivtäter in der Gemeinde Stuhr gegeben“, sagt der Beamte. Intensivtäter, das sind zumeist junge männliche Personen, die sehr oft mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Nicht selten sind es Ausländer oder Deutsche mit ausländischen Wurzeln, aber natürlich sind auch Mädchen und Deutsche darunter.

Um bei den Behörden als Intensivtäter geführt zu werden, pflegt die Polizei ein internes Punktesystem. Doch letztlich entscheidet laut Gissing die Staatsanwaltschaft im Einzelfall, ob jemand tatsächlich in diese Einordnung rutscht. Sollte beispielsweise eine positive Sozialprognose vorliegen, hielten sich die Gerichte häufig zurück. „Man versucht immer, Brücken zu bauen“, sagt Gissing. Viele Beteiligte hofften, die Auffälligkeiten der Täter durch Eingreifen (Intervention) des Jugendamtes und durch Gespräche in den Griff zu bekommen.

„Die Fallzahlen wären vielleicht höher, würde man nichts tun“

Aktuell führe die Polizei „sehr viele erzieherische Gespräche“, so Gissing. Dennoch sei die Präventionsarbeit „schwer zu messen“. „Die Fallzahlen wären vielleicht höher, würde man nichts tun, aber man weiß es letztlich eben nicht.“

Fällt jemand in die Kategorie Intensivtäter, wird er „alle 14 Tage von uns besucht“, sagt Gissing. Täter würden dann ziemlich engmaschig betreut durch Polizei, Streetworker und Jugendarbeiter.

Die Vorstufe eines „Intensivtäters“ heißt im Polizeisprech „Schwellentäter“. Auch bei dieser Abstufung griffen – wenn auch weniger engmaschige – polizeiliche Maßnahmen. Täter würden besucht und ebenfalls beobachtet. Es gelte, „je weiter jemand abrutscht, desto intensiver wird er bearbeitet“, fasst Gissing zusammen.

Die zentrale Polizeiinspektion im Landkreis Diepholz zählte das letzte Mal im Jahr 2012 einen Intensiv- sowie zwei Schwellentäter in der Gemeinde Stuhr. 2017 dann habe es laut Gissing in der Folge der massenhaften Einwanderung aus Nordafrika sowie dem Nahen Osten mehrere „Vorfälle“ gegeben. Jedoch seien „die temporären Auffälligkeiten schnell beendet“ gewesen. Häufig erfolgte dies durch Wegzug der fremden Täter in eine andere Stadt oder Gemeinde.

Der Anteil der jungen Tatverdächtigen bei Rohheitsdelikten (Körperverletzungen) nach Altersgruppen beträgt landkreisweit laut Zahlen der Polizei 2,9 Prozent Kinder bis 14 Jahre, 9,6 Prozent Jugendliche (zwischen 14 und 16 Jahren) und 8,3 Prozent Heranwachsende.

Massenschlägerei zwischen zwei Großfamilien in Diepholz

Die im März bekannt gewordene Schlägerei in Stuhr-Brinkum bewertet Gissing derweil nicht als neue Normalität oder die Spitze des Eisberges. „Das war ein singuläres Ereignis“, sagt der Polizeisprecher. Laut den abgeschlossenen Ermittlungen habe es sich um einen Beziehungsstreit zwischen zwei Jugendlichen gehandelt, „die sich um ein Mädchen kloppten“. Aus Langeweile seien im weiteren Verlauf weitere „Schaulustige“ aus Delmenhorst und Bremen-Huchting hinzugeeilt. Der Zwischenfall stehe zudem nicht im Zusammenhang mit der jüngsten Massenschlägerei zwischen zwei Großfamilien in Diepholz, berichtet Thomas Gissing.

Die Kontrahenten in Stuhr waren jedoch laut Gissing bereits im Vorfeld bei der Polizei „auffällig“, und auch bei dieser Auseinandersetzung wieder dabei: Messer. „Zumindest gefühlt hat so etwas zugenommen“, sagt der Beamte über den Einsatz von Hieb- und Stichwaffen. Er bestätigt zudem unter den Tätern „erhöhte Aggressionspotenziale seit 2015“.

Trotz der Verschärfung sei die Zahl der Beamten im Landkreis „grob gleichbleibend“, so Gissing. In der Polizeistation Stuhr beispielsweise seien „acht Kollegen vorwiegend für die Ermittlungsarbeit im Einsatz.“ Die Beamten-Zahl richtet sich laut Gissing nach einem niedersachsenweiten Schlüssel. Demnach ginge die Gesamtstärke „mal ein paar rauf, mal ein paar runter“. Aufgrund stetig besser gewordener Technik sei jedoch Personal von Verwaltungsaufgaben für andere Tätigkeiten, wie den Streifendienst, freigeworden.

Momentan herrsche aufgrund der Pandemielage in Stuhr sowie in ganz Deutschland so etwas wie Corona-Ruhe. Grund seien fehlende Großveranstaltungen und die Kontaktbeschränkungen. Daher gebe es vergleichsweise niedrige Kriminalitätszahlen. Für 2020 zählt das Polizeikommissariat Weyhe 1 799 Straftaten in der Gemeinde Stuhr. Für den Raum Stuhr/Weyhe erfasst die Kriminalitätsstatistik im vergangenen Jahr insgesamt 45 gefährliche und schwere Körperverletzungen. Die meisten Täter hätten unter Alkoholeinfluss gestanden. Das Dunkelfeld bei schweren Delikten in der Statistik hält Gissing für äußerst gering – anders als beispielsweise beim Thema häusliche Gewalt.

Wenn das „entsprechende Klientel“ in der Vergangenheit aus Delmenhorst und Bremen in den Nordkreis zu Großveranstaltungen fuhr, wurden diese von der Polizei auch mal direkt angesprochen, berichtet Gissing. Dabei seien ihnen auch schon Ordner gefolgt, beziehungsweise hatten zufällig den gleichen Laufweg, erzählt der Beamte.

„Die Leute fühlten sich ertappt und reisten dann nicht selten wieder ab.“ Die Botschaft an etwaige Krawallmacher: „Wir kennen euch, wir wissen, wo ihr wohnt und wir haben euch im Blick.“

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