Selbsthilfe für pflegende Angehörige

Wenn Demenz traurig und wütend macht

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Susanne Schröder leitet die Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen mit Demenz und andere Hirnleistungsstörungen.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Trauer, Verzweiflung, Wut – und dann doch wieder ein Moment der Freude, in dem der geliebte Mensch etwas von dem vermittelt, was ihn einmal ausgezeichnet hat.

Angehörige von an Demenz erkrankten Personen erleben ein emotionales Wellenbad, sie sind psychisch und physisch oft überfordert. Hinzu kommt das schlechte Gewissen, dass man so denkt, wie man denkt. Susanne Schröder kennt dieses Gefühlschaos zur Genüge. Seit vielen Jahren leitet sie bei Pro Dem die Selbsthilfegruppe „Demenz und andere Hirnleistungsstörungen“ für pflegende Angehörige, die sich jeden ersten Donnerstag im Monat von 18.30 bis 20 Uhr trifft.

„Ich bin manchmal ganz ungehalten und unfair. Ich kann es nicht akzeptieren, dass meine Mutter nicht mehr funktioniert“, sagt eine Teilnehmerin. Sie weiß, dass sie sich in dieser Gruppe nicht verstellen muss, sondern auf Verständnis und Solidarität trifft. „Die Menschen merken, dass es anderen genauso geht. Sie können Luft holen und sich ihren Kummer von der Seele reden“, erklärt Susanne Schröder.

Eine Frau berichtet über ihren Ehemann, der die Diagnose mit 53 Jahren bekommen habe. Jetzt, fünf Jahre später, sei die Krankheit weit fortgeschritten. „Früher war er ein richtiger Kerl, war mit seiner Harley unterwegs und hat alles selbst repariert.“

Frauen berichten von ihren Erfahrungen

Eine andere Frau erkennt darin ihren Mann wieder, der früher mal ein Sportas gewesen sei. Nur allzu gerne würde sie mit ihrem Partner mal wieder ein Fest besuchen, doch das gehe nicht mehr. „Das ist traurig. Man muss sehen, wie man da durchkommt, ohne vor die Hunde zu gehen“, sagt sie. Sie gönne sich kleine Fluchten, etwa der gemeinsame Saunabesuch mit einer Freundin. Mit seinem aktuellen Zustand würden viele Freunde nicht klarkommen. Frauen würden unbefangener mit dieser Situation umgehen.

„Freunde haben wir gar nicht mehr“, sagt ihre Vorrednerin. „Auch Arbeitskollegen, mit denen man sich mal verstanden hat, bleiben weg. Die Familie ist der Bereich, den wir noch haben.“ Auch sie würde gerne mal wieder mit ihrem Mann essen gehen, sich selbst habe sie gar nicht mehr im Fokus. „Der Einkauf bei Rewe ist mein Mini-Urlaub.“ Zu Hause kümmert sich in dieser Zeit ein Gesellschafter um ihren Mann, organisiert von Pro Dem.

„Sie vereinsamen mit“, stellt Susanne Schröder fest. Sie hört zu, informiert gibt Tipps, unterstützt. Ein Mann denkt darüber nach, seine Frau für einen dritten Tag in der Woche in die Tagespflege zu geben, um mehr Zeit für sich zu haben. „Da brauchen Sie keine Hemmungen haben. Das dürfen Sie gar nicht mit Ihrer Frau besprechen“, lautet ihr Ratschlag.

So unterschiedlich die Krankheitsgeschichten sind, die an diesem Abend erzählt werden, so bekannt kommt den Pflegenden der Alltag der Leidensgenossen vor. Die Verzweiflung, nicht helfen zu können, ist bei vielen greifbar. „Ich versuche, meinem Mann klarzumachen, dass er nicht alleine ist. Aber ich kann die Krankheit nicht aufhalten. Ich fühle mich im Moment ganz traurig“, berichtet eine Teilnehmerin. „Weggeben mag ich ihn nicht – auch wenn es anstrengend ist.“

Neue Selbsthilfegruppe startet am 5. Juni

Den Teilnehmern tut es gut, sich über die Krankheit, ihren Verlauf und die Erfahrungen im Betreuungsalltag auszutauschen. Genau das möchte Pro Dem ab 5. Juni auch Angehörigen von somatisch erkrankten Senioren ermöglichen. In der neuen Selbsthilfegruppe geht es um Einschränkungen, die eine körperliche Versorgung mit sich bringt, etwa nach einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt.

Die Anregung dazu kam aus der Mitte der „Demenzgruppe“. „Die Angehörigen haben sich dort nicht richtig aufgehoben gefühlt“, sagt Susanne Schröder. Die Teilnehmer treffen sich jeden ersten Dienstag im Monat um 18.30 Uhr bei Pro Dem.

Für beide Angebote gilt: Anmeldungen sind unter 0421/898 33 44 möglich oder per E-Mail an die Adresse info@prodem-stuhr-weyhe.de. Für die Zeit der Treffen kann der Verein ehrenamtlich tätige Betreuer organisieren.

www.prodem-stuhr-weyhe.de

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