Weder Eltern noch Kinder trifft Schuld

Michael Albers informiert über AD(H)S in Brinkum

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Michael Albers beantwortet morgen in Brinkum Fragen zum Thema AD(H)S.

Brinkum - Bis zu welchem Punkt ist ein Kind einfach nur lebhaft – und wo beginnt ADHS? Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung wirft sowohl für Eltern als auch Ärzte Fragen auf. Am Donnerstag, 28. September, spricht Michael Albers, Diplom-Psychologe und Leiter der Lebens- und Erziehungsberatungsstelle Walsrode, um 19.30 Uhr in der Bibliothek Brinkum über die Verhaltensstörung.

Im Vorfeld hat er sich Zeit für ein Interview genommen. Die Fragen stellte Katharina Schmidt.

Manche Ärzte behaupten, dass es AD(H)S gar nicht gibt. Wie stehen Sie dazu?

Michael Albers: Es gibt verschiedenste Meinungen, die zum Teil völlig auseinandergehen. Wir haben noch keine Diagnose-Kriterien, mit denen wir zu hundert Prozent festlegen können, dass ein Kind AD(H)S hat. Ich bin mir sicher, dass es AD(H)S gibt. Bezüglich der Anzahl, in der es mittlerweile diagnostiziert wird, habe ich aber Zweifel.

Wieso haben Sie Zweifel?

Albers: Ein Großteil der Diagnosen wird aufgrund von Selbst- und Fremdbeurteilung gestellt. Zum Beispiel bekommen Eltern oder Lehrer Fragebögen. Bestimmtes Verhalten, das da abgefragt wird, kann man aber auch anders deuten. Wenn ein Kind wuselig im Unterricht ist, kann das auch an einer Unter- oder Überforderung liegen. Es kann auch mit Problemen im häuslichen Umfeld zu tun haben, mit einer emotionalen Belastung. Es gab Untersuchungen, die ergaben, dass circa 50 Prozent der AD(H)S-Diagnosen bei Hausärzten falsch waren.

Wie entwickelt sich die Zahl der Betroffenen?

Albers: Die Zahlen schwanken stark. Im Schnitt ist annähernd jedes 20. Kind von AD(H)S betroffen, bei Jungs ist die Diagnoserate erheblich höher als bei Mädchen. Die Zahl der Fälle hatte in den vergangenen fünf bis zehn Jahren erheblich zugenommen, nimmt teilweise jetzt aber wieder ab. AD(H)S galt zwischenzeitlich sogar als „Modediagnose“. Das hat sich zum Glück geändert. Man hat – auch aufgrund einer Medikamentengabe, die fast schon inflationär war – gemerkt: Wir müssen noch genauer hinschauen.

Werden zu häufig und schnell Medikamente verschrieben?

Albers: Ich glaube schon. Wir wissen, dass bei einem Menschen, der AD(H)S hat, die Informationsweitergabe zwischen einzelnen Zellen in bestimmten Regionen des Gehirns gehemmt ist. Die Medikamente setzten genau da an. Bei AD(H)S ist allzu häufig das erste Mittel der Wahl die Verschreibung von Ritalin und ähnlichen Präparaten. Das kann sinnvoll sein und zu einer erheblichen Linderung führen. Das kann aber auch völlig falsch sein. Landläufig spricht man davon, dass Ritalin Kinder ruhigstellt. Bei einer falschen Einstellung hat man manchmal das Gefühl, ein anderes Kind vor sich zu haben.

Was sind Symptome für AD(H)S?

Albers: Ein typisches Symptom ist, dass ein Kind Probleme hat, sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Betroffene sind schnell abgelenkt und müssen sich bewegen. Bei manchen kommt hinzu, dass sie aggressiv und unzufrieden wirken.

Wie reagieren Eltern, wenn sich der Verdacht auf AD(H)S bestätigt?

Albers: Leider stellen sich viele immer noch die Frage: Was haben wir falsch gemacht? Aus meiner Sicht ist das die falsche Frage, denn die Mehrheit der Forscher geht davon aus, dass die Entstehung von AD(H)S nichts mit dem Erziehungsstil zu tun hat. Wir haben ADHS- und ADS-Problematiken in allen bürgerlichen und sozialen Schichten verteilt. Die Ausprägung ist unterschiedlich.

Inwiefern unterschiedlich?

Albers: Wir haben da stärkere Ausprägungen, wo wir ein sehr unruhiges Umfeld und wenig strukturierte Haushalte haben. Interessanterweise haben wir in ländlichen Regionen, in denen wir spezialisierte Ärzte und Psychiater haben, erheblich mehr Diagnosen. Das ist ein Punkt, den ich kritisiere. Es kann nicht sein, dass dort, wo Spezialisten sitzen, die AD(H)S-Rate bis zu dreimal so hoch ist. Das macht mir deutlich, wie unsicher eine solche Diagnose ist.

Was raten Sie Eltern?

Albers: Aufgrund der Fehldiagnosen rate ich dazu, sich mindestens eine zweite Diagnose geben zu lassen, am besten an einem Sozialpädiatrischen Zentrum. Mein zweiter Tipp ist, die Ausprägung regelmäßig – mindestens einmal jährlich – zu überprüfen. Wenn Medikamente notwendig sind, würde ich das therapeutisch begleiten, zum Beispiel durch Ergotherapie et cetera. Eltern müssen sich zudem klar machen: Das Kind meint es nicht böse, wenn es sich nicht konzentriert. Hilfreich ist eine reizarme Umgebung, zum Beispiel kein laufender Fernseher während der Hausaufgaben. Von AD(H)S Betroffene haben aber auch unglaubliche Ressourcen. Sie gelten als flexibel, sind kreativ und vielleicht finden Eltern und Lehrer Wege, dies zu fördern. Nicht zuletzt sollten Eltern sich selbst nicht vergessen und für eigene Entlastung sorgen.

Was erwartet Besucher Ihres Vortrags?

Albers: Ich wünsche mir, dass im Mittelpunkt individuelle Fragen und Antworten stehen. Jedes Kind muss individuell behandelt werden.

Mit dem kostenlosen „AD(H)S“-Abend eröffnen die Träger der ambulanten Kinder- und Jugendhilfe die VHS-Veranstaltungsreihe „Werkstatt Erziehung“. Alle Interessierten sind eingeladen.

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