Gespräch über deutsche und islamische Kultur

Warum dieser Imam gerne Schlange steht

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Arsalan Ahmad, Stuhrer Imam und gebürtiger Deutscher, ist in der islamischen Kultur ebenso Zuhause wie in der deutschen. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt er einige Unterschiede und zeigt aber auch, dass es so manche Gemeinsamkeit von Deutschen und Muslimen gibt.

Stuhr - Von Katrin Köster. „Die Deutschen“ sind reserviert, lieben Formulare und stehen gerne Schlange. „Die Flüchtlinge“ haben von Disziplin und Ordnung keine Ahnung. Solche Klischees bringen den Stuhrer Imam Arsalan Ahmad zum Lächeln. Keine Frage, die islamische und die deutsche Kultur weisen Unterschiede auf. Aber Arsalan Ahmad findet, dass sie mehr Gemeinsamkeiten haben, als häufig vermutet wird.

Das Phämomen des braven Anstellens findet Arsalan Ahmad sogar richtig gut, gibt er zu. „Ich bin in Deutschland aufgewachsen und kenne das seit jeher“, erzählt der 27-Jährige mit pakistanischen Wurzeln. Wie sehr er dieses Alltagsritual verinnerlicht hat, ist ihm erstmals bei einer Reise nach Lahore, der zweitgrößten Stadt Pakistans, bewusst geworden.

„Ich wollte ein Busticket kaufen und habe mich brav angestellt. Aber ich kam gar nicht bis zum Schalter – immer kamen Leute von links und rechts, traten direkt an den Schalter und kauften vor meiner Nase ihre Fahrkarte“, erinnert sich der Imam. Seine eigene Karte habe schließlich ein Verwandter für ihn erstanden – auf pakistanische Art, scherzt er. „Ich habe mich gar nicht richtig getraut, so vorzugehen.“ In Ländern wie Pakistan sei es üblich und keineswegs unhöflich, direkt an den Schalter oder die Supermarktkasse ranzutreten. „Dass das in Deutschland ganz anders läuft, ist für die Flüchtlinge hier gewöhnungsbedürftig“, weiß Ahmad aus vielen Gesprächen mit „seinen“ Gemeindemitgliedern. Doch viele fänden das „deutsche System“ letztlich gut, weiß er zu berichten.

Der wohl signifikanteste Unterschied zwischen der deutschen und der arabischen oder asiatischen Kultur ist für Ahmad die „deutsche Ordnung“: „Die geht mit viel Papierkram einher, aber es läuft. Und das richtig gut“, findet der muslimische Geistliche. In arabischen oder auch asiatischen Ländern ist es seinen Erfahrungen zufolge so, dass Menschen mit Beziehungen zu den „richtigen“ Stellen ihre Anliegen schneller vorbringen könnten. „Jemand mit gesellschaftlicher Macht setzt sich dort meist eher durch“, fasst Ahmad zusammen. „Hier wird auf dem Amt ein jeder gleich behandelt.“ Auch das erkläre er Neuankömmlingen immer wieder.

Ordnung und Disziplin: Diese Begriffe, die gerne als „deutsche Tugenden“ bezeichnet werden, sind auch feste Bestandteile der islamischen Kultur, zeigt der Imam eine Gemeinsamkeit auf. „Wir schätzen das in Deutschland, und auch der Islam lehrt nichts anderes“, betont der 27-Jährige. Als Beispiele nennt er die festgelegten Gebetszeiten und das Achten der Rechte der Mitmenschen, beides schreibe der Koran gläubigen Muslimen vor.

Offenheit und Ehrlichkeit ist in beiden Kulturen wichtig

Ähnliche Vorstellungen haben dem Imam zufolge Deutsche und Muslime auch bei der Wertschätzung der Familie. „Der Islam räumt der Familie einen hohen Stellenwert ein. Jedem Familienmitglied werden im Koran beispielsweise seine Rechte und Pflichten erklärt“, so Arsalan Ahmad. Dazu gehöre auch der Respekt vor Älteren sowie die gegenseitige Achtung von Mann, Frau und Kindern, betont er. „In unseren Ländern werden die Älteren innerhalb der Familie aus Respekt gesiezt“, ergänzt der Imam.

Bei Besuchen in Stuhrer Altenheimen habe er in Gesprächen mit deutschen Senioren erfahren, dass sich viele von ihnen einen engeren Kontakt mit ihren Kindern wünschen. „Hier scheinen sich viele früher von der Familie abzunabeln, als bei muslimischen Familien“, so der Imam. Gleichwohl sei die Situation auch von Familie zu Familie zu verschieden, um eine allgemein gültige Feststellung zu treffen, findet er.

Offenheit und Ehrlichkeit dem Mitmenschen gegenüber ist für Arsalan Ahmad aber die wichtigste Gemeinsamkeit von Deutschen und Muslimen. Das lehren dem Imam zufolge die Bibel und der Koren gleichermaßen. Das heißt für Ahmad, dass man miteinander ins Gespräch kommen und auch im Gespräch bleiben muss – das gilt für Stuhrer und Flüchtlinge gleichermaßen, findet er. „Darum haben wir als Gemeinde für alle offene Türen und bieten unsere Hilfe an“, so der Imam.

Vor diesem Hintergrund freut er sich auch, wenn er bei Reisen von fremden Menschen Unterstützung angeboten bekommt. „Ich sehe mich als Deutschen. Aber wenn ich unterwegs bin, sprechen mich zum Beispiel Zugbegleiter oft auf Englisch an“, erklärt er und deutet dabei auf sich und seine Kopfbedeckung.

„Ich antworte dann immer auf Englisch und bitte darum, Deutsch zu sprechen. Das ist für mich einfacher“, sagt er. „Dann müssen wir immer alle lachen.“ Manchmal ist eben ein Lächeln die beste Verbindung zwischen den Kulturen.

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