Warten, bis der Arzt kommt

Großer Frust: Münchner kämpft seit Wochen um Impftermin für seine in Stuhr lebenden Eltern 

Ein langer Weg zur Impfung: Volker Klein lebt in München und möchte seinen Eltern in Stuhr helfen.
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Ein langer Weg zur Impfung: Volker Klein lebt in München und möchte seinen Eltern in Stuhr helfen.

Stuhr/München – Erst ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, dann ein Ringen um die Geduld. Das Chaos rund um die Impftermin-Vergabe des Landes dürfte in den vergangenen Wochen schon so manchen Rentner an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Besonders ärgerlich ist es dann, wenn man es zwar schafft, sich bei der Impf-Hotline auf die Warteliste für einen Impftermin setzen zu lassen, dann aber wochenlang nichts passiert. So geschehen bei einem Ehepaar aus der Gemeinde Stuhr.

Die wütende Nachricht kommt aus München: „Ich möchte auf diesem Wege meinem Ärger über den Impffortschritt und die gesamte Impfpolitik in Niedersachsen zum Ausdruck bringen“, schreibt Volker Klein. Der 58-jährige Zahnarzt aus Süddeutschland kann nicht fassen, in welcher Situation seine Eltern stecken, die in der Gemeinde Stuhr leben. Mit 82 und 87 Jahren sowie in einem Fall einer schweren Parkinson-Erkrankung gehören beide zur Impfgruppe mit der höchsten Priorität. Doch diese Bezeichnung verliert schnell an Glanz, wenn man Klein zuhört.

Stuhrer Paar wartet seit vier Wochen auf Termin

Seit rund vier Wochen würden seine Eltern auf ihre Impfung warten. Doch statt eines Terminvorschlags bekämen sie in regelmäßigen Abständen Briefe, in denen ihnen versichert werde, dass sie sich auf der Warteliste befinden. „Das ärgert die wirklich dermaßen“, beschreibt Klein den Frust seiner Eltern.

Der 58-Jährige will seinen Eltern gerne helfen und fuhr zuletzt regelmäßig zu ihnen nach Stuhr. Per Telefon versuchte er herauszufinden, warum sich die Terminvergabe so hinzieht. Er fragte in Hannover nach, beim Landkreis, im Impfzentrum – immer sei die gleiche Antwort gekommen: „Da kann man nichts machen. Wenn man auf der Warteliste ist, kann man nur warten, bis man benachrichtigt wird.“ In seiner Verzweiflung bot Klein an, noch abends mit seinen Eltern ins Impfzentrum zu kommen, sollte noch eine Dosis übrig sein. Vergeblich.

Angesichts der Situation findet er nun deutliche Worte: „Das ist ein Schildbürgerstreich auf Kosten von uns allen.“ Er unterstreicht: „Mein Vater ist wirklich schwer krank.“ Zwar seien die Pflegekräfte seines Vaters alle geimpft, dieser selbst sei dem Virus allerdings weiterhin schutzlos ausgeliefert. „Man hat wirklich das Gefühl, dass das an denen vorbeigeht“, beklagt der Münchener.

Das ist ein Schildbürgerstreich auf Kosten von uns allen.

Münchner Zahnarzt Volker Klein

Die regelmäßige postalische Benachrichtigung über die Platzierung auf der Warteliste nennt Klein eine „Geldverschwendung ohne Ende“. Und was ihn dabei besonders frustriert, ist die Situation vor seiner Haustür im Vergleich. In Bayern seien die Impfungen deutlich fortgeschrittener, berichtet Klein. „Ich selbst bin als Arzt schon seit sechs Wochen geimpft.“

Tatsächlich haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts am Donnerstagmorgen in Bayern schon neun Prozent der Bevölkerung eine erste Impfdosis erhalten (Platz vier unter den Bundesländern). Niedersachsen lag zur selben Zeit bei 7,9 Prozent (Platz zwölf).

Nachfrage in Hannover auf der Suche nach Antworten, warum es bei Volker Kleins Eltern so lange dauert. Eine Sprecherin schätzt, es könne sich nur noch um wenige Tage handeln, bis den Eltern ein Impfangebot gemacht werde. Grundsätzlich sei der Landkreis Diepholz bei den Impfungen nämlich sehr gut aufgestellt. Die Vorgehensweise mit den regelmäßigen Wartelisten-Erinnerungen verteidigt sie: „Das soll die Sicherheit geben, dass wir sie nicht vergessen haben.“ Auf die Frage, wie viele Menschen sich derzeit noch auf der Warteliste befinden, weicht die Sprecherin zunächst aus. Dann gibt sie an, dass niedersachsenweit noch 341 050 Personen auf einen Impftermin warten würden (Stand Mittwochnachmittag) – darunter allerdings auch bereits Menschen der zweiten Prioritätengruppe.

Eine Nachfrage beim Landkreis Diepholz schlüsselt diese Zahl weiter auf. Aus dem Landkreis Diepholz befänden sich derzeit noch rund 12 000 Menschen auf der Warteliste (Stand Donnerstagvormittag). Der Anteil der über 80-Jährigen sei dabei allerdings bereits „verschwindend gering“. Bei ihnen will der Landkreis jetzt aufs Tempo drücken. „Wir würden am liebsten die Warteliste für die über 80-Jährigen auflösen“, sagt Kreissprecherin Mareike Rein – und nennt auch gleich ein Ziel dafür: Bis Ostern soll allen über 80-Jährigen ein Impfangebot gemacht werden.

Landrat will Ende der „Wartelistenodyssee“

Der Frust der ungeimpften Impfwilligen scheint auch im Kreishaus angekommen zu sein. So spricht Landrat Cord Bockhop am Freitag in einer Pressemitteilung davon, die „Wartelistenodyssee“ beenden zu wollen. Der Weg: dezentrale Impfungen. Auch Volker Kleins Eltern wurden bereits von der Gemeinde Stuhr benachrichtigt und haben sich dort noch einmal für eine Impfung angemeldet. Doch dann passierte wieder lange nichts, der Frust wuchs.

Jetzt gibt es jedoch Hoffnung. In einer Pressemitteilung gab die Gemeinde am Mittwoch bekannt, dass am 26. und 27. März rund 700 impfberechtigte Stuhrerinnen und Stuhrer am Gut Varrel geimpft werden sollen (mehr dazu im Infokasten). Die Einladungen mit konkreten Terminen sollen dieser Tage bei allen angemeldeten Impfwilligen ankommen – dann dürfte auch für Volker Kleins Eltern das Warten endlich ein Ende haben.

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