Vortrag über Industriespionage

„100 Prozent Sicherheitgibt es nicht“

+
Andreas Bertram

Stuhr - Wie können Unternehmen ihr Fachwissen vor Spionage schützen? Darüber spricht Andreas Bertram vom Landesamt für Verfassungsschutz morgen um 19 Uhr im Rathaus. Die Veranstaltung der Gemeinden Stuhr und Weyhe trägt den Titel „Industrie- und Wirtschaftsspionage: Unternehmenssicherheit als strategischer Erfolgsfaktor – Fälle aus der Praxis“. Der Verfassungsschutz soll Firmen vor der Ausspähung durch fremde Nachrichtendienste bewahren. Im Interview mit Redakteur Andreas Hapke erklärt Bertram, warum seine Behörde auch Ansprechpartner bei Angriffen von konkurrierenden Unternehmen ist.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat den Schaden durch Wirtschaftsspionage mal auf 50 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Gibt es Zahlen für Niedersachsen?

Andreas Bertram: Ich halte nichts von solchen Zahlen, denn das lässt sich so gar nicht berechnen. Es gibt ein doppeltes Dunkelfeld. Zum einen werden Taten nicht angezeigt, weil Firmen Imageschäden befürchten – nicht nur für sich selbst, sondern auch für Dritte, mit denen sie zusammenarbeiten. Zum anderen können Unternehmen wochen-, monate- oder jahrelang ausspioniert werden, ohne dies zu merken. Das taucht in keiner Statistik auf.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Im wesentlichen die, wo Deutschland einen Vorsprung hat. Medizin, Technik, die chemische Industrie. Auch in der Automobilbranche sind deutsche Firmen weltweit gut aufgestellt. Generell geht es um die Frage: Wie innovativ ist mein Produkt? Wie werde ich im Ausland wahrgenommen? Die Risiken hängen nicht von der Größe des Unternehmens ab.

Der Mittelstand soll sogar besonders gefährdet sein.

Stimmt. Viele dieser Firmen haben ihre Ressourcen für Sicherheit nicht angepasst, sei es personell oder technisch. Vor 15 Jahren waren diese Betriebe weniger Gefahren ausgesetzt. Inzwischen sind sie im Ausland aktiv, haben dort Standorte oder arbeiten mit Unternehmen als Joint Venture zusammen. Und sie sind im Internet präsent.

Was sind die Gefahrenquellen?

Da hängen viele Themen dran. Immer wieder kommt es zu Angriffen auf die IT-Infrastruktur. Die Staaten haben aufgerüstet, Stichwort Cyber-Spionage. Und wie verhalten sich die Mitarbeiter? Ist jemand frustriert und gibt deshalb Informationen weiter? Auch das Gebäude kann eine Rolle spielen. In einem Fall wurde der Rechner einer Empfangsdame angegriffen und die Technik im Garten vergraben. Da fragt man sich auch, wie das möglich ist. In der digitalen Welt tut sich viel. Künftig kommt mit Industrie 4.0 ein weiterer Angriffspunkt hinzu. Dann ist die ganze Produktion im Internet präsent, Sabotage kann zu fehlerhaften Produktionsprozessen führen.

Können sich Unternehmen überhaupt schützen? Zumal es täglich 55000 zusätzliche Schadprogramme geben soll?

Wahrscheinlich sind es noch mehr. Bekannt sind ja nur die Signaturen, nach denen man sucht. Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, das muss man wissen. Dann dürften sich Firmen nicht mehr im Internet bewegen und keine Auslandsreisen mehr unternehmen. Es geht darum, wie aus 30 Prozent Sicherheit 60 Prozent werden können. Und da ist Verschlüsselung ein großes Thema für den hausinternen Schutz. Welche Nachricht muss wann und wie verschlüsselt werden? Wer sich darüber Gedanken macht, kann schon viel erreichen.

An wen können sich die Unternehmen wenden, wenn sie den Verdacht haben, ausspioniert zu werden?

Handelt es sich um eine staatliche Ausspähung, ist das ein Thema für den Verfassungsschutz. Konkurrenzspionage ist Wirtschaftskriminalität und wäre ein Fall für die Polizei. Doch wenn einem Unternehmen Daten abhanden kommen, weiß es oft nicht, woher der Angriff kommt. Deshalb empfehlen wir generell den Weg zu uns. Wir sehen uns das an und geben eine erste Einschätzung. Es ist die Einschätzung eines verlässlichen Partners, der keinem Strafverfolgungszwang unterliegt. Viele Firmen wollen gar keine Anzeige stellen. Bei Wirtschaftskriminalität können wir Kontakte herstellen, da ermittelt ja nicht die örtliche Polizeidienststelle. Wir bieten eine staatliche, kostenlose Dienstleistung, die zudem vertraulich ist. Wichtig ist: Findet jemand ein unbekanntes Gerät, das in seinem Netzwerk nichts zu suchen hat, zum Beispiel eine Fritz-Box, dann bloß nichts verändern oder anfassen.

• Die Teilnahme an der Veranstaltung ist noch kurzfristig möglich. Anmeldungen nimmt Petra Spindelndreher unter Telefon 0421/ 5695293 entgegen.

Mehr zum Thema:

Onigiri: die japanische Pausenstulle für unterwegs

Onigiri: die japanische Pausenstulle für unterwegs

Niederlande verlieren erneut - Schweden dreht Spiel: 3:2

Niederlande verlieren erneut - Schweden dreht Spiel: 3:2

Kunstdiebstahl im Bode-Museum: Keine Spur von 100-Kilo-Münze

Kunstdiebstahl im Bode-Museum: Keine Spur von 100-Kilo-Münze

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Christine Kaufmann (†): Bilder aus ihrem Leben

Meistgelesene Artikel

Große Resonanz auf den Infotag der Kreismusikschule

Große Resonanz auf den Infotag der Kreismusikschule

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

Problem Brandschutz: Barrier Grundschule muss auf größten Raum verzichten

„Best Place to Learn“: Lloyd Shoes setzt in der Ausbildung auf Teamarbeit

„Best Place to Learn“: Lloyd Shoes setzt in der Ausbildung auf Teamarbeit

Kommentare