Dr. Jürgen Kallerhoff referiert auf Einladung von Pro Dem

„Vergesslichkeit oder doch Demenz?“

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Dr. Jürgen Kallerhoff, Oberarzt beim Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation am Krankenhaus St. Josef-Stift in Bremen, referiert auf Einladung des Vereins Pro Dem zum Thema „Vergesslichkeit oder doch Demenz“.

Brinkum - Aus Anlass des Weltalzheimertages am Donnerstag finden weltweit vielfältige Aktivitäten statt, um die Öffentlichkeit auf die Situation der Alzheimer-Kranken und ihrer Angehörigen aufmerksam zu machen. Der Verein Pro Dem (Senioren-Service-Büro der Gemeinden Stuhr und Weyhe) hat seit Beginn dieser Woche eine ganze Reihe von Informationsveranstaltungen zum Thema „Alter, Pflege und Demenz“ organisiert.

Am Dienstag referierte Dr. Jürgen Kallerhoff, leitender Oberarzt beim Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation am Krankenhaus St. Josef-Stift in Bremen, zu der Frage „Vergesslichkeit oder doch Demenz?“. Knapp 40 Besucher hatten sich zu diesem Vortrag im Hotel Bremer Tor eingefunden. Am Rande stellte er sich im Interview den Fragen von Rainer Jysch.

Dr. Kallerhoff, viele Menschen setzen Alzheimer mit Demenz gleich. Gibt es da eigentlich einen Unterschied?

Jürgen Kallerhoff: Demenz ist der Oberbegriff für die verschiedenen Unterformen, wie die sogenannte Alzheimer-Erkrankung, die bekannteste und häufigste Demenzform. Wir kennen daneben noch die vaskuläre Demenz, die durch Störungen in der Blutversorgung des Hirngewebes ausgelöst werden kann, Demenz als Begleiterscheinung bei einer Parkinsonerkrankung sowie Alkoholdemenz, bei der durch übermäßigen Genuss von Alkohol das Gehirn auf Dauer geschädigt wird. Daneben gibt es noch andere Formen mit unterschiedlichen Ursachen.

Lässt sich die einfache Vergesslichkeit klar von der Krankheit Demenz abgrenzen?

Kallerhoff: Das ist selbst von Ärzten nicht so leicht zu beantworten. Wir unterscheiden drei Entwicklungsstufen: Da sind zunächst die vermehrte Schusseligkeit oder kleine Gedächtnislücken, die man auch gutartige Altersvergesslichkeit nennt und die zum normalen Alterungsprozess eines Menschen gehört. Man schätzt allerdings, dass ab einem Alter von 75 Jahren etwa 25 Prozent der Hirnleistungsfähigkeit auch bei einem normalen Alterungsprozess verloren geht. So wie Gelenke altern, altert auch das Gehirn. Die nächste Stufe sind leichte kognitive Beeinträchtigungen, wie messbare Gedächtnisdefizite, bei der aber die Alltagskompetenz erhalten bleibt. Die dritte Stufe gehört dann zur dementiellen Entwicklung, die mit einem stark beschleunigten Verlust der Hirnleistungsfunktion einhergeht.

Wie äußert sich Demenz bei den betroffenen Personen? Wie diagnostizieren Sie eine solche Krankheit?

Kallerhoff: Das wichtigste Kriterium sind kognitive Störungen, also der mehr oder weniger starke Verlust der Alltagskompetenz, die sich als Beeinträchtigung der selbstständigen Lebensführung äußern. Gedächtnisstörungen und die Abnahme des Denkvermögens wie abstraktes Denken, Sprache und Urteilsvermögen gehören dazu. Wenn sich diese Beeinträchtigungen länger als sechs Monate zeigen und man andere Ursachen ausschließen kann, sprechen wir von Demenz.

Welche Begleiterscheinungen sind bei Demenz noch zu berücksichtigen?

Kallerhoff: Demenz ist eine schwerwiegende Erkrankung, bei der Gehirnzellen schrumpfen und absterben und dabei für die soeben genannten Beeinträchtigungen verantwortlich sind. Die Krankheit schreitet fort und greift in ihrem Verlauf sehr viele Aspekte der menschlichen Gesundheit an, bei Weitem nicht nur das Gedächtnis. Auch das Sprachvermögen leidet. Sogar die Fähigkeit zur zeitlichen und räumlichen Orientierung sind Begleiterscheinungen von Demenz.

Gibt es verschiedene Abstufungen bei Demenz?

Kallerhoff: Wir unterscheiden ein leichtes, mittleres und schweres Stadium. Bei der ersten Gruppe ist ein selbstständiges Leben noch möglich, wenngleich geringgradige Gedächtnisverluste auftreten und die täglichen Aktivitäten beeinträchtigt sind. Beim nächsten Stadium treten mittelgradige Gedächtnisstörungen auf. Die Betroffenen führen ein „Leben in der Vergangenheit“. Sie kommen nicht mehr ohne Hilfe im täglichen Leben aus, beispielsweise beim Einkaufen und dem Umgang mit Geld. Bei der dritten Gruppe treten schwergradige Gedächtnisverluste auf, die Gedankengänge sind nicht nachvollziehbar und selbst enge Bekannte werden nicht mehr erkannt.

Gibt es eine Risikogruppe, die besonders von Demenz betroffen werden kann oder betroffen ist?

Kallerhoff: Was man klar sagen kann ist, dass die Demenz eine sehr, sehr stark an das Alter gekoppelte Erkrankung ist. Bei jüngeren Menschen, die noch im arbeitsfähigen Alter sind, zählt die Demenz zu den Raritäten. Erst jenseits von 70 Lebensjahren tritt die Krankheit stärker auf und mit jeder weiteren Lebensdekade, also mit 80 und mit über 90 Jahren, haben wir überproportional viele an Demenz Erkrankte. Statistisch liegt die Häufigkeit bei den über 90-Jährigen bei rund 50 Prozent. Man kann sagen, dass das Risiko, an Demenz zu erkranken, der Preis dafür ist, dass wir inzwischen so alt werden können.

Im Rahmen der Themenwoche richtet sich Lilja Helms von Pro Dem Donnerstag insbesondere an Familienangehörige und gibt „Tipps für die Kommunikation mit demenziell Erkrankten“. Die kostenlose Vortragsveranstaltung beginnt um 18 Uhr im Haus Lohmann in Brinkum.

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