Mit dem Abschied von Angelika Stahl ist auch das Ende der Einrichtung besiegelt

Varreler Spielkreis ist Geschichte

Nach 25 Jahren als Spielkreisleiterin hört Angelika Stahl auf und freut sich darauf, ihre Tochter bei der Betreuung des Nachwuchses zu unterstützen.  
Foto: Jantje Ehlers
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Nach 25 Jahren als Spielkreisleiterin hört Angelika Stahl auf und freut sich darauf, ihre Tochter bei der Betreuung des Nachwuchses zu unterstützen. Foto: Jantje Ehlers
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Varrel – Ihren Abschied hat sich Angelika Stahl etwas anders vorgestellt. Doch wegen der Corona-Pandemie endete ihr letztes von 25 Jahren als Leiterin des Spielkreises der evangelischen Kirchengemeinde Varrel abrupt. „Schade, das ging jetzt sehr plötzlich. Ich konnte nicht mal mehr ,Auf Wiedersehen’ sagen. Sonst gab es immer ein Fest zum Abschluss des Kindergartenjahres“, bedauert sie und fügt hinzu: „Vielleicht später mal, wenn Corona vorbei ist.“

Ebenfalls schade: Mit ihrem Ausscheiden ist auch der Spielkreis in Varrel selbst Geschichte. Pastorin Eike Fröhlich begründet dies mit stets wiederkehrenden Personalproblemen, die zuletzt mit rückläufigen Kinderzahlen einhergingen. „In den vergangenen drei Jahren haben wir immer nur von einem Jahr zum nächsten geschaut“, sagt Fröhlich. Speziell das letzte Jahr sei ein „Krampf“ gewesen. „Zusätzlich zu Angelika Stahl brauchten wir ja immer eine zweite Kraft“, sagt die Pastorin. Doch Erzieherin im Spielkreis Varrel – das sei etwas für Einsteiger gewesen. „Wir konnten nur wenige Stunden bieten. Finanziell war das eher ein Ehrenamt mit ein bisschen Entschädigung.“

Hinzu komme, dass auch die Kommunen händeringend Erzieherinnen suchten. Schon einmal, im Sommer 2018, stand eine der beiden Gruppen wegen Personalmangels vor dem Aus. Damals gab es allerdings noch eine Warteliste für die Sprösslinge.

„Zuletzt hatten wir nur acht Kinder, zehn bräuchten wir. Das war finanziell nicht mehr tragbar“, sagt Angelika Stahl. Auch sie spricht von einer Tätigkeit, die „halb Job, halb Ehrenamt“ gewesen sei. „Wir haben nicht viel verdient.“ Doch anders als Fröhlich hat die 64-Jährige in dem Spielkreis immer mehr als einen Einsteigerjob gesehen. Als Mutter dreier Kinder kam es ihr sogar zupass, dass sie nur dienstags und donnerstags von 9 bis 12 Uhr arbeiten musste. Montags und mittwochs traf sich die zweite Gruppe zur selben Zeit bei ihrer Kollegin, die auch freitags einzelne Kinder aus beiden Gruppen betreute.

Entstanden ist der Spielkreis aus einer Gruppe von Müttern, die mit der Betreuung ihres Nachwuchses nicht bis zum Kindergarten warten wollten. „Das ging erst mit drei Jahren los. Damals gab es ja noch keine Krippe“, erzählt Angelika Stahl. „Wir haben die Kirche nach einem Raum gefragt und mussten eine Erzieherin finden. Das hat alles geklappt.“ Nach einem Jahr sprang Angelika Stahl, die ihre Ausbildung in Bremen absolviert hatte, als Erzieherin ein.

Anfangs habe sie den Spielkreis allein mit wechselnder Beteiligung der Eltern gewuppt. Doch als das Angebot immer beliebter und eine zweite Gruppe gegründet wurde, musste die Kirche personell aufstocken. Seitdem habe sie viele Kolleginnen gehabt, sagt Angelika Stahl. „Es wurde aber immer schwieriger, jemanden zu finden.“ Sie selbst habe eigentlich schon im Juni vergangenen Jahres aufhören wollen und noch ein Jahr drangehängt. Deshalb sei die Wehmut auch nicht ganz so groß. „Es war körperlich nicht mehr so einfach, zum Beispiel mit den Kleinen auf dem Fußboden sitzen oder ihnen hinterherlaufen.“

Ihr Fazit zu 25 Jahren Spielkreis Varrel fällt durchweg positiv aus: „Es war eine tolle Zeit. Ich habe viele, viele Eltern kennengelernt und deren Kinder aufwachsen sehen. Wenn man die dann wieder trifft, ist das auch schön.“ Überhaupt habe sie nie bereut, sich für den Beruf der Erzieherin entschieden zu haben. „Mir würde auch heute nix anderes einfallen. Ich habe immer gerne mit Kindern zu tun gehabt.“

Sie hoffe, dass sie mit ihrer Arbeit eine gute Grundlage für die spätere Entwicklung des Nachwuchses gelegt habe. Aus einem Grund werden sich die Mädchen und Jungen auf jeden Fall an sie erinnern: Jedem Geburtstagskind hat Angelika Stahl einen Kuschelfisch genäht. „Ich möchte nicht wissen, wie viele Kuschelfische in Varrel unterwegs sind“, sagt Eike Fröhlich und lacht.

Für die Pastorin war Angelika Stahl eine „zuverlässige Erzieherin mit einer ganz liebevollen Art, wie sie auf die Kinder zugegangen ist. Sie hat Ruhe ausgestrahlt, das hat sich auf die Kleinen übertragen. Sie war etwas ganz Besonderes.“

Nach eigener Auskunft will Angelika Stahl jetzt erst mal die Zeit genießen und ihre Tochter unterstützen, die nach Ablauf der Elternzeit bald wieder in den Job einsteigt. Auf die Zeit mit dem Enkel freue sie sich. Darüber hinaus habe sie während Corona wieder angefangen zu malen. „Ich habe mich früher für Kunst und Fotografie interessiert. Das ist mit den Jahren in den Hintergrund getreten.“ Dies wolle sie wieder aufleben lassen und sich später etwas suchen, wo sie sich einbringen könne, gegebenenfalls ehrenamtlich.

Organisiert wurde der Spielkreis vom Förderverein der Kirchengemeinde. Neben den Elternbeiträgen und Zuschüssen der politischen Gemeinde floss auch der Erlös aus den Flohmärkten in den laufenden Betrieb. Die Kirchengemeinde sprang bei besonderen Ausgaben ein.

Angelika Stahl findet es schade, dass dieses Modell nun ausläuft. „Wir waren ja der Leuchtturm in Stuhr, viele andere Einrichtungen hatten schon lange geschlossen.“ Vor allem für die Kinder sie dies ein schönes Modell gewesen. „Wer uns verließ, war kindergartenfähig.“ Und hatte an den übrigen Tagen in der Woche noch genügend Zeit mit der Mama. Dies habe sich durch die Betreuung in den Krippen gewandelt. „Ich habe den Müttern immer gesagt: ,Nehmt euch die Zeit mit den Kindern. Sie kommt nicht wieder, und ihr legt eine gute Grundlage."“

Von Andreas Hapke

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