Wie Behinderte verreisen können

Urlaub mit Beeinträchtigung birgt große Probleme

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Ohne Betreuer unterwegs zu sein, das dürfte für viele Menschen mit Behinderung im Landkreis Diepholz eine Utopie bleiben. Denn der Weg dorthin ist schwer und Angebote gibt es wenig.

Max hat zu Weihnachten einen Urlaub mit der Familie geschenkt bekommen. Viel lieber würde er aber mit Gleichaltrigen verreisen. Sein Problem: Er hat eine Behinderung, kann nicht richtig laufen. Entweder jemand, der ihn pflegt, begleitet ihn, oder der Urlaub wird unmöglich. Optionen hat er nur wenige.

Landkreis Diepholz – Von Luka Spahr. Die gute Nachricht ist: Max gibt es nicht. Er ist Fiktion. Die schlechte Nachricht aber ist, dass es Menschen gibt, die mit diesen Gedanken und Einschränkungen leben. Das Problem ist real. Möchte ein junger Mensch mit Behinderung aus dem Landkreis auf Reisen gehen, bieten sich ihm nicht viele Möglichkeiten, dies ohne seine Eltern oder andere feste Betreuer zu machen. Ein Reiseanbieter oder eine Reisegruppe, der er sich anschließen könnte, gibt es im Landkreis Diepholz nicht.

Über 13 Gespräche führte der Autor dieses Berichts auf der Suche nach dem, was Max und Menschen, die vor einer ähnlichen Herausforderung stehen, das Leben leichter und vor allem schöner machen könnte: einem richtigen Urlaub. Ihren Anfang nahm die Recherche in einer Selbsthilfegruppe für Angehörige von Senioren mit körperlichen Einschränkungen. Die Gruppe wird in Brinkum von Pro Dem angeboten. Ein paar Teilnehmer hätten kürzlich von Urlauben mit ihren Angehörigen berichtet, erzählt Gruppenleiterin Kirsten Spiekermann. Dazu mussten sie auf spezialisierte Reiseanbieter im Internet zurückgreifen. Dass es diese im Landkreis Diepholz nicht gebe, sei grundsätzlich kein Problem. „Aber es kommt immer mal wieder vor, dass gefragt wird“, so Spiekermann.

Mechthild Strake und Katrin Kurtz vom Kreisbehindertenrat erkennen das Problem. Eine Art Reiseveranstalter für Menschen mit Behinderung gebe es auch ihres Wissens nach nicht im Kreis. Die beiden versprechen jedoch, sich mit dem Thema in Zukunft zu beschäftigen. Dies sei „sicherlich ein Tagesordnungspunkt, den man mal besprechen sollte“, so Kurtz. Sie und ihre Kollegin würden sich mal „schlau machen“.

Einzelne Engagierte können große Hilfe sein

Manchmal bedarf es aber auch nur einer einzigen engagierten Person. Heinfried Schumacher aus Syke ist eine solche. Oder besser: war – bis er den Staffelstab weitergab. Seit 1980 bot er inklusive Reisen für Jugendliche an, an denen jeder Interessierte teilnehmen konnte. Ab 1990 fuhr er sogar ausschließlich mit Behinderten nach Rammsau in Österreich auf einen Bauernhof. Seit 2008 bietetSchumacher die Reisen nicht mehr an. Heute verweist er an die Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Dort habe es bis vor einigen Jahren auch noch ein Angebot gegeben, erklärt Kreisvorsitzender Jonathan Kolschen. 20 bis 30 Teilnehmer hätten die Gruppen immer gezählt. 2017 ging es das letzte Mal los. Und dann? 2018 pausierte das Angebot. Jetzt steht intern zur Debatte, Reisen für Menschen mit Behinderung überhaupt nicht mehr anzubieten. Es sei ein „erheblicher Organisationsaufwand“ und die Teilnehmer seien mit den Jahren immer älter geworden, was zu zusätzliche Herausforderungen geführt habe, so Kolschen. Nicht zuletzt gebe es einfach einen Mangel an Zeit.

Am Ende bleibt nur ein Weg für Menschen wie Max, um in den Urlaub zu fahren: der Weg über das Amt. Während es für betreuende Angehörige eine über das Bundesteilhabegesetz zugesicherte Verhinderungspflege gibt, wenn diese einmal alleine in den Urlaub fahren möchten, ist das Angebot für die Behinderten selbst sehr eingeschränkt.

„Kein Anspruch für Jedermann“

Im Landkreis-Gebäude in Diepholz sitzt in Zimmer P123 Rainer Norzel. Er ist Fachdienstleiter der Abteilung, die über die Bewilligung der Eingliederungshilfe (EGH) entscheidet. Das Gesetz wurde einst geschaffen, um Menschen mit Behinderung dieselben Möglichkeiten im Alltag zu bieten, wie Menschen ohne Handicap. Über die EGH können etwa sogenannte Assistenz- und Budgetleistungen beantragt werden. Menschen mit Behinderung können hier die Kostenübernahme eines Betreuers für ein Freizeitangebot beantragen. Max könnte zwar nicht direkt in einer großen Gruppe, aber zumindest ohne seine Eltern losziehen. Doch Norzel schränkt ein: Es sei „kein Anspruch für Jedermann“. In mehreren Etappen wird von den Mitarbeitern des Landkreises der Hilfebedarf ermittelt. Nur wenn alle Punkte zutreffen, können öffentliche Gelder freigemacht werden. Diese sind in vielen Fällen nötig, denn einen eigenen Betreuer in der Freizeit kann sich nicht jeder leisten.

Als Norzel jedoch von einem Szenario hört, wie Max es erlebt, ist er verwundert: Dass eine Assistenz für einen Urlaub beantragt werde, das habe er noch nie gehört. Max wäre also ein Pionier. Ob sein Antrag rechtens wäre, müsste geprüft werden.

Am Ende bleibt Max also vor allem auf Angebote angewiesen, wie Heinfried Schumacher sie damals angeboten hat. In vielen Fällen werden er und andere Behinderte im Landkreis weiterhin mit ihren Eltern, festen Betreuern oder, wenn sie Glück haben, auch mal mit ihrem Arbeitgeber eine Reise über den eigenen Tellerrand hinaus unternehmen. Ganz alleine unter Gleichaltrigen – das könnte für Max eine Utopie bleiben.

Hintergrund

Immer wieder berichteten während der Recherchen Gesprächspartner davon, dass Bekannte oder Betreute eine Urlaubsreise speziell für Menschen mit Behinderung über das Internet gebucht hätten. Deutschlandweit gibt es mittlerweile einige Anbieter, die sich speziell auf die Wünsche und Anforderungen von körperlich und/oder geistig eingeschränkten Menschen spezialisiert haben. Die Urlaubsfahrten wurden von den Teilnehmern dabei durchaus als positiv, in vielen Fällen aber auch als sehr kostspielig beschrieben.

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