Polizei bestätigt Vorfälle

Mann stirbt auf der A1: Gaffende Lkw-Fahrer filmen und fotografieren den Einsatz

Es ist eine unerträgliche Vorstellung, aber bittere Realität: Während ein 38-jähriger Autofahrer bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, filmen gleich mehrere Lastwagenfahrer das Geschehen.

  • Ein Cabrio-Fahrer stirbt bei einem Unfall auf der A1 bei Stuhr
  • Mehrere Lkw-Fahrer zücken ihr Handy und machen Gaffer-Aufnahmen
  • Die Polizei bestätigt die Vorfälle

Landkreis  Diepholz - „Erste passierende Lkw-Fahrer nutzten ihre erhöhte Sitzposition zum Fertigen von Lichtbild- oder Videoaufnahmen“, bestätigt Albert Seegers als Pressesprecher der Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land/Wesermarsch. Zur Rechenschaft ziehen konnte die Polizei, die zunächst andere elementare Aufgaben am Unfallort hatte, die Betreffenden so schnell nicht. 

Der tragische Unfall ereignete sich am 17. April gegen 15.50 Uhr. Hergang laut Polizeibericht: Ein Lkw-Fahrer lenkt seinen Sattelzug auf den Pannenstreifen der dreispurigen Autobahn 1 zwischen der Anschlussstelle Brinkum und dem Autobahndreieck Stuhr. Der Grund: ein Reifenschaden am Auflieger. Der 38-jährige Fahrer eines Cabrios hält an und steigt aus, um vor seinem Fahrzeug liegende Reifenteile von der Fahrbahn zu holen.

Unfall auf A1 bei Stuhr: Sichtschutz hindert Lkw-Fahrer nicht am Gaffen

Als das geschehen ist und der 38-Jährige wieder in seinem Fahrzeug sitzt, fährt ein nachfolgender Sattelzug auf das Cabrio auf. Der Aufprall ist so stark, dass der Cabrio-Fahrer auf den linken Fahrstreifen geschleudert und dort von einem Pkw überrollt wird. Für den Mann kommt jede Hilfe zu spät.

Ein Todesopfer fordert der Unfall auf der A 1. Ein Cabrio-Fahrer stirbt auf tragische Weise.

„Durch in Reihe aufgestellte Fahrzeuge der Feuerwehr wurde ein provisorischer Sichtschutz errichtet“, berichtet Albert Seegers. Im Einsatz sind Feuerwehrkräfte aus Groß Mackenstedt und Brinkum. Weder das Unfallopfer noch die beschädigten Fahrzeuge sollen für andere Verkehrsteilnehmer sichtbar sein. Trotzdem filmen und fotografieren besagte Lastwagenfahrer aus ihrer erhöhten Position.

Tödlicher Unfall auf A1: Polizei zieht Lkw-Fahrer aus dem Verkehr

„Einer dieser Fahrer konnte von einem eingesetzten Beamten der Autobahnpolizei Ahlhorn gestoppt und auf sein Fehlverhalten angesprochen werden“, berichtet der Polizei-Pressesprecher. „Um zu überprüfen, ob Aufnahmen gefertigt wurden, wurde das Handy sichergestellt.“ Mit Einverständnis des Fahrers sei das Handy gesichtet worden. „Tatsächlich hatte der Fahrer keine Aufnahmen gefertigt“, beschreibt Alfred Seegers das Ergebnis. Der Mann habe sein Smartphone lediglich für ein Videotelefonat genutzt. „Gegen ihn wurde ein Bußgeldverfahren eingeleitet, weil er während der Fahrt ein Mobiltelefon genutzt und dabei in der Hand gehalten hat.“

Immer wieder werfen Gaffer lange Schatten auf Rettungs- und Bergungsmaßnahmen nach Unfällens, auch bei einem Unfall in Bremen Anfang des Jahres. Alles andere als ein Kavaliersdelikt: „Wer Aufnahmen von hilflosen Personen fertigt, kann sich gemäß Paragraph 201 a Strafgesetzbuch strafbar machen“, betont der Polizei-Pressesprecher. „Verletzte Personen gelten nach aktueller Rechtsprechung als ‚hilflos‘. Das Aufnahmegerät wird in diesen Fällen als Beweismittel beschlagnahmt. Ein Verstoß gegen diese Vorschrift kann Geld- oder Gefängnisstrafen nach sich ziehen.“ 

Gaffer-Aufnahmen: Polizei mit Appell an gesunden Menschenverstand

Unabhängig davon appelliert Alfred Seegers an den gesunden Menschenverstand der Bürger: „Der sollte sagen, dass dieses Verhalten absolut respektlos gegenüber den verletzten Personen, den Angehörigen und den Einsatzkräften ist.“ Seegers weiter: „Jeder Einzelne kann sich hinterfragen, was man als verletzte Person davon halten würde, wenn fremde Personen Aufnahmen von der eigenen Hilflosigkeit erstellen und diese eventuell sogar noch in den sozialen Medien teilen.“

Außerdem sollten sich die Personen immer in Erinnerung rufen, „dass es ein Entgegenkommen der Polizei ist, wenn das Passieren der Unfallstelle ermöglicht wird“. Die Alternative sei, so der Pressesprecher, „dass die Freigabe erst erfolgt, wenn die Unfallstelle vollständig geräumt ist“.

Nach dem Unfall am Freitag ist die Autobahn fast fünf Stunden lang gesperrt. Der Verkehr staut sich auf bis zu zehn Kilometern Länge – obwohl die Polizei Entgegenkommen beweist: „Die Verkehrsteilnehmer, die sich unmittelbar hinter der Unfallstelle befanden, wurden im Laufe der Unfallaufnahme über den Standstreifen an der Unfallstelle vorbeigeleitet und konnten danach die Fahrt fortsetzen.“

Kommentar von Anke Seidel: Gnadenlose Sensationslust

Die Sensationslust scheint keine Grenzen zu kennen. Während Rettungskräfte nach einem tragischen Unfall das Opfer bergen, filmen und fotografieren andere das Geschehen – en passant, im Vorbeifahren. Unfassbar! Was treibt Menschen zu einer solchen gnadenlosen Sensationslust? Es ist eine Straftat, die Würde hilfloser Menschen, Verletzter oder Todesopfer so zu missachten. Eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren kann das Gericht dafür verhängen. Für „Gaffen“ sind Geldstrafen bis zu 1 000 Euro fällig. Und das ist gut so. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Zu Respekt und Mitgefühl gibt es keine Alternative. Nicht zuletzt in dem Wissen: Das Unglück kann jeden treffen. Jeden Tag.

Rubriklistenbild: © Günther Richter

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