Überzeugendes lyrisch-musikalisches Porträt über Mascha Kaléko im Rathaus

„Zur Heimat erkorich mir die Liebe“

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Paula Quast rezitiert alle Gedichte von Mascha Kaléko auswendig.

Stuhr - Von Juraj Sivulka. Es war kein einfaches Leben, das die Schriftstellerin Mascha Kaléko, geborene Golda Malka Aufen (1907- 1975), zu bewältigen hatte. Dies führte das Künstlerduo Paula Quast und Henry Altmann, das zum ersten Mal im Rathaus gastierte, den etwa 40 Zuhörern schon in den ersten Passagen deutlich vor Augen.

Während der in Hamburg beheimatete Musiker Altmann mit einem nachdenklichen Stück am Kontrabass eröffnet, besteigt die Schauspielerin Quast behutsam die Bühne und beginnt, sich dem Lebensweg der im galizischen Chrzanów (heute Polen) geborenen jüdischen Dichterin zu nähern. Durch die Verschmelzung von dichterischen Beiträgen und biografischen Daten entsteht ein Kaleidoskop von poetischen Bildern, die Mascha Kaléko einst malte.

Paula Quast rezitiert alle lyrischen Texte auswendig auf einem Stuhl sitzend. Ihre Präsenz ist in den gefühlvollen Gedichten („Interview mit mir selbst“, „Notizen“) hautnah spürbar, handeln sie doch von Kalékos schwerer Kindheit, von den Konflikten mit dem Vater und von der Hoffnung auf Liebe und Glück. Diese Hoffnung scheint in Erfüllung zu gehen, als die Familie 1914 nach Deutschland übersiedelt, um den Pogromen zu entgehen, und Mascha 1928 den zehn Jahre älteren Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko heiratet.

Doch sobald Kalékos Gedichte sachlich werden, nimmt sich die Interpretin deutlich zurück, beispielsweise im Beitrag „Der nächste Morgen“, der die Nüchternheit des Ehelebens beschreibt.

Und gerade in solchen Augenblicken werden die musikalischen Beiträge von Henry Altmann zu einem unvergesslichen akustischen Genuss. Seine eigenen Interpretationen auf Kontrabass, Klavier, Euphonium und Glockenspiel drängen sich im wahrsten Sinne des Wortes in den Vordergrund und schaffen eine wohltuende, teils harmonische, manchmal aber auch konträre Atmosphäre, wenn die Musik gegen den Text arbeitet.

Dies wird deutlich, als sich Kaléko neu verliebt, ein uneheliches Kind bekommt, wieder heiratet und schließlich mit ihrem neuen Mann, dem polnischen Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, aus Nazi-Deutschland nach Amerika flieht.

Aber der Poetin ist die Heimatlosigkeit offensichtlich in die Wiege gelegt worden. 1966 siedelt Kaléko mit der Familie nach Jerusalem über, doch ihre inzwischen auch kritischen Texte mit den heute noch brandaktuellen Themen der wirtschaftlichen Expansion, der Umweltzerstörung und der Fremdenfeindlichkeit sind in Jerusalem nicht gefragt. Umso mehr findet sie ihr Publikum in Deutschland.

Und so bleibt Mascha Kaléko ihr ganzes Leben lang eine Suchende – nach Heimat, nach Liebe, nach Glück. Paula Quast und Henry Altmann haben es auf eine eindrucksvolle Weise in ihrem lyrisch-musikalischen Porträt gezeichnet.

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