Film über Biodiversität in Stuhr

Schotterflächen statt Blumenbeete: „Der Tiefpunkt der Gartenkultur“

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Schottergärten wie dieser bieten den Insekten keinen Lebensraum. 

Stuhr - Von Andreas Hapke. In der Diskussion über die sogenannten Schottergärten hat sich jetzt auch Stuhrs Umweltbeauftragter Marc Plitzko zu Wort gemeldet. Der Trend, in privaten Gärten Flächen mit Flies, Kies, Steinen und Schotter abzudecken, sei erschreckend und auch in der Gemeinde zu erkennen, sagt Plitzko. Er spricht vom „Tiefpunkt der Gartenkultur“. Auch wenn es in Stuhr noch nicht so gravierend sei wie andernorts, wolle er die Bewohner für Artenschutz und Biodiversität sensibilisieren. Dies hat sich auch ein Film der Win-Region zum Ziel gesetzt.

Seit Jahren sehen sich die Kommune im Allgemeinen und Plitzko im Speziellen verpflichtet, einen „blühenden Lebensraum für unsere Insekten“ zu schaffen. So jedenfalls steht es auf den Tüten mit der Wildblumenmischung, die die Win-Region zusammengestellt hat und über ihre Mitgliedskommunen im Nordkreis verteilen lässt. 500 dieser Tüten mit zum Beispiel Mohn, Margarite, Nelke und Witwenblume waren Mitte der Woche noch kostenfrei im Bürgerbüro zu haben. „Die Samen werden auch noch keimen, so feucht wie es ist“, sagt Plitzko. Insgesamt reichten diese Tüten für 1000 zusätzliche Quadratmeter Blühfläche.

Die Gemeinde geht auch außerhalb der Win-Region mit gutem Beispiel voran und hat 2018 und in diesem Jahr 4500 Quadratmeter Lebensraum für die vom Aussterben bedrohten Bienen, Schmetterlinge & Co. angelegt. Darüber hinaus hat sie Landwirte überzeugt, ihre Randstreifen zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise seien noch einmal 2000 Quadratmeter hinzugekommen. Doch das Engagement der Gemeinde koste Steuergelder, und Landwirte müssten Geld verdienen. „Man kann von denen nicht verlangen, was man selbst nicht bereit ist zu leisten.“

Überlebensmöglichkeiten für Insekten schaffen

Viel effektiver sei es, in Privatgärten Überlebensmöglichkeiten für die Insekten zu schaffen, etwa durch Aussäen der Wildblumenmischung der Win-Region. Oder indem man den Rasen hochwachsen lasse. „Jede Fläche zählt“, sagt Plitzko und fügt hinzu: „Wer glaubt, sich mit einem Schottergarten Arbeit zu ersparen, der irrt. Wir haben ein humides Klima. Da siedeln sich auf jeden Fall Moose an, die man entweder chemisch mit umweltschädlichen Substanzen oder thermisch, also mit Energieaufwand, beseitigen muss.“ Laut Plitzko widersprechen reine Schottergärten sogar geltendem Baurecht (siehe Infokasten). Abgesehen von den Folgen für die Insekten seien sie negativ für die Entwicklung des Landschafts- und Stadtbildes.

Seine Diplomarbeit hatte Plitzko Anfang der 2000er-Jahre über Gärten geschrieben. Damals seien 08/15-Parzellen mit „Rasen, Rosen und Koniferen“ verpönt gewesen. „Heute wäre man schon froh, wenn man die hätte.“ Nicht nur die Schottergärten sind dem Umweltbeauftragten ein Dorn im Auge, sondern auch Wände aus Plastikgeflecht und Drahtgitter als Abgrenzung. Diese Form von Abschottung sage auch viel über die heutige Gesellschaft aus. „Warum nicht lieber ein paar Hecken und Sträucher pflanzen?“, fragt Plitzko.

Film „Wir schaffen Lebensraum“ am 5. Juni

Als weiteren Baustein für die Sensibilisierung und Aktivierung der Gesellschaft präsentiert die Win-Region den 20-minütigen Film „Wir schaffen Lebensraum“, der am Mittwoch, 5. Juni, in Stuhr Premiere feiert. Zeit und Ort: um 19 Uhr im Rathaus. Projektträger ist das Twistringer Hildegard-von-Bingen-Gymnasium, dessen Schüler Melvin Melloh und Luca Perin den Film gedreht haben. Laut Wenzel begleiten die beiden einige Aktionen der Win-Region. „Auch positive Beispiele von Gärten werden gezeigt.“ Eine Diskussionsrunde schließt sich an.

Mit der Veranstaltung verbindet Wenzel auch einen frommen Wunsch: „Vielleicht kommen wir mit Verfechtern von Schottergärten ins Gespräch.“ Plitzko betont: „Niemand soll sich angegriffen fühlen. Die Leute meinen das nicht böse, sie denken nur nicht drüber nach. Wir wollen sensibilisieren, bevor zehn Prozent der Bewohner solche Gärten haben.“

Hintergrund: Das geltende Recht

Gemäß Paragraf 9 Absatz 2 der Niedersächsischen Bauordnung (NBauO) müssen nicht überbaute Flächen der Baugrundstücke Grünflächen sein. Die Freiflächen können mit Rasen oder Gras, Gehölzen, anderen Zier- oder Nutzpflanzen bedeckt sein. Plattenbelege, Pflasterungen und dergleichen sind allenfalls zu den Grünflächen zu zählen, wenn sie zum Beispiel eine verhältnismäßig schmale Einfassung von Beeten darstellen. Auf diesen Flächen muss Vegetation überwiegen, sodass Steinflächen aus Gründen der Gestaltung oder der leichteren Pflege nur in geringerem Maße zulässig wären. 

Auf dieses geltende Recht verwies die niedersächsische Landesregierung im März nach einer Anfrage der Grünen. Vorangegangen war ein Bericht in der Deister-Weser-Zeitung, wonach das Hamelner Finanzamt selbst zu der Auffassung gekommen sei, dass der eigene Schottergarten nicht der NBauO entspreche. Stuhrs Umweltbeauftragtem Marc Plitzko ist nach eigener Auskunft nicht bekannt, dass die Gemeinde schon einmal einen solchen Verstoß verfolgt hat. Ausschließen könne man das für die Zukunft nicht. „Das Thema beschäftigt uns erst seit ein paar Jahren.“

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