Herzliche Hilfe ohne Aufenthaltstitel

Ein Flüchtling im Seniorenheim: Das neue Leben des Herrn Tatenda

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In Zimmer 119 im Haus am Deichfluss liegt Heinrich Sudmann. Tatenda Manaka schaut regelmäßig, wie es dem Senior geht. Die beiden verstehen sich. Neulich haben sie noch über der, die und das gesprochen. Artikel, wie es sie in Tatenda Manakas Muttersprache Englisch nicht gibt.

Tatenda Manaka kam vor rund zweieinhalb Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Er floh vor den politischen Konflikten in seiner Heimat Simbabwe. In Stuhr fand der heute 20-Jährige nicht nur ein neues Zuhause, er startete auch eine Ausbildung zum Pflegefachmann. Auch wenn er damit dem Fachkräftemangel entgegenwirkt: Gesichert ist seine Zukunft in Deutschland nicht.

Stuhr – „Es ist schwer, aber machbar.“ Dieser Satz von Tatenda Manakas Mutter stand am Anfang einer langen Reise. Sie begann vor fast zweieinhalb Jahren im Süden Afrikas. Genauer: in Simbabwe. Und sie führte Tatenda, seine Mutter und seine kleine Schwester, die damals noch ein Baby war, nach Deutschland. Dort fanden sie nicht nur Ruhe vor den schwelenden politischen Konflikten in ihrem Heimatland. In Stuhr fand Tatenda auch einen neuen Arbeitsplatz. Der 20-jährige Flüchtling steckt mitten in einer Ausbildung zur Pflegefachkraft in einem Altenheim. Und die Bewohner dort mögen ihn außerordentlich.

„Guten Morgen! Hallo! Moin!“ Johannes Oltmanns geht mit schnellen Schritten und einem freundlichen Lächeln durch das Haus am Deichfluss. Laut, damit ihn auch alle verstehen, grüßt er die Bewohner des Altenheims an der Pablo-Picasso-Straße in Moordeich. Oltmanns – grau-kariertes modernes Jackett, gepflegter Dreitagebart – ist der Leiter der Seniorenresidenz, die zur Specht- und Tegeler-Gruppe gehört. Als er von seinem Büro über eine Treppe in den ersten Stock führt, ist laute irische Musik zu vernehmen.

Eine kleine Gruppe Senioren hat dort gerade „Tanzunterricht“. Sie rudern mit den Armen. Leichte, bunte Tücher fliegen durch die Luft. So gut die Gesundheit das eben noch mitmacht. Im Dienstzimmer dahinter steht Tatenda Manaka und lächelt sein warmes, entspanntes Lächeln, dass er eigentlich meistens bei seiner Arbeit vor sich herträgt.

Politische Konflikte in Simbabwe

Seit August 2018 macht er im Haus am Deichfluss eine dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft. Eigentlich wollte Tatenda Manaka Arzt werden. Doch sein Abitur aus Simbabwe wurde in Deutschland nicht anerkannt. Als ihm eine Tante, die in Kanada als Altenpflegerin arbeitet, sagte, „Probier das mal“, war er am Anfang noch unsicher. „Es ist nicht meine Sprache“, sagte Manaka.

Nach zwei Praktika im Haus am Deichfluss waren sich aber sowohl die Einrichtungsleitung als auch er sicher: Wir versuchen es mal. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Tatenda an der BBS in Syke in einer Sprint-Klasse bereits auf seine B1-Sprachprüfung hin.

Dass die Entscheidung damals eine richtige war, zeigt sich heute. Der junge Mann mit der Brille und dem Stirnband um die Haare spricht nicht nur sehr gut Deutsch, er ist in seiner Klasse an der Pflegeschule in Delmenhorst auch einer der Besten. Seine letzte Note: eine Eins in Englisch. Zugegeben, hier hat Tatenda Manaka einen kleinen Vorteil. Englisch ist seine Muttersprache. In Simbabwe werden bis zu vier verschiedene Sprachen gesprochen. Bei seiner Mutter und seiner kleinen Schwester, die heute in Sulingen wohnen, ist er der Ansprechpartner, wenn es um die deutsche Sprache geht.

Positive Sonderrolle im Seniorenheim

Seine Sonderrolle im Seniorenheim wird klar, wenn man zuhört, wie andere dort über ihn sprechen. Bei vielen heißt er Herr Tatenda oder auch mal Herr Darlington – nach seinem zweiten Vornamen. Dass beides nicht seine Nachnamen sind, scheinen nur die wenigsten zu wissen. Herr Manaka hört man eher selten. Aber das stört den Azubi nicht. Während er davon spricht, lächelt er nur sein herzliches, leicht amüsiertes Lächeln.

Das ist es auch, was Heinrich Sudmann schätzt. Der 84-jährige Groß-Mackenstedter klagt an diesem Tag über Schmerzen. Als Tatenda Manaka in sein Zimmer mit der Nummer 119 kommt, kann Sudmann schon wieder lächeln. „Das klappt gut mit ihm“, findet er. Als Oltmanns den Senior fragt: „Was mögen Sie am liebsten an Herr Tatenda?“, antwortet dieser, ohne zu zögern: „Alles!“

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Bei den Bewohnern ist heute keine Abneigung gegenüber Manakas Herkunft oder Vergangenheit zu spüren. Das war nicht immer so (siehe Interview unten). Nachdem jedoch immer wieder auch Personal und Auszubildende mit Migrationshintergrund eingestellt wurden, änderte sich die Meinung. Heute haben von den 48 Mitarbeitern des Hauses 25 einen Migrationshintergrund. Von den zwölf Azubis die Hälfte.

Nur geduldet, kein festes Aufenthaltsrecht

Tatenda Manaka arbeitet gerne in dem Stuhrer Altenheim und kann sich auch vorstellen, in dem Beruf zu bleiben. Auf Oltmanns Frage, wo er sich in 20 Jahren sehe, antwortet Tatenda, dass er sich auch eine Position als Heimleitung gut vorstellen könne.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Trotz Arbeitsplatz und gesicherter Ausbildung: Manaka bleibt in Deutschland ein Flüchtling. Er ist hier nur geduldet und hat keinen Aufenthaltstitel. Daher lebt er auch noch in einer Flüchtlingsunterkunft in Brinkum. Zusammen mit Oltmanns sucht er derzeit nach einer eigenen Wohnung.

Auch wenn Manaka schon vieles erreicht hat: Für seinen 21. Geburtstag, den er in Kürze feiert, dürfte der Wunschzettel nicht leer sein. Sein größter Traum sei es, in Deutschland bleiben zu dürfen. „Alles, was ich brauche, ist doch hier“, sagt Manaka und lächelt.

Kommentar zum Thema

Von Luka Spahr

Hinter der Geschichte

Es gibt Situationen, in denen weiß ich gar nicht, warum alle so ein Bohei machen. Der Besuch bei Tatenda Manaka im Haus am Deichfluss gehörte dazu. Ein junger Mann, der nicht in Deutschland geboren ist und der eine Ausbildung zum Pflegefachmann macht. Aha! Und wo ist jetzt das Besondere an der Geschichte? 

Ich fand es, als ich mich Tatenda unterhielt. Als ich den Bewohnern zuhörte und mit Tatendas Chef sprach. Es sind die Details, die diese Geschichte zu etwas Besonderem machen. Da wäre zum Beispiel der Fakt, wie unglaublich schnell sich Tatenda in Deutschland eingelebt und unsere Sprache gelernt hat. Zweieinhalb Jahre ist er gerade einmal hier. 

Dann: Der junge Simbabwer arbeitet nicht irgendwo. Er hat sich entschieden, die Menschen zu pflegen, deren Generationsvertreter vielleicht vor einigen Jahren nicht mal mit „jemandem wie ihm“ gesprochen hätten. Und am Ende das Faszinierendste: Es gibt so viele, denen Tatendas Herkunftsland einfach egal ist. 

Seien es die Ehrenamtlichen der Zukunftswerkstatt, sein Chef, seine Kollegen und ja, auch die Bewohner des Altenheims. Sie sehen in dem 20-Jährigen das, was er ist: ein junger, herzlicher Mensch, der in Deutschland eine Zukunft sucht und der das auf sich genommen hat, was wohl nur die Wenigsten von uns leichtfertig tun würden – die eigene Heimat verlassen und in einem weit entfernten Land ganz von vorne anzufangen.

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