Corona-Hilfen als Boomerang

Tanzlehrerin Irene Thimm aus Stuhr muss Überbrückungsgelder des Bundes zurückzahlen

Tanzen ist nicht nur ihre Leidenschaft, sondern auch Irene Thimms Beruf. Die Corona-Pandemie traf die freiberufliche Tanzlehrerin hart – und jetzt kommt noch die Rückzahlung der Corona-Hilfen des Bundes hinzu.
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Tanzen ist nicht nur ihre Leidenschaft, sondern auch Irene Thimms Beruf. Die Corona-Pandemie traf die freiberufliche Tanzlehrerin hart – und jetzt kommt noch die Rückzahlung der Corona-Hilfen des Bundes hinzu.

Irene Thimm ist Tanzlehrerin aus Stuhr und befindet sich in einem Zustand aus Verärgerung und Verzweiflung. Denn die 61-Jährige wurde im Dezember darüber informiert, dass sie einen großen Teil ihrer zu zwei Zeitpunkten während der Corona-Pandemie gewährten Hilfen des Staates in diesem Jahr zurückzahlen muss. Für die Freiberuflerin ist das nicht nachvollziehbar.

Stuhr – Mit einer gewissen Leichtigkeit sollen die schwarzen Tanzschuhe ihre Besitzerin Irene Thimm im Einklang mit der Musik über das Parkett tragen. Doch bei der Tanzlehrerin aus Stuhr macht sich derweil eher Schwermut breit. Denn die Solo-Selbstständige steht plötzlich unter dem Druck, ihre Corona-Soforthilfen aus den letzten beiden Jahren zurückzahlen zu müssen.

Eines stellt Irene Thimm direkt zu Beginn sowie im weiteren Verlauf des Gespräches mit der Kreiszeitung mehrfach klar: „Es geht mir nicht darum, dass ich das Geld behalten und nicht zurückzahlen will“, sagt die Stuhrerin, „sondern dass ich die volle Summe zurückzahlen muss. Das entzieht sich meiner Logik.“

Corona-Welle schlug gnadenlos zu

Im Jahr 1998 gab die heute 61-Jährige ihren damaligen Beruf als Architektin auf und widmete sich ihrer Leidenschaft, dem Tanzen. Sie ließ sich zur Tanzlehrerin ausbilden und arbeitete in der Folge Vollzeit, seit 2008 als Solo-Selbstständige und Freie Tanzlehrerin mit dem, was ihr Spaß macht. Sie unterrichtet Gesellschaftstänze in Tanzschulen und Vereinen, etwa der Tanzarena in Bremen, dem Club der Tanzfreunde Zeven oder bei der TSG Seckenhausen.

Wie viele Freiberufliche traf auch Irene Thimm die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020 mit gnadenloser Wucht. Sie erinnert sich: „Zuerst habe ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, aber dann überschlugen sich die Ereignisse. Alle Kurse wurden eingefroren, und ich stand ohne Beschäftigung da.“ Das war am 14. März 2020. Damals habe sie damit gerechnet, dass nach „vier bis sechs Wochen“ alles wieder zur Normalität zurückkehren würde. „Mir war die Tragweite da noch nicht bewusst.“

Trotzdem sah sich die gebürtige Bremerin mit akuten Problemen konfrontiert. Denn keine Beschäftigung bedeutete für sie auch: kein Einkommen. Ihre Lebenserhaltungskosten liefen indes weiter; Miete, Leasing und Versicherungen wurden weiterhin abgebucht.

Soforthilfen in voller Höhe gewährt

Doch bereits kurz nach dem ersten Nackenschlag des harten Lockdowns erfuhr Irene Thimm durch die Medien von der Möglichkeit, unkomplizierte Corona-Soforthilfen des Bundes in Anspruch nehmen zu können. Am 6. April füllte sie die dafür notwendigen Formulare der Investitions- und Förderbank Niedersachsen (NBank) aus und reichte sie ein.

Für die drei Monate April, Mai und Juni 2020 veranschlagte die Tanzlehrerin jeweils 2 500 Euro. „Da klar eine Existenzgefährdung besteht, bitte ich um Unterstützung in größtmöglicher Höhe“ formulierte sie in ihrem Antrag an die NBank. Gerade diese Monate vor den Sommerferien seien für Irene Thimm besonders wichtig, da viele Tanzschulen und Vereine während der Ferien auch keine Kurse anbieten und in Sommerpause gehen würden. „Da muss ich mir vorher immer ein Polster anfuttern und arbeite daher viel“, sagt sie.

„Erstaunlich schnell“ sei danach die für Irene Thimm erfreuliche Rückmeldung gekommen: Die NBank gewährte ihr die beantragte Summe in voller Höhe von insgesamt 7 500 Euro. Doch dass sie das Geld später in voller Höhe zurückzahlen muss, habe sie seinerzeit nicht gewusst. „Sonst hätte ich es mir von Verwandten geliehen“, erzählt sie.

Überbrückungshilfen im Folgejahr beantragt

Zusätzlich improvisierten die gebürtige Bremerin und ihre Auftraggeber Online-Kurse, die einerseits die Lust der zu Hause eingesperrten Tanzschüler auf Bewegung befriedigen, andererseits den Beteiligten eine kleine Einnahmequelle bieten sollten. Etwa 650 Euro habe Irene Thimm zusätzlich zu ihrer Corona-Soforthilfe monatlich verdient. Geld, dass sie, wie sie sagt, „mit Freuden“ an den Staat zurückgezahlt hätte, da sie sich ja nicht an der Krise und den Soforthilfen habe bereichern wollen.

Auch im Folgejahr 2021 beantragte sie lockdownbedingt die nun Überbrückungshilfe genannte Stütze des Staates für drei Monate. Erneut wurden ihr 7 500 Euro gewährt. In den weitestgehend coronaarmen Sommermonaten habe sie viel gearbeitet, „um den Leuten was zu bieten und die Kunden halten zu können“. Da die Teilnehmerzahl ihrer Kurse verringert wurde, habe Irene Thimm mehr Kurse als gewöhnlich angeboten und damit entsprechend mehr Geld verdient.

Rückzahlung bis Ende Februar

Doch im Dezember traf die 61-Jährige der Schlag. Sie erhielt eine Nachricht, dass das Geld aus beiden Corona-Hilfen zurückzuzahlen sei: der komplette Betrag aus der ersten Soforthilfe und etwa die Hälfte des Geldes der Überbrückungshilfe, insgesamt etwa 11 000 Euro. Stichtag: 28. Februar 2022.

Dass sie Geld zurückzahlen muss, sei für sie kein Problem. Aber dass sie die ersten 7 500 Euro in Gänze an die NBank zurücküberweisen soll, das sei für Irene Thimm „nicht nachvollziehbar“. Sie müsse dafür ihre Altersvorsorge anfassen. Auch die damalige Kurzfristigkeit der Stichtage, keine drei Monate, stoße bei ihr übel auf. Schließlich habe sie laufende Kosten gehabt und sei unverschuldet in den staatlich angeordneten Lockdown geschlittert. „Wenn die gesagt hätten: ,Du hast doch was verdient, das möchten wir zurückhaben‘, das hätte ich verstanden“, sagt sie. Daher sei ihr Wunsch, in Zukunft existenzsichernde Hilfen zu veranschlagen, „ohne die Angst, dass man die volle Summe davon zurückzahlen muss“.

Zeitliche Entlastung

Doch es gibt auch gute Nachrichten, denn die Geldgeber reagierten offenbar auf die Entrüstung ihrer Gläubiger und die Tatsache, dass die Pandemie noch immer nicht vorbei ist: Den Anteil der zweiten Überbrückungshilfe muss Irene Thimm nun erst bis zum 30. Juni zurückzahlen. Der noch immer volle Betrag der Soforthilfen aus 2020 wird zum 31. Oktober fällig.

Außerdem habe die Stuhrerin viel Rückhalt ihrer Tanzschüler erfahren. „Die Leute sind wiedergekommen, nur sehr wenige haben gekündigt“, erinnert sie sich. „Viele Schüler haben eine persönliche Bindung zu ihrer Tanzlehrerin und halten mir treu die Stange“. Allerdings seien die Schüler auch vorsichtiger geworden. Zurückhaltung sei spürbar.

Zuletzt weist Irene Thimm darauf hin, dass „wir Solo-Selbstständige auch unseren Teil zur Gesellschaft beitragen“. Und nach überstandener Pandemie will sie so wieder das Tanzen lehren – mit Leichtigkeit und ihren schwarzen Tanzschuhen.

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