Hilfe für ältere Mitbewohner

Tag der Nachbarn: Stuhrer Verein Pro Dem beteiligt sich

Ein Einkaufskorb steht vor einer Wohnungstür.
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Mal den Einkauf vor die Tür stellen: In Aktionen wie dieser kommt Nachbarschaftshilfe zum Ausdruck.

Zum vierten Mal ruft die nebenan.de-Stiftung heute zum Tag der Nachbarn auf. Überall in Deutschland soll ein Zeichen für gute und lebendige Nachbarschaften gesetzt werden – mit kleinen und großen gemeinschaftlichen Aktionen. Der Brinkumer Verein Pro Dem beteiligt sich.

Brinkum – Wenn Lilja Helms ihre Hausbesuche macht, dann kommt es häufiger vor, dass der Tisch schon gedeckt ist. Frisch gekochter Kaffee und ein Stückchen Schwarzwälder Kirschtorte stehen auf Häkeldeckchen bereit. Dabei will die Leiterin des geronto-sozialen Bereichs beim Senioren- und Pflegestützpunkt Pro Dem eigentlich „nur“ einen Antrag auf Pflegegrad besprechen.

„Daran sieht man, wie wichtig den Menschen dieser Termin ist“, stellt Helms fest. „Außer dem Pflegedienst kommt sonst niemand. Dann laufen nur der Fernseher oder das Radio. Deshalb saugen sie den Kontakt auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Diese Leute stehen endlich mal wieder im Mittelpunkt.“ Der Pro-Dem-Mitarbeiter sei dann der „richtige Mensch mit dem richtigen Ohr am richtigen Ort“. Ähnlich sei es bei Telefonaten, wenn die Senioren über ihre Enkelkinder erzählten oder darüber, dass die Tochter nach Corona wieder zu Besuch komme.

In seiner täglichen Arbeit erlebt Pro Dem, was die Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum in ihrer Studie herausgefunden hat: In Deutschland fühlt sich jeder Fünfte über 85 Jahre einsam. „Es gibt keine Altersgruppe, in der sich Menschen nicht einsam fühlen. Besonders sind jedoch ältere, kranke Menschen betroffen, die kaum noch ihr Haus verlassen können“, sagt Luhmann.

Corona hat die Lage der Senioren noch mal verschärft, auch das haben die hauptamtlichen Mitarbeiter und ehrenamtlichen Seniorenbegleiter von Pro Dem während der Pandemie immer wieder festgestellt. Denn anders als andere Institutionen hat der Verein seine Hausbesuche zu keiner Zeit eingestellt.

Laut Helms hat Corona aber auch etwas anderes gezeigt: wie wichtig nachbarschaftlicher Zusammenhalt und lokales Engagement sind. „Zu den Nachbarn hat man in dieser Zeit am ehesten Kontakt gehabt. Sie können mit kleinen Dingen die sozialen Verbindungen aufrechthalten. Und sie können das jeden Tag.“

„Eine intakte Nachbarschaft ist ein superhohes Gut“

Kein Wunder also, dass Pro Dem den heutigen Tag der Nachbarn dazu nutzt, auf dieses Potenzial aufmerksam zu machen und noch mehr Menschen mit ins Boot zu holen. In einigen vom Verein betreuten „Quartieren“ verschenken Ehrenamtliche aus Stuhr, Weyhe und Syke – die sogenannten Ansprechpartner der Nachbarschaft – bunte Grüße in Form von kleinen Tüten mit bienenfreundlichem Saatgut an ihre Nachbarn. „Wir haben uns gedacht, dass es zum Klönschnack über den Gartenzaun etwas Kleines geben soll, aber keine Rose oder Tulpe, die nach drei Tagen den Kopf hängen lässt“, begründet Helms. Christin Brümmer, Quartiersmanagerin bei Pro Dem, hat die Samentütchen an die jeweiligen Ansprechpartner verteilt.

„Eine intakte Nachbarschaft ist ein superhohes Gut“, sagt Helms. „Nachbarn passen auf. Oma Hertha hat doch immer ihren Rasen gemäht, und jetzt ist der schon so hoch. Was ist da los?“ Das System der nachbarschaftlichen Hilfe funktioniere aber nicht nur durch die Gardine. „Nachbarn tun etwas. Sie kaufen ein, stellen Essen vor die Türe, bringen die Post mit hoch“, nennt Helms einige Beispiele. Manchmal sei einfach nur ein wertschätzendes Gespräch von großer Bedeutung. „Wer sich im Alter mit seinen Nachbarn verkracht, für den bricht das alles weg. Je ländlicher die Struktur, desto wichtiger das System“, sagt Helms.

Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Im Gegenteil: Nimmt man die Zahlen aus dem „aktuellen“ Pflegebericht des Landkreises Diepholz – er stammt aus dem Jahr 2017 mit Zahlen aus 2015 – so wird die Altersgruppe zwischen 45 und 65 Jahren im Sozialraum Stuhr/Weyhe bis 2030 um zwölf Prozent zurückgehen. Im selben Zeitraum ist ein knapp 70-prozentiger Anstieg der Hochbetagten (im Alter von 80 Jahren und mehr) zu erwarten. „Um 70 Prozent!“, ruft Helms aus, als würden die Daten auf dem Papier nicht alarmierend genug sein.

System der ehrenamtlichen Hilfe wird wichtiger

Ganz aktuell, nämlich vom gestrigen Donnerstag, sind die Zahlen von Pro Dem selbst: Die Hauptamtlichen haben 231 Personen aus Stuhr, Weyhe und Syke in der Pflegeberatung, davon sind schon jetzt 70 Prozent über 80 Jahre.

Vor dem Hintergrund der vom Kreis prognostizierten Entwicklung dürfte nicht nur die hauptamtliche Arbeit zunehmen, sondern auch das System der ehrenamtlichen Hilfe (noch) wichtiger werden. Dazu zählen 116 Seniorenbegleiter, die älteren Menschen zweimal pro Woche Zeit spenden, sowie 110 Ansprechpartner der Nachbarschaft. Laut Helms sind Letztere – ausgestattet mit allerlei Broschüren über das Leben im Alter – unverzichtbare „Mini-Beratungsstellen“.

Sowohl an Seniorenbegleitern als auch an Ansprechpartnern der Nachbarschaft hat Pro Dem also zusätzlichen Bedarf. Wer sich das vorstellen kann, meldet sich bei dem Brinkumer Verein unter 0421/898 33 44.

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