Zurück ins Szenario A

Corona-Chaos in Moordeich: KGS-Leiter schickt Schüler ins Szenario B – aber das hätte er nicht dürfen

Leiter der KGS Moordeich: Jürgen Böckmann
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Leiter der KGS Moordeich: Jürgen Böckmann

Ein Schulleiter handelt nach positiven Coronatests im Sinne der Gesundheit und schickt Schüler ins Szenario B. Pikant: Dies übersteigt seine Kompetenzen, weil niemand ans Telefon geht. Rückendeckung gibt’s vom Elternrat.

Moordeich – Ein Schulleiter, der nach bestem Wissen und Gewissen handelt, um seine Schülerinnen und Schüler keinem gesundheitlichen Risiko auszusetzen. Und dann doch – oder gerade deshalb? – die falsche Entscheidung trifft. Dass auch dies eine Begleiterscheinung der Corona-Pandemie ist, zeigt das Beispiel der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Moordeich.

Dort hatte Leiter Jürgen Böckmann für seine Schule einen Wechsel in das sogenannte Szenario B angeordnet, beginnend mit vergangenem Freitag. Szenario B beinhaltet im Wesentlichen die Aufteilung der Klassen in zwei Gruppen, die täglich wechseln: An einem Tag lernt die eine zuhause, am nächsten Tag die andere. „Die Schüler*innen befinden sich so zumindest an jedem zweiten Tag in ihrer üblichen Schul- und Tagesstruktur“, heißt es in einem Elternbrief der Lise-Meitner-Schule vom 3. November, in dem Jürgen Böckmann zunächst einmal nur die Grundlagen des Szenarios B erklärt. Knapp drei Wochen später ordnet er es in einem weiteren Elternbrief an. Bloß: Er hätte nicht selbstständig tätig werden dürfen.

Corona in Moordeich: Schüler in Quarantäne

Der Reihe nach: Anfang vergangener Woche teilten Eltern eines Jungen aus der Klasse 6a des Gymnasialzweigs mit, dass ihr Sohn positiv auf das Coronavirus getestet worden sei. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in häuslicher Quarantäne. Am darauffolgenden Mittwoch kamen zwei weitere positive Corona-Fälle hinzu – noch ein Schüler aus der G6a sowie einer aus der Klasse G8b.

Das Gesundheitsamt hatte von all dem Kenntnis, wie die Kreisrätin und zuständige Fachbereichsleiterin Ulrike Tammen im Gespräch mit der Kreiszeitung bestätigt. „Wir haben dann die Sitznachbarn der betroffenen Schüler aus den beiden Klassen in Quarantäne gesetzt“, sagt Ulrike Tammen. Dies sei das gängige Prozedere, seit es die Maskenpflicht auch für Schüler der unteren Jahrgänge gebe. Sitznachbarn (Kontaktpersonen I) müssten nach Hause, weil sie keinen Abstand zu den positiv getesteten Kindern hätten halten können.

Unterdessen hat sich die Situation in der Klasse G6a laut Jürgen Böckmann am Mittwochnachmittag verschärft. Es hätten sich Eltern gemeldet und berichtet, dass Mitschüler des positiv getesteten Nachwuchses sowie Freunde und Familienmitglieder Symptome aufwiesen. „Hinzu kam, dass die infizierten Kinder auch Kontakte mit befreundeten Mitschülern hatten, nicht nur mit ihren Sitznachbarn.“ Daraufhin setzte Jürgen Böckmann den Unterricht für alle Mädchen und Jungen der G6a für Donnerstag und Freitag aus. Später verlängerte er diese Maßnahme für weitere drei Tage, also bis einschließlich Mittwoch.

Kreisrätin Ulrike Tammen

Im Elternbrief begründete er dies mit „der Tatsache, dass so viele Schüler*innen aus der Klasse 6a als Kontaktpersonen I eingestuft sind und viele Schüler*innen miteinander befreundet sind sowie dementsprechend Kontakt pflegen“. Parallel ordnete Jürgen Böckmann das Szenario B an, „um ein Ausbreiten des Infektionsgeschehens an der ,Lise’ so unwahrscheinlich wie möglich zu machen“.

Seine Versuche, dazu das Gesundheitsamt zu konsultieren, seien fehlgeschlagen. „Den ganzen späten Mittwochnachmittag“ habe er dort niemanden ans Telefon bekommen. „Das soll bestimmt kein Vorwurf sein. Ich weiß, dass die Mitarbeiter mit der Kontaktverfolgung beschäftigt sind. Das kann sehr aufwendig sein“, sagt Jürgen Böckmann und fügt hinzu: „Alles andere, als die Schule dann selbst ins Szenario B zu schicken, hätte ich zu diesem Zeitpunkt für unverantwortlich gehalten.“

Coronaverordnung regelt, ab wann es Szenario B gibt

Doch da, sagt Ulrike Tammen, „ist er einen Schritt zu weit gegangen. Diese Befugnis hatte er nicht.“ Denn nach der aktuell geltenden Corona-Verordnung besteht für Schulen eine Verpflichtung zum Wechsel in das Szenario B nur, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz am Standort 100 oder mehr beträgt und vom Gesundheitsamt zuvor eine Infektionsschutzmaßnahme angeordnet wurde.

Ersteres war der Fall, letzteres nicht. Dazu hätte das Gesundheitsamt laut Kreisrätin Ulrike Tammen die Quarantäne einer ganzen Klasse veranlassen müssen. „So ist es blöd gelaufen. Das verunsichert nicht nur die Eltern, sondern auch andere Schulen, die sich in einer vergleichbaren Lage fragen, ob sie ebenfalls das Szenario wechseln müssen.“ Eine Klasse für zwei Tage nach Hause schicken, dies könne Böckmann als Schulleiter für den Übergang mal machen, erklärt die Kreisrätin. „Dass er uns in dieser Angelegenheit am Mittwoch nicht mehr erreicht hat, glaube ich ihm auch.“

Weitere positive Coronatests in Moordeich

Nach zwei weiteren positiven Coronatests im fünften und sechsten Jahrgang am Wochenende dürfte sich Jürgen Böckmann in seiner Entscheidung für die G6a zusätzlich bestätigt sehen. Damit waren es bereits fünf infizierte Schüler und 20 Sitznachbarn.

Die Umstellung auf das Szenario B aber sei nicht richtig gewesen, gibt Jürgen Böckmann zu. Dies habe er nach einem Telefonat mit dem Landkreis am Montagabend eingesehen. „Das war aus infektionsschutzrechtlicher Sicht nicht verhältnismäßig. Da habe ich mich über meine Kompetenzen hinweggesetzt.“

„Die Schule muss nun zeitnah zum Szenario A zurückkehren“, sagt Ulrike Tammen. Heißt: zum Präsenzunterricht für alle mit Maskenpflicht. Dies hat die Schulleitung am Dienstag in die Wege geleitet. Schon für Mittwoch greift an der Lise-Meitner-Schule wieder das Szenario A, „auch wenn das an der einen oder anderen Stelle vielleicht schwierig wird“, sagt Jürgen Böckmann. Doch seiner Einschätzung nach ist die Vernetzung so weit gediehen, dass alle die Rolle rückwärts rechtzeitig mitbekommen müssten. „Sollte das bei einem Schüler nicht der Fall sein und er bleibt zuhause, wird ihm kein Nachteil entstehen.“

Die Elternratsvorsitzende Birte Leemhuis war nach eigener Auskunft jederzeit in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Sie berichtet von einer großen Unsicherheit der Eltern vor dem Hintergrund der beiden positiven Corona-Fälle. „Die Situation in der Klasse G6a war total unübersichtlich. Es hätte doch sein können, dass noch mehr Kinder infiziert sind. Es bestand Handlungsbedarf.“ Und zwar nicht nur für die Klasse, sondern für die ganze Schule. Deshalb finde sie auch das Szenario B angemessen. „Das war kein Fehler des Schulleiters, das war verantwortungsbewusst.“

Die Kinder seien nicht nur Sitznachbarn, sondern auch Nachbarn in ihrer Freizeit. „Sie spielen miteinander. Das hat das Gesundheitsamt nicht nachverfolgt, aber die Eltern wissen das. Und der Schulleiter auch. Die Perspektive der Familien ist wichtig, und nicht nur das, was behördlich korrekt ist“, sagt Birte Leemhuis. Sie finde es „gar nicht toll“, dass Jürgen Böckmann deshalb in der Zwickmühle sitze.

Laut Ulrike Tammen wären viele Schulen in der jetzigen Situation gerne im Szenario B, weil sie der Ansicht seien, es würde ihnen mehr Sicherheit bieten. „Aber wir haben die Verordnung, und die müssen wir umsetzen.“ Ihrer Auskunft nach befinden sich – Stand Dienstag – keine Stuhrer Schulen im Szenario B.

Von Andreas Hapke

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