Stuhrer Landwirt Rolf Kniemeyer gibt die Kuhhaltung auf

Wilhelmines allerletzter Tag

Möchte nicht aufs Foto: Wilhelmine.

Stuhr - Von Heinrich Kracke. Als Wilhelmine den Fotoapparat sieht, ist es vorbei. Sie will nicht aufs Bild. Partout nicht. Engagiert tritt Wilhelmine den Rückzug ganz nach hinten an, vorbei an allen anderen, ganz in die letzte Reihe. Sollen die anderen doch vorn aufs Bild. Sie nicht.

Wilhelmine hat schlechte Erfahrungen mit Objektiven und mit dem Klick gesammelt. Wilhelmine ist eine Kuh. Und als solche weiß sie, was gut für sie ist, und was nicht. Und sie lernt. Dem Fotografen einer Landwirtezeitung hatte sie einst Modell gestanden, arglos wie sie damals war, die Rotbunte mit der schönen Zeichnung, und dann klickte es nur so, und blitzte, und es war furchtbar.

Dabei wäre jetzt genau die richtige Stunde für ein Foto. Es wäre ein Abschiedsbild. Mehr als zehn Jahre steht Wilhelmine bereits auf dem Hof Kniemeyer im Stuhrer Ortsteil Siek. Einmal am Tag bricht sie mit den anderen zu einem kleinen Spaziergang auf die Weide auf, zweimal stellt sie sich artig an der Melkanlage in die lange Schlange, die restliche Zeit verbringt sie dösend, manchmal wiederkäuend, und manchmal trifft sie sich zum geselligen Mampfen am Trog. Die Kühe haben es gut auf dem Hof. Keine ist angebunden, alle können sich frei bewegen in dem großen Stall, der noch fast neu ist.

Aber mit dieser gewohnten Umgebung ist es jetzt vorbei. Ein paar Stunden noch, dann rollt der Lastwagen vor, und es öffnet sich die Rampe, und dann wird auch Wilhelmine diesen Weg gehen. In der Wesermarsch wird sich die Rampe erneut öffnen, direkt an einer der saftigen Weiden. Das wird für die nächste Zeit Wilhelmines Adresse. Sie wurde verkauft. Und nicht nur sie. „Keine Chance mehr,“ sagt Rolf Kniemeyer (57), „wir müssen die Kuhhaltung aufgeben.“ Seit 400 Jahren gibt es den Hof schon, seit mehr als hundert Jahren ist er in Familienbesitz. Immer standen Kühe auf dem Hof. Jetzt ist es vorbei. „Das ist schon ein kräftiger Einschnitt,“ sagt Rolf Kniemeyer.

Er untertreibt. Es ist einer der schmerzhaften Einschnitte seines Lebens. Dabei hat er noch alles versucht, er und die ganze Familie, die hinter den Plänen steht, Ehefrau Meike, Sohn Thomas, Großmutter Sophie Kniemeyer, die 57 Jahre lang für das Melken der Kühe zuständig war. Hunderttausende von Euro haben sie bewegt, haben sich mit den Marktmechanismen vertraut gemacht, haben Gesetzestexte gelesen, sind Risiken eingegangen, haben nichts unversucht gelassen. „Aber es geht nicht,“ sagt Rolf Kniemeyer, „mit der Kuhhaltung kommen wir auf eine schwarze Null.“ Die vergangenen beiden Jahre schon, und jetzt sieht es auch nicht besser aus. Wirtschaftlich gesehen. Finanziell gerät er nicht ins Minus, aber er behält auch kein Plus. „Von einer schwarzen Null kann man nicht leben.“

Innerhalb weniger Monate war die Herde auf 80 Tiere angewachsen. Damals, als die Zukunft rosig schien, und man sich auf die neue Zeit einstellte, auf eine Zeit ohne Milchquote, und Geld in die Hand nahm. Für eine Viertelmillion Euro wuchs hinter der Scheune die neue Stallanlage. Für 80 Tiere konzipiert, erweiterbar auf 130 Kühe. „Wir haben viel Eigenleistung erbracht, sonst wäre es fast dreimal so teuer geworden,“ sagt Rolf Kniemeyer. Sechs Jahre ist das jetzt her.

In den vergangenen Jahren und bis zum zurückliegenden Frühjahr galt noch die Milchquote. Wer eine größere Herde aufbaute, und nur mit einer größeren Herde konnte man überleben, der musste Milchquote dazukaufen, um die Milch, die er zusätzlich produzierte, auch an die Molkerei liefern zu dürfen. 100.000 Euro investierte die Familie zuletzt noch in zusätzliche Milchquote. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie hätte noch viel mehr gebraucht, wie die Jahresabrechnung ergab. Insgesamt 80.000 Kilogramm Milch standen in der Rubrik „Überlieferung“. Alles in allem ein Minus von 40.000 Euro.

Überhaupt konnte in den vergangenen Jahren von einer kontinuierlichen Entwicklung keine Rede sein. Das Russland-Embargo zum Beispiel. Eigentlich war es eine verschwindend kleine Menge, für die der Käufer weggebrochen war. Nur rund fünf Prozent der Milcherzeugung waren vom Lieferstopp nach Moskau und Leningrad betroffen. Und dennoch resultierte daraus eine fatale Wirkung. Herrscht nämlich am Lebensmittelmarkt ein Überangebot vor, und sei es auch noch so gering, dann fallen die Preise gleich ins Uferlose. Lebensmittel können nicht beliebig lange gelagert werden, sie können nicht ungenutzt bleiben, bis sich der Preis erholt hat. Sie müssen zeitnah abgesetzt werden, und wenn es für den angeschlagenen Preis keinen Interessenten gibt, dann wird Rabatt gewährt, und nochmals Rabatt. Eine Endlosspirale nach unten. Beim ersten großen Preisverfall im Jahr 2009 wurden noch 21 Cent je Liter Milch gezahlt, beim jetzigen Preisverfall sind es 25 Cent. Zum Leben zu wenig.

Auf dem Hof Kniemeyer setzte eine unheilvolle Entwicklung ein. Man musste nach Auswegen suchen, man brauchte einen Lebensunterhalt, der Spargroschen, der zurückgelegt war, würde nicht ewig reichen. Sohn Thomas, er hatte sich der Milcherzeugung widmen wollen, er blieb lieber an seiner bisherigen Arbeitsstätte. Über die Jahre festigte er diesen Platz. Das alles aufgeben für die vage Hoffnung, irgendwann mal ein Auskommen mit der Kuhhaltung zu haben? Logisch, wie die Antwort ausfiel. Nein!

Und auch Rolf Kniemeyer gibt sich keinen Illusionen hin. Die Herde hätte allmählich auf 130 Tiere wachsen müssen. „Das wäre auskömmlich bei einem Familienbetrieb, wie wir ihn haben,“ sagt er, „das Grundfutter hätten wir selbst erzeugt, das Kraftfutter in größeren Mengen abgenommen. Das spart.“ Aber dazu hätte der Stall erweitert werden müssen. Wieder so eine Gewissensfrage. „Vielleicht hätten wir es noch gemacht,“ sagt Rolf Kniemeyer, „aber das wäre ja nicht das Ende der Anforderungen gewesen. Noch reichen 130 Kühe, um wirtschaftlich zu arbeiten. In zehn Jahren sind es vielleicht 300. Dann lägen wir am Rande der industriellen Milchproduktion. Wollen wir das?“ Er zog die Reißleine.

Aber wie umgehen mit diesem Einschnitt, der gleichzeitig ein Rückschritt für den ganzen Betrieb ist? Rolf Kniemeyer sucht nicht nach Schuldigen. Kein Wort darüber, ob die Milchquote hätte weiterbestehen sollen, kein Wort über den unendlichen Schwall an Verordnungen, die über die Landwirtschaft hereinbrachen. Er geht pragmatischer vor. „Die Landwirtschaft war schon immer starken Veränderungen erlegen“, sagt er. Sein Großvater habe die Milch noch selbst nach Bremen gefahren und sie dort verkauft, in den 30er Jahren versandete dieser Vertriebsweg. Molkereien blühten überall auf. „Das war der Auftakt der permanenten Veränderungswelle.“ Den vorläufigen Schlussakkord erlebte Rolf Kniemeyer vor anderthalb Jahrzehnten. „Wir haben die Schweinehaltung aufgegeben. Die Vermarkter erwarteten immer größere Chargen. Für einige wenige Schweine, die wir anzubieten hatten, fuhren sie gar nicht mehr los.“

Jetzt will Rolf Kniemeyer den Betrieb erneut neu aufstellen. Diesmal soll es die Rinderzucht sein, der er sich widmen will. Bis zu 100 Tiere hätten in dem großen Stall Platz. Außerdem will er eine „Rinder-Pension“ aufbauen. Tiere, die im Sommer auf der Weide stehen, kommen im Winter in den Kniemeyer-Stallungen unter. Die ersten Tiere stehen schon da.

Derweil verlassen die letzten Kühe das Anwesen. 30 sind es noch. Sie wandern aus. Einige nach Marokko, einige nach Algerien, einige nach Italien, einige bleiben in der Nähe. Wilhelmine bleibt in der Nähe. Rolf Kniemeyer streicht ihr noch einmal über den Schopf.

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