Kämpferin gegen das Vergessen

Shoah-Überlebende Esther Bejarano berichtet über Qualen im Konzentrationslager

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„Nie wieder Krieg!“ – das ist der innige Wunsch von Esther Bejarano und der „Microphone Mafia“.

Stuhr - Von Rainer Jysch. Die Shoah-Überlebende Esther Bejarano hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Zeitzeugin heutige Generationen über ihren Leidensweg im Konzentrationslager zu informieren. Angesichts aktueller, rechter Tendenzen warnt die 95-Jährige eindringlich vor einer Wiederholung der Nazi-Epoche. Am Donnerstag war sie zusammen mit der Kölner Band Microphone Mafia für ein Konzert mit Lesung im Stuhrer Rathaus zu Gast.

Mit einer gut halbstündigen Lesung aus ihrem Buch „Erinnerungen: Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen Rechts“ machte Bejarano vor ausverkauftem Haus deutlich, welchen Leidensweg sie als junge Frau im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und später in Frauen-Straflager Ravensbrück erlebt und überlebt hatte. „Ich habe viel Glück in meinem Leben gehabt“, hatte sie einmal von sich gesagt. Ihre Eltern und ihre Schwester wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

„Über 1000 jüdische Menschen wurden von einem Sammellager in überfüllten Viehwaggons auf Transport geschickt. Wohin der Zug fuhr, wussten wir nicht.“ Viele alte und schwache Menschen seien bereits auf dem Transport gestorben, las Esther Bejarano aus ihren Erinnerungen. Am 20. April 1943 erreichte der Zug Auschwitz. Kranke, Gehbehinderte, Schwangere, Frauen mit Kindern und solche über 45 Jahre wurden auf Lastwagen weitertransportiert, da – wie es hieß – der Weg ziemlich lang sei. „Die Autos fuhren in die Gaskammern, was wir damals noch nicht wussten“, zitiert die in Hamburg lebende Seniorin aus ihrem 208 Seiten starken Buch.

„Jeder erhielt eine Nummer auf den linken Arm eintätowiert. Ich bekam die Nummer 41 948. Namen wurden abgeschafft. Wir waren nur noch Nummern“, beschreibt sie. Auch Begegnungen mit dem Lagerarzt Josef Mengele, der beim morgendlichen Appell eine Selektion der KZ-Insassen vornahm, beschreibt Bejarano.

Der unglaublich schweren Arbeit in einem Steinbruch entging Esther Bejarano durch ihre musikalische Begabung, die sie innerhalb des Lagers an ein Akkordeon in einem Mädchenorchester führt. Mit ihren Freundinnen Hilde an der Geige und Silvia als Flötistin konnte sie in eine sogenannte Funktionsbaracke, wo die Musikerinnen in richtigen Betten schlafen konnten, umziehen. Später bekam sie die Möglichkeit, zum Frauenstraflager Ravensbrück umgesiedelt zu werden. Dort führte sie für eine Filiale der Siemenswerke Montagearbeiten aus.

Esther Bejarano

Gegen Kriegsende mussten alle Mädchen, die noch laufen konnten, aus dem Lager heraus. Tagelang gingen sie auf dem Todesmarsch innerhalb Mecklenburgs in Richtung Westen durch Städte und Wälder begleitet von bewaffneten SS-Schergen. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen, „obwohl sie wussten, dass der Krieg schon fast zu Ende war. So gab es Häftlinge, die Folterungen, Krankheiten, Hunger und Kälte in einer langen Leidenszeit überstanden hatten, aber ‚fünf Minuten vor zwölf’ von dieser Faschistenbande ermordet wurden“, beschreibt Bejarano. Es gelang ihr mit sechs Freundinnen, dem Häftlingszug zu entfliehen. Sie gerieten an heranrückende amerikanische Soldaten, die ihnen halfen.

Der musikalische Teil des Abends im Ratssaal bestritt Esther Bejarano mit Gesangsbeiträgen und mit Unterstützung des Kölner Rappers Kutlu Yurtseven sowie Esthers Sohn Joram Bejarano am E-Bass. Als Microphone Mafia gab das 1989 gegründete Trio mit thematisch passenden Liedtexten gegen das Vergessen weitere Denkanstöße („Wahres Leben ist da, wo Freiheit ist“). Nach den anfangs nur schwer zu ertragenden Schilderungen von Esther Bejaranos Leidensgeschichte enthielt die Veranstaltung so auch helle Momente.

In das bereits von dem Mädchenorchester vor fast 80 Jahren im KZ intonierten Lied „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami!“, konnte das Stuhrer Publikum mit einstimmen.

Stehend und mit heftigem Applaus bedankten sich die Zuhörer bei den Akteuren auf der Bühne. Mehrere Regenschirme mit dem Aufdruck „Omas gegen Rechts“ wurden im Zuschauerraum von Mitgliedern der gleichnamigen Initiative aus Bremen aufgespannt. Anschließend signierte Esther Bejarano noch ihr Buch.

Vor dem Konzert sollte es eigentlich ein ausführliches Pressegespräch mit Esther Bejarano geben. Dieses war aufgrund einer Reifenpanne auf dem Weg von Hamburg nach Bremen recht kurz geraten. Esther Bejarano traf erst unmittelbar vor Beginn des Konzertes im Stuhrer Rathaus ein. Dennoch stand sie einige Minuten den Fragen der Reporter Rede und Antwort.

Die 95-Jährige will verhindern, dass grausame Taten wie damals zur Zeit des Nationalsozialismus wieder geschehen. Man dürfe nicht schweigen, sagte sie bei dem Pressegespräch. „Gerade wo heute die Leute einfach nicht zur Vernunft kommen und wo wieder so viele Nazis hier überall herumlaufen und ihre Sprüche machen können und die Regierung sich überhaupt nicht darum kümmert. Dann müssen wenigsten wir etwas dagegen tun. Mit meinen Lesungen und mit der Musik geht es mir darum, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie nicht mehr schweigen dürfen“, so Bejarano. „Damals hätte man schon viel früher anfangen müssen, sich darum zu kümmern, dass die Nazis nicht an die Macht kommen“, berichtete sie von den 1930er-Jahren. Damals habe man geschwiegen und alles machen lassen. Heute sei die Situation ähnlich.

„Es ist die höchste Zeit, dass wir etwas dagegen zu tun“, sagte die 95-Jährige. Sie kritisiert, dass die AfD im Bundestag sitzt. „Die Menschen müssen dagegen aufstehen und demonstrieren.“ Die amtierenden Politiker forderte sie auf, ins Grundgesetz zu blicken. Dort stehe „dass die Nachfolgeorganisationen oder -parteien der damaligen NSDAP alle verboten werden müssen. Warum richtet sich die Regierung nicht nach dem Grundgesetz?“, fragte Bejarano.

„Man kann nicht sagen, was man will, wenn man eine so menschenverachtende Ideologie hat wie die Nazis. Dann kann man auch in einer Demokratie sagen: ‚Nein, das wollen wir nicht.’“, führt die Hamburgerin weiter aus und resümiert: „Ich muss die Menschen aufklären. So wie es damals war, darf es nie wieder sein.“

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