Pilotprojekt für Schwangere im Frauentreff „Sie(h)da“

Ängste nehmen und gucken, „ob körperlich alles okay ist“

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Machen beim Stuhrer Pilotprojekt gemeinsame Sache: (hinten v.l.) Nicole Feldmann-Paske, Jennifer Schnelle, Friederike Kückelmann, Fathma Atenhahn sowie (vorne v.l.) Melanie Thies, Abida Ahmed, Wiebke Sydow und Stephanie Baske.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Beinahe zehn Prozent der von der Gemeinde Stuhr aufgenommen Frauen mit Fluchtgeschichte sind schwanger, weiß die Gleichstellungsbeauftragte Nicole Feldmann-Paske. Alleine finden sie aber oft nicht den Weg in die Regelversorgung. Ihre Lebensumstände, Sozialisation, kulturelle Prägung und die fehlende Sprachkompetenz hindern sie daran. „Wir wollen ihnen die Angst nehmen und ihnen ihre Rechte aufzeigen“, sagt die Hebamme Friederike Kückelmann. Sie ist eine von vielen Kooperationspartnerinnen des Stuhrer Pilotprojekts „(M)ein Kind kommt an“.

Das Seminar startet am Dienstag, 6. Februar, im „Sie(h)da“ und läuft an drei aufeinanderfolgenden Tagen von jeweils 9 bis 18 Uhr. Die enge Taktung soll verhindern, dass die Frauen zwischendurch aussteigen. Es können maximal 15 Schwangere ab dem fünften Monat aus Stuhr teilnehmen.

Laut Nicole Feldmann-Paske deckt das Angebot die Themen Körper, Geburt, Sexualität, Gesundheit und Rückbildung ab. Das Ganze passiere vor dem Hintergrund der unterschiedlichen, kulturell bedingten Erfahrungen der Teilnehmerinnen sowie „im Kontext von Frau und Familie“. Um eine Nachhaltigkeit zu gewährleisten, zeigen die Fachkräfte entsprechende Netzwerke auf.

Sich zwischen den Sachthemen kennenlernen und untereinander Beziehungen aufbauen stellen laut Fathma Atenhahn vom Sozialen Service weitere Ziele dar. Die Frauen sollen in den Dialog kommen. Deshalb gibt es ein gemeinsames Mittagessen, für das sie den Tisch auch decken und abräumen.

„Arztbesuche für uns selbstverständlich“

„Arztbesuche und Nachsorgeuntersuchungen sind für uns selbstverständlich“, sagt Nicole Feldmann-Paske. Migrantinnen aber müssten darauf vorbereitet sein. Es gebe Geburten ohne Sprache, wo kein Austausch möglich sei. „Das ist das nächste Trauma, dem wir diese Frauen aussetzen.“ Gleichwohl richtet sich der Kurs ausdrücklich an Frauen mit und ohne Fluchtgeschichte. Zum einen sei es für „alle Frauen schwieriger geworden, eine Hebamme zu finden, die während der Geburt begleitet und die Nachsorge macht“. Wie Hebamme Stephanie Baske mitteilt, sind die Kapazitätsgrenzen längst überschritten. Zum anderen sei das eine spannende Erfahrung für beide Seiten und trage zur Vernetzung bei.

Für die Vermittlung der Inhalte sind fünf Hebammen und eine Apothekerin zuständig, wobei immer zwei Frauen einen Tag gestalten. „Sie alle haben schon mit Frauen mit Fluchtgeschichte gearbeitet“, sagt Fathma Atenhahn. Die Teilnehmerinnen besuchen die Fachkräfte abwechselnd in zwei Kleingruppen.

Tag eins bestreiten die Geburtshelferinnen Wiebke Sydow und Jennifer Schnelle. Wiebke Sydow gibt einen strukturellen Überblick darüber, was die Geburtsvorbereitung in Deutschland bietet und wie sie abläuft. Über Veränderungen, Reaktionen und „Zipperlein“ im Körper der Schwangeren informiert Jennifer Schnelle.

Gymnastik- und Atemübungen zum Wohlbefinden

Friederike Kückelmann geht am zweiten Tag auf die verschiedenen Phasen der Geburt und die Aufnahme im Krankenhaus ein, ebenso auf Geburtsstellungen. Um das Wohlbefinden während der Schwangerschaft kümmert sich Hebamme Melanie Thies unter anderem mit Gymnastik- und Atemübungen.

An Tag drei dreht es sich bei Stephanie Baske um das Wochenbett, um die Umstellung zu Hause, um das Stillen, die Säuglingspflege und die Sexualität nach der Geburt. Apothekerin Anette Abhau übernimmt den medikamentösen Aspekt.

Beteiligt sind außerdem ehrenamtliche Fahrdienste, diverse Dolmetscherinnen sowie die Hauspatinnen Haet Tozo, Hanna Bakker und Abida Ahmed. Bei Anna-Lena Semdner können die Frauen ihre Kinder während des Kurses betreuen lassen.

„Wir wollen die Frauen nicht verändern“, sagt Stephanie Baske mit Blick auf die kulturellen Befindlichkeiten. „Wir wollen Hilfestellung geben und sehen, dass körperlich alles okay ist.“ Der geschützte Raum im „Sie(h)da“ ist für Fathma Atenhahn wichtig, damit sich die Frauen aufgehoben fühlen, denn: „Auf der Flucht entstehen Kinder nicht immer freiwillig. Das ist ein sensibles Thema.“

Die für den Kurs in Frage kommenden Migrantinnen wollen die Organisatorinnen persönlich ansprechen. Zum Zeitpunkt der Planung waren von 213 Frauen 14 schwanger. Vier von ihnen kennt Fathma Atenhahn aus dem Leistungsbezug, andere wollen die Fachkräfte über ihr Netzwerk informieren, etwa über Gynäkologen. Auskünfte erteilt Nicole Feldmann-Paske, Ruf 0421/56 95 321.

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