Hunderte von Skizzen für einen Film

Storyboardzeichner Arne Jysch: Stuhrs Beitrag zur „Schachnovelle“

Arne Jysch arbeitet am Tablet.
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Mit dem Tablet arbeitet Arne Jysch auch unterwegs. Im Hintergrund ein Plakat, das für eine frühere Lesung zu seinem Comic „Der nasse Fisch“ wirbt.

Für die Produktion eines Kinofilms arbeiten viele Regisseure mit Storyboardzeichnern zusammen, zum Beispiel mit dem in Brinkum aufgewachsenen Arne Jysch. „Ich zeichne vorab alle notwendigen Kamerawinkel“, berichtet er. Zuletzt hat er das für die neueste Verfilmung der „Schachnovelle“ getan.

Brinkum / Potsdam – In der Totalen zeigt die Kamera zwei Männer, die auf dem Fußboden eines Badezimmers eine Partie Schach spielen. Die nächste Einstellung rückt einen der Männer in den Fokus, eine weitere Perspektive zeigt über dessen Schulter hinweg seinen Widersacher.

Dem Dreh dieser und anderer Szenen aus dem aktuellen Kinofilm „Die Schachnovelle“ ist etwas vorangegangen, was in der Filmbranche Storyboard heißt. „Ich zeichne vorab alle notwendigen Kamerawinkel“, sagt Arne Jysch, der freiberuflich dem Job als Storyboardzeichner und Illustrator für Film und Werbung nachgeht. Jysch ist in Brinkum aufgewachsen – ebenso wie Sven Budelmann, der als Editor in der Filmbranche gelandet ist. Längst hat es die beiden Sandkastenfreunde nach Berlin verschlagen, wo sie bereits mehrere Projekte gemeinsam umgesetzt haben (Bericht über Sven Budelmann folgt). „Wir haben uns schon immer für den Film interessiert“, erzählt Jysch.

Ein Drehbuch habe im Schnitt 120 Seiten, eine pro gefilmter Minute, rechnet Jysch vor. Es beinhaltet 80 bis 90 Szenen mit insgesamt Hunderten von Einzelbildern. Einzelbilder, für die Jysch Skizzen mit den entsprechenden Kameraeinstellungen anfertigt. 500 bis 600 solcher Zeichnungen, schätzt der 48-Jährige, habe er für die „Schachnovelle“ entworfen. „Alles Bilder, die gedreht werden müssen.“ Er bebildere nicht das Drehbuch, betont Jysch. Vielmehr befasse er sich mit der „filmischen Auflösung. Ich muss alles so skizzieren, dass es sich gut schneiden lässt.“

Beginn mit Aufträgen aus der Werbung

Jysch hat Animation an der Filmhochschule Babelsberg studiert und in diesem Fachbereich sein Diplom gemacht. Noch während des Studiums, Ende der 1990er-Jahre, entdeckte er das Storyboard für sich. An seinen ersten Auftrag für einen Werbefilm kam er, weil ein Freund abgesprungen war. Es folgten weitere Anfragen aus der Werbebranche, die „immer Storyboards benötigen“, sagt Jysch. „Weil mit den Kunden vorher abgestimmt werden muss, was wie gedreht wird. Das kleinste Detail wird da abgesegnet.“

Dass der deutsche Regisseur Philipp Stölzl auf ihn aufmerksam wird, bedeutet einen Glücksfall für ihn. Denn Stölzl legt viel Wert auf ein Storyboard, was laut Jysch in der Branche nicht selbstverständlich ist. Zum einen scheuten manche Produktionsfirmen die Kosten, die beträchtlich sein könnten. An der Schachnovelle etwa habe er von März bis Juli/August 2019 „jeden Tag intensivst gearbeitet“. Zum anderen fühlten sich manche Regisseure durch das Storyboard zu sehr festgelegt.

Stölzl ist da anders. Er kommt vom Theater, hat Bühnenbildner gelernt. Jysch nennt ihn einen „visuellen Zauberer. Er storyboardet alle seine Filme. Manchmal zeichnet er auch selbst, und ich muss das dann schön umsetzen“. Stölzls Wertschätzung für das Storyboard zeigt sich bei der „Schachnovelle“ im Abspann: Da taucht Jysch nicht unter ferner liefen auf, sondern bekommt seine eigene Abspanntafel.

Drei von 500 bis 600 Skizzen, die die Kameraeinstellungen für die „Schachnovelle“ vorgeben. Storyboard: Arne Jysch

Was die Kosten des Boards angeht: Die hole man an anderer Stelle wieder rein, sagt Jysch. Denn oft verdeutliche die skizzierte Perspektive, dass von einem Zimmer nur eine Ecke benötigt wird. Eine wichtige Rückmeldung für den Szenenbildner, der Ausstattung und Zeit spart, also bares Geld.

Beispiel „Schachnovelle“: Benötigt man wirklich eine Decke für den Speiseraum im Schiff? Jyschs Einstellung verneint das. Ohnehin zeige nur eine einzige Totale den ganzen Raum, der Rest seien Nahaufnahmen. „Das reicht, damit der Raum fürs Publikum existiert. Im Hinterkopf bleibt die Totale eingebrannt. Räume werden nur so gestaltet, dass sie dem Zweck des Films dienen.“

Dank des Storyboards wisse jeder in der Crew, worum es in den jeweiligen Einstellungen geht, nennt Jysch einen weiteren Vorteil. „Man muss es nicht immer jedem Einzelnen erzählen.“

Stölzl und Jysch machen bei Streifen wie „Goethe“, „Der Medicus“, „Ich war noch niemals in New York“ und eben „Die Schachnovelle“ gemeinsame Sache. Budelmann ist auch immer dabei und schneidet die Filme zusammen. Manchmal sind bei den ersten Schnitten Jyschs Skizzen dabei. „Wenn die jeweiligen Szenen noch nicht gedreht sind“, erklärt Jysch.

Zeichnen von Comics als zweites Standbein

„Als Storyboarder muss man sehr sicher in der Perspektive sein, ob von oben, unten oder im Profil“, sagt Jysch. „Ich kann auch verschiedene Brennweiten zeichnen. Das geben die Regisseure auch oft vor.“ Schnelligkeit habe er während seines Studiums gelernt. „Da haben Modelle drei Minuten posiert, und wir mussten sie zeichnen. Das haben wir über Jahre trainiert.“

Von der filmischen Herangehensweise beim Storyboarding profitiert Jysch auch beim Zeichnen von Comics. Die Graphic Novel hat sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts zu seinem zweiten Standbein entwickelt. Drei Jahre zum Beispiel, von 2014 bis 2016, hat er an dem Comic „Der nasse Fisch“ gearbeitet, der auf dem gleichnamigen Kriminalroman von Volker Kutscher basiert. Er spielt im Berlin der ausklingenden 1920er-Jahre – eine Zeit, die Jysch immer schon spannend fand. Mit dem Comic habe er den richtigen Riecher gehabt, weiß er heute. Die zeitgleiche Veröffentlichung der Serie „Babylon Berlin“, die ebenfalls auf Kutschers Roman basiert, habe ihm eine große Aufmerksamkeit garantiert. „Das nimmt man gerne mit. Graphic Novels haben ja in Deutschland einen schweren Stand.“ Fast zwei Jahre sei er mit „Der nasse Fisch“ getourt, teilweise mit Volker Kutscher.

Schwerpunkt aber bleibt das Storyboard, was allein an der Vielzahl der Aufträge für bald erscheinende Filme deutlich wird – von „Leander Haußmanns Stasikomödie“ über die „Wochenendrebellen“ von Marc Rothemund bis zur Netflixserie „The Empress“, eine Neuverfilmung der Geschichte von Kaiserin Sisi. Mit den Streaminganbietern habe sich ein zusätzliches Betätigungsfeld aufgetan, sagt Jysch. Die „Sisi“-Macher zum Beispiel hätten noch keinerlei Erfahrungen mit dem Storyboard gehabt.

Worum es in den einzelnen Produktionen geht, darf Jysch (noch) nicht verraten. Fest steht aber, dass er wieder seinen Beitrag dazu leisten wird, dass die einzelnen Puzzleteile zusammenpassen. „Die Illusion von lesbaren Filmen zu schaffen“, sagt Jysch, „das ist meine Aufgabe.“

Von Andreas Hapke

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