Stillberaterin Christiane Kämke

„Die Mütter erhalten immer weniger Unterstützung“

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Christiane Kämke (47) ist als Regionalbetreuerin Bremen auch für Stuhr zuständig und steht Müttern als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Stuhr - Von Katrin Köster und Sandra Bischoff. Die Folgen der Schließung der Bassumer Geburtsstation vor einigen Jahren und den fortschreitenden Mangel an Hebammen spüren nicht nur frisch gebackene Mütter, sondern auch Ehrenamtliche. Christiane Kämke ist seit acht Jahren Stillberaterin bei der La Leche Liga und fängt immer öfter die Arbeit der Hauptamtlichen auf.

Warum ist Stillen sinnvoll für Mutter und Kind?

Kämke: Es wird gerne von Vorteilen gesprochen, letztlich ist es aber die natürlichste Ernährung für ein Kind. Es ist aber auch wissenschaftlich erwiesen, dass gestillte Babys seltener erkranken, beziehungsweise ihre Krankheitsverläufe weniger schwer sind. Zudem hat man bei ihnen eine bessere Sprachentwicklung festgestellt, weil die Mundmuskulatur durch das Saugen an der Brust besser entwickelt ist. Aber auch die Mutter profitiert vom Stillen: Sie verliert wesentlich schneller wieder Gewicht, der Körper bildet sich besser zurück. Außerdem schützt das Stillen vor Brustkrebs und Osteoporose.

Was sind Stilltreffen und was erwartet die Mütter dort?

Es sind offene Veranstaltungen, zu denen man hingehen kann, wie es den Bedürfnissen der Familie entspricht. In jedem Monat behandeln wir ein Thema wie zum Beispiel „Stillen und Berufstätigkeit“, „Abstillen und Beikost“ oder „Der Babyschlaf in der Nacht“. Ich erlebe oft, dass Mütter, die zu den Treffen kommen, gestärkt nach Hause gehen. Sie erfahren warmherzige Unterstützung und werden verstanden. Als ausgebildete und erfahrene Stillberaterinnen leiten wir diese Treffen und begleiten die Mütter in allen Fragen des Stillens und Eltern seins.

Was sind in Ihren Augen die häufigsten Probleme beim Stillen?

Die Mütter erhalten immer weniger Unterstützung, in den Kliniken hat kaum jemand die Zeit, ihnen das richtige Anlegen zu zeigen. Dann laborieren die Frauen selber drei oder vier Wochen herum und geben enttäuscht und frustriert auf.

Sie sagen, viele Mütter stillen nicht mehr – welche Ursachen hat das Ihrer Erfahrung nach?

Sagen wir so, die Phase des Stillens wird kürzer. Wie schon erwähnt, geben Mütter ohne die passende Unterstützung schnell auf. Rund 40 Prozent hören nach den ersten drei Tagen auf. Die La Leche Liga und die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehlen, Babys vier bis sechs Monate voll zu stillen, das machen aber nur noch zehn Prozent der Frauen. Viele stillen auch früh wieder ab, weil sie wieder in ihren Beruf zurückkehren. Es geht aber auch beides, stillen und arbeiten. Da sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht, stillfreundliche Bedingungen zu schaffen.

Seit der Schließung der Bassumer Geburtsstation 2012 gibt es im Landkreis Diepholz keine Geburtsklinik mehr. Viele werdende Mütter gehen daher in die umliegenden Kliniken nach Bremen, Vechta oder Nienburg. Welche Folgen hat diese Situation für die Mütter und die ehrenamtlichen Stillberaterinnen?

Es hat weitreichende Folgen. Ich kenne Fälle, in denen Frauen mit Risikoschwangerschaften den langen Fahrtweg in die Uniklinik nach Hannover auf sich genommen haben, weil es in den hiesigen Krankenhäusern keine Kapazitäten gab. Frauen, die auf den Inseln leben, sollen sich vier Wochen vor der Niederkunft eine Unterkunft auf dem Festland suchen, weil es vor Ort keine Unterstützung für sie gibt. Das ist ein untragbarer Zustand, unter solchen Bedingungen ein Kind auf die Welt zu bringen.

Nun fehlt es wegen der teuren Haftpflichtversicherung, die Geburtshelferinnen abschließen müssen, landesweit auch an Hebammen, die die Frauen begleiten können. Wie wirkt sich das auf Mütter und Ihre Kolleginnen aus?

Viele Hebammen suchen sich einen anderen Job, weil sie von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Umgekehrt suchen Mütter händeringend nach Hebammen. Und die verbliebenen Geburtshelferinnen sitzen immer länger im Auto, weil sich ihr Einzugsgebiet immer weiter vergrößert. Wir haben oft verzweifelte Mütter am Telefon, und es tut mir in der Seele weh, wenn wir sie für eine ausführliche Beratung auf den nächsten Tag vertrösten müssen, weil wir keine Kapazitäten haben. Aber wir können das als Ehrenamtliche nicht leisten. Im Prinzip übernehmen wir als La Leche Liga immer mehr Stillberatungsaufgaben, die sonst von Hebammen geleistet wurden.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was sollte sich ändern?

Die kleineren Geburtsstationen sollte es wieder geben in unserer Region. Dann würde ich mir eine gute Begleitung der Mütter nach der Geburt wünschen. Vielleicht über ein breites Netzwerk, in dem sie aufgefangen werden. Und die Situation der Hebammen muss sich verbessern. Auf ihre Arbeit kann man nicht verzichten, denn sie sind Gold wert.

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