Statt Fußball

Dennis Webner hat sich der Sportart Schach mit Herz und Seele verschrieben

Dennis Webner möchte, dass viele Kinder in Berührung mit Schach kommen. Foto: Sivulka
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Dennis Webner möchte, dass viele Kinder in Berührung mit Schach kommen.

Stuhr/Weyhe - Im Raum C 1.10 der Lise-Meitner-Schule herrscht absolute Stille. Es ist ein Donnerstag im März, rund eine Woche, bevor die Schulen aufgrund des Coronavirus geschlossen werden. Sieben Mädchen versuchen, die ihnen vorliegenden Aufgaben zu lösen: Wann wurde das erste Schachbuch veröffentlicht? Wann wurde die erste Schachpartie im Weltraum gespielt? Das, was auf den ersten Blick wie Geschichtsunterricht anmutet, ist gänzlich was anderes. Die Mädchenmannschaft der Lise-Meitner-Schule ist in den letzten Zügen der Vorbereitung für das Landesfinale in Hannover. Aus diesem Grunde hat sie sich eine prominente Unterstützung geholt. Am Pult stehen diesmal nicht die AG-Leiter, sondern Dennis Webner – ein weit über unsere Region hinaus bekannter Schachspieler, Trainer und Turnierveranstalter.

Wenn Dennis Webner über seinen schachlichen Werdegang berichtet, wählt er seine Worte behutsam aus. „Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen, ich mache das alles für die Kinder, nicht für mich.“ Er spricht langsam, fast bedächtig. Seinem Ausdruck ist eine große Portion Bescheidenheit zu entnehmen, doch schon nach kurzer Zeit merkt man die Begeisterung, die der 32-jährige Student doch nicht verbergen kann. „Ich kam zum Schach zufällig. In der fünften Klasse der KGS Kirchweyhe mussten wir eine Arbeitsgemeinschaft wählen. Meinen Erstwunsch – Fußball – bekam ich nicht, und da wurde ich einfach in die Schach-AG geschickt. Ohne die Schachregeln zu kennen, setzte ich mich hin und schaute mir diese komischen Figuren an.“

Der Zufall war dem Jungen hold. Der damalige Lehrer und AG-Leiter Hubert Sturm – inzwischen pensioniert, aber immer noch Stammspieler bei den Schachfreunden Achim – entdeckte schnell, dass in dem Knirps Potenzial steckt, und begann, ihn zu fördern. Nur nach wenigen Wochen wurde Webner Mitglied der Schulmannschaft, danach trat er den Schachfreunden Achim bei und zeigte im Ligabetrieb bald so manchem Erwachsenen seine Grenzen auf.

Seine aktuelle Wertungszahl (DWZ), die die Spielstärke eines Schachspielers zum Ausdruck bringt, liegt heute bei weit über 2100 Punkten. Dementsprechend bekleidet er in seinem jetzigen Verein, dem TuS Varrel, das erste Brett in der Stadtliga und gehört zu den fleißigsten Punktesammlern überhaupt. Im Januar ist er zudem Niedersächsischer Vizemeister im klassischen Schach geworden. „Hubert Sturm war für mich ein Glücksfall. Ich bin ihm vom ganzen Herzen dankbar, dass er mich im Schach so weit vorangebracht hat“, würdigt Dennis fast ehrfurchtsvoll seinen ehemaligen Mentor, zu dem er noch immer Kontakt hält.

Seine Begeisterung steckt an

Von Hubert Sturm hat Webner nicht nur das Schachspiel gelernt, sondern auch einen Einblick bekommen, wie man mit Jugendlichen arbeitet und Turniere organisiert. Nach Sturms Pensionierung 2014 übernahm der ambitionierte Spieler selbst den Schachunterricht an der KGS Kirchweyhe und begeisterte viele Jugendliche für das königliche Spiel. Das sprach sich herum, weitere Angebote ließen nicht lange auf sich warten und landeten auf seinem Arbeitstisch. Die Grundschulen Leeste und Sudweyhe, die KGS Leeste und Kirchweyhe, die Lise-Meitner-Schule, sie alle haben schon zugegriffen und schätzen seine Kompetenz und pädagogischen Fähigkeiten sehr.

Dennis Webner arbeitet gerne schul- und vereinsübergreifend. Das, was in anderen Sportarten gar nicht möglich gewesen wäre, treibt ihn an. „Mein Wunsch ist, dass möglichst viele Kinder in Berührung mit Schach kommen, egal für welche Schule oder welchen Verein sie letztendlich spielen“, erzählt er.

Das hat er heute schon längst erreicht. Am meisten profitiert davon zurzeit sein jetziger Verein TuS Varrel, in dem Webner zusammen mit Stefan Menke die Jugendabteilung leitet. Dort schnellte in den vergangenen zwei Jahren nicht nur die Anzahl der Schach spielenden Kinder in die Höhe, die Jugendlichen erzielten auch beachtliche Erfolge. Emilia Marrufo und Patrizia Gesell sind amtierende Landesmeisterinnen in ihren Altersklassen (U18 beziehungsweise U 14), Max Weidenhöfer gewann die Bremer Landesmeisterschaft im Einzel (U 14) gar schon zweimal. Alle drei vertraten den Verein 2019 bei den Deutschen Jugendmeisterschaften und sammelten wertvolle Erfahrungen auf der Bundesebene. Kein Wunder, dass Heiko Fischer, der Vorsitzende der Schachabteilung des TuS Varrel, ins Schwärmen gerät, wenn der Name Dennis Webner fällt: „Ohne ihn hätten wir nie so etwas leisten können, er hat den Jugendschach im Verein zum Leben erweckt und auf einem hohen Leistungsniveau etabliert.“

Doch Dennis Webner weiß, dass das Trainieren alleine nicht zum Erfolg reicht. Den Jugendlichen müssen Schachturniere und -events angeboten werden, damit sie sich vergleichen können. Dank seines Einsatzes hat sich die Turnierlandschaft in Bremen und Umgebung stark verändert. Als „Turnierleiter der Bremer Schachjugend“ veranstaltet er Liga-Wettkämpfe, Landesmeisterschaften, Vorrunden der Deutschen Mannschaftsmeisterschaften, Quicksteps (Turniere, in denen in mehreren Kleingruppen mit einer besonderen Wertung gespielt wird) und Vergleichswettkämpfe. Oft können an Turnieren auch erwachsene Spieler teilnehmen. Der Organisator lacht, wenn er einen Jungen zitiert, der nach einem Turnier zu seinem Freund sagte: „Hoffentlich macht er es nächstes Jahr wieder.“ Da parierte der Turnierleiter: „Vielleicht geht es schon in diesem Jahr weiter.“

Dennis Webner hat dank seiner Begeisterung für Schach viele europäische Länder bereist, er spielte gar bei den weltberühmten Dortmundern Schachtagen mit, Anfang März nahm er als Mentor an der Talentsichtung des Deutschen Schachbundes in Arendsee in Sachsen-Anhalt teil. „Da erlebt man manchmal Sachen, über die man herzlich lachen kann.“ Und dann erzählt er einige Anekdoten. Er habe Schüler gesehen, die fälschlicherweise mit den Figuren des Gegners zogen oder die sich ans falsche Brett setzten und einen Zug machten. In Dortmund war er dabei, als Weltklassespieler Wassili Iwantschuk vom Schachbrett aufstand, auf der Bühne spazierte und gedankenverloren vom Podest in die Zuschauerreihen stürzte. In allen Fällen nahmen es die Protagonisten mit Humor und lachten anschließend über sich selbst.

„Da hatte ich wohl Glück, dass ich in der fünften Klasse nicht die Fußball-AG bekam“, sagt Dennis Webner.

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