„Stationen eines Lebens“: Juraj Sivulka beschäftigt sich mit Erich Kästner

Von allen Frauen verlassen

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Seit 2000 lädt Juraj Sivulka zu Lesungen ein. Erst sind es eigene Gedichtsammlungen, seit 2004 ist es die Serie „Stationen eines Lebens“ über berühmte deutsche Dichter.

Stuhr - Von Andreas Hapke. Ob Storm, Fontane, Schiller, Heine oder Goethe: Mit diesen Poeten hat sich Juraj Sivulka bereits in seiner Reihe „Stationen eines Lebens“ beschäftigt. „Mir gehen langsam die deutschen Dichter aus“, sagt der slowakische Künstler und lacht. Denn natürlich hat er für die Fortsetzung der Serie noch einen Schriftsteller ausgegraben: Erich Kästner (1899-1974) ist Thema der Lesung, mit der Sivulka am Freitag, 6. November, 20 Uhr, im Rathaus Premiere feiert.

„Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“, wer kennt ihn nicht, diesen Zweizeiler aus der 1948 erschienenen Sammlung „Kurz und bündig“? Was Kästner getan hat in seinem Leben, dürfte den einen oder anderen Besucher überraschen. Sivulka selbst ist es bei seinen Recherchen so ergangen.

Einmal mehr zieht er sein Publikum hinein in das Leben eines der bekanntesten deutschen Schriftsteller, das laut Sivulka „stark von der Mutter geprägt“ ist. So stark, dass es Kästner daran hindert, eine feste Bindung mit einer Frau einzugehen. „Am Feuer waren zehn Frauen, sechs von ihnen habe ich bald gehabt“, schreibt der Dichter. „Eine Frau war für ihn ein Bettgegenstand“, stellt Sivulka fest. Erst spät erfährt Kästner, dass sein leiblicher Vater der ehemalige Hausarzt seiner Mutter ist. „Ida Kästner hat ihren Mann Emil nicht aus Liebe geheiratet. Deshalb wohl die Affäre mit dem Arzt“, sagt Sivulka.

Beruflich fasst Kästner 1924 als Redakteur beim Leipziger Tageblatt Fuß. Nach der Veröffentlichung des Gedichts „Nachtgesang des Kammervirtuosen“ zum 100. Todestag von Ludwig van Beethoven in der Plauener Zeitung ist er den Job Anfang Januar 1927 wieder los. Passagen wie „Du meine neunte letzte Sinfonie! Wenn du das Hemd anhast mit rosa Streifen...Komm wie ein Cello zwischen meine Knie“ empfinden die Verantwortlichen als zu anzüglich.

„Was man auch baut, es werden stets Kasernen“ – Kästners Texte sind auch gesellschaftskritisch, weshalb sie 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer fallen. Er flieht allerdings nicht ins Ausland, wie es viele andere ungeliebte Autoren tun – wohl auch, um in der Nähe seiner Mutter zu bleiben. Dafür kritisieren die Kollegen Kästner nach dem Krieg. Tatsächlich bleibt dessen Verhältnis zum Hitler-Regime „ambivalent“, wie Sivulka es bezeichnet. Der gebürtige Dresdner beteiligt sich auch als Drehbuchautor des Propagandafilms „Münchhausen“, der 1943 in die Kinos kommt.

Großen Erfolg feiert Kästner mit Kinderbüchern wie „Emil und die Detektive“ oder „Pünktchen und Anton“. „Er trifft den Ton, die Kinder lieben ihn“, sagt Sivulka. Seiner Ansicht nach ist es die Dauerbelastung durch das Liebesleben, die Kästner zusammenbrechen lässt. Er fängt an zu trinken, erkrankt an Krebs und stirbt einsam – „von allen seinen Frauen verlassen“ (Sivulka).

Zum wiederholten Mal feiert der slowakische Künstler und Deutschlehrer an der KGS Moordeich die Premiere einer Lesung in Stuhr. Ein Ende der Serie sei nicht abzusehen, sagt er. Wie schon bei vorangegangenen Auftritten begleiten ihn seine Töchter Lara (13) und Mira (10) sowie Bernhard Schencke am Piano.

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