Pro-Dem-Angebot in Brinkum

„Die jungen Wilden“ sind zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen

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Das, was selbstverständlich war, löst sich auf: Sprechen, konzentrieren und erinnern kann durch verschiedene Erkrankungen schwer werden. Das Angebot von Pro Dem bietet Betroffenen einen geschützten Raum, wo sie sich nicht genieren müssen.

Brinkum - Von Julia Kreykenbohm. Ganz schön vollgeschrieben ist das Flipchart. An die 50 Wörte hat Astrid Kaluza bereits vermerkt. Sie alle beginnen mit „Un“. Am Tisch vor ihr sitzen sechs Männer von Anfang 50 bis Ende 60, grübeln und suchen weitere Worte. „Untier!“, schlägt einer vor.

„Ungeziefer“, ein anderer. Kaluza notiert eifrig. Wieder Schweigen. „Unschlagbar“, sagt Tom (alle Namen der Betroffenen geändert) und schiebt mit schelmischen Grinsen hinterher: „Damit du was zu tun kriegst.“ Die anderen lachen.

Die Atmospähre in dem Raum ist gelöst und fröhlich. Spieleabend, könnte man denken. Ein paar langjährige Freuden haben sich getroffen, um ein paar schöne Stunden miteinander zu verbringen. Doch die Menschen in dem Vereinsraum von Pro Dem in Brinkum kennen sich erst seit sechs Monaten, und jeder der Männer hat mit einer anderen Erkankung zu kämpfen, die seine Sprach- oder Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt.

Der eine hatte einen Schlaganfall und Herzinfarkt, einer leidet an Parkinson, drei sind dement und Tom, der nie um eine Bemerkung verlegen ist, erlitt vor vielen Jahren ein Hirn-Aneurysma. Sie sind „die jungen Wilden“, die Teilnehmer des Gruppenangebots von Pro Dem, das seit Mai besteht.

Richtige Leute haben sich gesucht und gefunden

Astrid Kaluza und Brigit Jakobsen sind mittendrin, leiten die Spiele, bei denen Gedächtnis und Sprache trainiert werden, und helfen, wenn es ins Stocken gerät: „Wenn ich alle Kekse esse, was bin ich dann?“ „Satt“, schlägt Herbert vor und wieder lachen alle. Tom gluckst: „Das ist schon ein lustiger Verein hier.“

Das finden auch die Pro-Dem-Mitarbeiterinnen. Bei den „jungen Wilden“ hätten sich die richtigen Leute gesucht und gefunden. „Dabei sind sie völlig unterschiedlich, vom Charakter und ihren Krankheitsbildern“, erzählt Ergotherapeutin Jakobsen. Dennoch habe die Chemie von Anfang an gestimmt. „Alle waren aufgeschlossen und neugierig.“ Der eine oder andere war zunächst verhalten, wie Herbert, der in der Reha schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Er habe zunächst lieber zugehört. Schwer vorstellbar, wenn man heute sieht, wie er sich rege am Gespräch beteiligt und mit Tom über den Tisch hinweg scherzt.

Der Gedanke hinter den „jungen Wilden“ war, dass ein Angebot für junge Betroffene geschaffen werden sollte, die entweder in hochbetagte Gruppen gehen müssten – oder eben in gar keine. „Und der Bedarf steigt“, sagt Jakobsen. Es sei für viele sehr belastend, mit Anfang 50 zu merken, dass sie nicht mehr so können, wie sie möchten und dass die geistige Fähigkeit immer mehr schwindet. Das mache den Alltag schwierig – und viele Betroffene still. Sie sprechen zu Hause kaum – entweder aus Scham oder weil sie es nicht müssen, da der Partner sie auch so versteht – und machen es damit noch schlimmer.

Keine Angst vor Kritik

Bei „den jungen Wilden“ ist es anders. Dort reden sie, weil es gefordert wird und sie keine Angst vor Kritik haben müssen. „Eine Frau fragte mal, was wir mit ihrem Mann gemacht hätten, weil er zu Hause plötzlich mehr kommuniziere und viel fröhlicher sei“, berichtet Jakobsen. Von Anfang an seien die Gruppenmitglieder sehr sensibel und empathisch miteinander umgegangen. „Niemand wird brüskiert, jeder wird genommen, wie er ist und findet so seinen Platz.“ Selbst wer nicht mehr viel reden könne, sei voll dabei und lasse sich von den anderen mitziehen.

Sie und Kaluza haben die Mitglieder anfangs gefragt, was sie sich von der Gruppe wünschen: „Spielerisch etwas für den Kopf tun“, sei die Antwort gewesen. Und das passiert nun. Jeden Mittwoch um 14 Uhr kommen sie zusammen. Dann wird erst einmal eine Stunde geklönt. Gegen 15 Uhr werden Gedächtnisspiele gespielt, wie zum Beispiel Wörter mit „Un“ suchen oder Gemüsesorten von A bis Z finden. Dabei steht der Spaß im Vordergrund. Vor gut einem Monat schlugen die „jungen Wilden“ vor, sich in der Gruppe zu duzen.

Inzwischen wird Gemüse mit „D“ gesucht. „Dosenwurzeln!“, ruft Herbert und wieder lachen alle. Plötzlich geht die Tür auf und eine Stimme ruft: „Die Abholer sind da!“ Für diejenigen, die nicht von Angehörigen gefahren werden können, bietet Pro Dem einen Fahrdienst für Stuhr und Weyhe an. Die Teilnehmer blinzeln sich verwundert an. Sind zwei Stunden schon vorbei? Vergnügt geht die Gruppe auseinander – bis nächsten Mittwoch.

Übrigens haben „die jungen Wilden“ noch Platz für bis zu zwei Neulinge frei. 16 Euro pro Doppelstunde kostet die Teilnahme. Beim Vorliegen eines Pflegegrades beteiligt sich die Versicherung. Wer Interesse hat, kann sich bei Pro Dem melden.

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