Anerkennung des Berufsabschlusses durch die IHK

Spanier dreht Ehrenrunde bei Wenzel und wird belohnt

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Rafael Borrallo Espinar mit dem Zertifikat und denen, die das möglich gemacht haben: (v.l.) Günter Hirth, Constantin von Kuczkowski (beide IHK), Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier und Firmenchef Volker Wenzel.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Wenn die Gemeinde anruft, hört Volker Wenzel nach eigener Auskunft zu 99 Prozent zu, „das andere Prozent ist das Finanzamt“. Der Chef der Firma Wenzel Marine hatte auch seine Ohren gespitzt, als Wirtschaftsförderer Lothar Wimmelmeier im Frühjahr 2016 einen Praktikumsplatz für Rafael Borrallo Espinar gesucht hatte.

Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, speziell was das jüngste Kapitel angeht: Espinar hat jetzt die Anerkennung seines spanischen Berufsabschlusses durch die Industrie- und Handelskammer (IHK) entgegengenommen. Er ist nun offiziell Fachinformatiker mit Fachrichtung Anwendungsentwicklung.

Der gemeinsame Weg von Unternehmen und Mitarbeiter ist damit aber noch lange nicht am Ende. Espinar möchte bei Wenzel und in Deutschland bleiben. Unbefristet, wie er gestern im Rahmen der Zertifikatsübergabe erklärte. „Er ist seit zwei Monaten ein voller Mitarbeiter bei uns“, sagt der Firmenchef. Das soll auch aus seiner Warte so weitergehen.

Espinar kommt aus Alcalá de Guadaira, der spanischen Partnerstadt Stuhrs. Schon während seines dreimonatigen Praktikums bei Wenzel, einem Handelsunternehmen und Dienstleister für die Seeschifffahrt, hatte er die Verantwortlichen überzeugt. „Er hatte eine Idee, an die unsere IT im Tagesgeschäft nicht gedacht hat“, sagte seinerzeit Dirk Jarzyna, bei Wenzel für die Unternehmenskommunikation zuständig.

„Spanien fehlt duales System“

Günter Hirth, Leiter Berufsausbildung bei der IHK Hannover, wundert das nicht. Er spricht von „richtig guten spanischen Berufsschulen“ und einer „hervorragenden theoretischen Ausbildung“. Dem Land fehle lediglich das duale System mit dem Betrieb als Lernort. Deshalb musste der 21-Jährige in Deutschland eine Ehrenrunde drehen, ihm fehlten die kaufmännischen Qualifikationen. „Wir haben ihn im Schnelldurchlauf durch alle Abteilungen geschickt, damit er sieht, wie Handel funktioniert“, sagt Volker Wenzel.

Mit dem Ergebnis, das Espinar jetzt laut Hirth „eine vollständige Gleichwertigkeitsbescheinigung“ in seinen Händen hält. Seit fünf Jahren könnten sich Zuwanderer ihre in der Heimat erworbenen Abschlüsse anerkennen lassen, 1 200 Personen hätten so schon eine berufliche Perspektive in Deutschland erhalten. „Das ist eine Botschaft“, sagt Hirth.

Espinar sei das in einem Beruf gelungen, „der es in sich hat, in einem Qualitätsberuf. Da muss man programmieren können, denn man greift tief in das System ein“, sagt Hirth. Espinar kann das. Entsprechend hoch ist inzwischen der Anspruch des Unternehmens an den Spanier. „Er entscheidet bereits über den Ankauf von Produkten“, erklärt Wenzel und nennt das Beispiel Datenbanken, die Espinar an die betrieblichen Bedürfnisse anpassen müsse.

„Mein Beruf macht mich glücklich“

Nach eigenen Angaben fühlt sich der Spanier – vom Wetter mal abgesehen – wohl in Deutschland. Alles laufe zu seiner Zufriedenheit. „Ich mag meinen Beruf, er macht mich glücklich“, sagt Espinar. Er finde zwar, dass es in Deutschland viele Regeln gebe, „aber am Ende hat man auch das Ergebnis, das man erzielen möchte“. In Spanien könne er auch in seinem Job arbeiten, da Programmierer gefragt seien, „aber nicht zu diesen Konditionen“. Manche seiner Kommilitonen, die etwa Ingenieure oder Lehrer geworden seien, müssten heute als Kellner jobben.

Inzwischen verstehe er auch „mehr und mehr“ Deutsch, berichtet Espinar. Gesprochen wird in dem Unternehmen aber überwiegend Englisch, nicht nur weil es die Sprache der Schifffahrt und des Programmierens ist. Auch deshalb, weil 25 Prozent der Mitarbeiter in dem weltweit operierenden Unternehmen Ausländer sind. Deren Beschäftigung ist für Wenzel eine Selbstverständlichkeit. Deshalb möchte er die Ehrung von Mittwochabend gar nicht so hoch hängen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte die Firma für die Integration ausländischer Fachkräfte mit dem bundesweiten Unternehmerpreis „Wir für Anerkennung“ ausgezeichnet. „Bei uns gibt es 17 Nationen und drei Weltreligionen.“ Erst kürzlich hat er wieder eine Syrerin als Auszubildende eingestellt. „Die IT-Abteilung wollte sie unbedingt haben“, berichtet Wenzel. Das habe sich bei den Syrern rumgesprochen. Nahezu täglich kämen Jobanfragen.

Das Feuer und die Leidenschaft der ausländischen Mitarbeiter vermisse er häufig bei deutschen Bewerbern. Wer dann noch die entsprechende Qualifikation mitbringe, „für den tun wir einiges“. Gleichwohl würden bei der Verpflichtung ausländischer Fachkräfte zwei Herzen in seiner Brust schlagen: „Klar haben wir einen hohen Bedarf. Doch wir müssen aufpassen, dass die südlichen Länder rauskommen aus ihrer schlimmen Lage. Nicht nur mit Geld aus Brüssel, sondern mit eigener Hilfe.“

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