Sogar das Taufbecken und der Altar sind aus Beton

Seckenhauser Kirche feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag

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Pastorin Judith Matthes mit einem Element, das ausnahmsweise nicht aus Beton ist: der Hahn für den Wasserablauf des in den Boden zementierten Taufbeckens.

Seckenhausen - Von Andreas Hapke. Das Unromantischste an der Seckenhauser Kirche ist ihre Adresse, findet Pastorin Judith Matthes. Industriestraße 8. Dabei könnte auch der Glockenweg in der Anschrift auftauchen, so wie das beim Pfarrhaus nebenan der Fall ist. Es gibt sogar einen Eingang am Glockenweg. „Und der Postbote würde uns auch ohne Nachsendeantrag finden“, unkt die Pastorin. Gleichwohl wäre die Änderung wohl mit allerlei Aufwand verbunden, vermutet sie.

Was nicht ist, kann noch werden. Denn im Vergleich zu anderen, vor Jahrhunderten entstandenen Gotteshäusern kommt die Martin-Luther-Kirche recht jugendlich daher. Sie wird in diesem Jahr erst 50 Jahre alt. Die Kirchengemeinde feiert das am 22. Dezember mit einem Festgottesdienst – exakt fünf Jahrzehnte nach der Einweihung des Gebäudes.

Nach Auskunft von Judith Matthes geht der Bau des Gotteshauses auf den Wunsch der Seckenhauser nach einer eigenen Kirche zurück. Bis dahin mussten sie für Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten nach Brinkum pilgern. Das Landeskirchenamt Hannover hatte bereits 1962 ein Grundstück neben dem neu angelegten Friedhof erworben. Den Auftrag für die Planung des Gebäudes erhielt der Heiligenroder Architekt Gerhard Dunkhase. Er entschied sich für einen quadratischen Grundriss und ein über dem Altar hoch ansteigendes Dach. Die „Farbwege“ sowie die Reliefs im Inneren stammen von Professor Otto Herbert Hajek (1927-2005), seinerzeit Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes.

„Ich wollte eine Kirche bauen, die nicht nur für Gottesdienste gedacht ist, sondern allen als Treffpunkt dient“, sagt Dunkhase auf Nachfrage. Ein Vorbild für seinen Entwurf habe es nicht gegeben, ebenso wenig habe er bei der Planung die Kosten in den Fokus gestellt. „Es sollte einfach eine andere Kirche werden.“

Aus der „Schlussabrechnung für den Bau einer Kirche mit zwei Gemeinderäumen und einem Gruppenraum“ geht hervor, dass das Projekt 565 198,17 Mark gekostet hat. Darin waren der Glockenturm und die Orgel nicht enthalten, sie kamen erst später hinzu.

Dass die Beton- und Stahlbetonarbeiten einen großen Anteil an den Ausgaben hatten, spiegelt sich in dem Design der Kirche wider. „Sie ist ein Kind ihrer Zeit“, sagt Judith Matthes. Es war die Zeit des Brutalismus, der dominierenden Architektur zwischen etwa 1960 und dem Anfang der 1980er-Jahre. Charakteristisch waren unter anderem die Verwendung von Sichtbeton und die Betonung der Konstruktion.

In Seckenhausen sind sogar der Altar, die Kanzel und das „wie ein Springbrunnen“ aussehende Taufbecken aus Beton. Alles ist fest im Boden verankert. „Beim Krippenspiel müssen wir die Elemente einplanen oder drumherum agieren“, erklärt Judith Matthes. Andererseits könnten sie auch nicht gestohlen werden. Dies sei ein Vorteil, schließlich habe sie als Pastorin eine Inventarübernahme unterschrieben.

„Inzwischen finde ich die Kirche heimelig“

Anfangs habe sie sich die Kirche „schöngucken“ müssen, erinnert sich Judith Matthes an ihren Amtsantritt im Februar 2016. „Inzwischen finde ich sie im Vergleich zu anderen Kirchen heimelig, weil man viel näher an der Gemeinde dran ist. Eine laute Stimme reicht. Das ist schön.“

Für größere Gottesdienste besteht die Möglichkeit, die Trennwand zu öffnen. „Auf diese Weise können wir bequem 320 Besucher unterbringen. Wir hatten auch schon mal 400, aber das macht dann keinen Spaß mehr.“

Quadratisch, praktisch, gut – das ist die Martin-Luther-Kirche laut Judith Matthes. „Man hat sich an so vieles gewöhnt, was sie bietet. Allein dass es Toiletten gibt, ist nicht selbstverständlich. Woanders muss man in ein entlegenes Gebäude, das obendrein noch abgeschlossen ist.“ Eine Teeküche und ein Büro sind ebenfalls vorhanden. Längst hat sich die Kirche zu dem von Dunkhase gewünschten Treffpunkt gemausert und ist in dieser Funktion sogar erweitert worden. Der Anbau bietet weitere Aufenthaltsmöglichkeiten, Toiletten und eine große Küche.

Als Symbol für die insgesamt moderne Erscheinung der Kirche dient die 2005 auf ihrem Dach installierte Solaranlage. Per Wlan funkt diese ihre Stromerträge an die Zentrale. Damit will die Gemeinde nach eigener Auskunft zeigen: „Wir reden nicht nur über die Bewahrung der Schöpfung, sondern wir tun etwas.“

Apropos Kirchengemeinde: Sie wurde erst deutlich nach Einweihung des Gotteshauses selbstständig, am 1. Januar 1971. Anfang 2021 wäre also der nächste Termin für eine große Feier – dann vielleicht am Glockenweg?

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