„Sie fangen wieder an“

Pastor und Schüler gedenken am Mahnmal Obernheide Opfern des Naziregimes

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Am Ende der Gedenkveranstaltung legen die Teilnehmer nach jüdischer Sitte Steine am Mahnmal ab.

Stuhr - Von Katharina Schmidt. „Ich habe gewusst, das wird scheißlangweilig“ – diesen Satz hat Pastor Robert Vetter gestern von ein paar Jugendlichen auf dem Weg vom alten Bahnhof in Stuhr zum Mahnmal Obernheide aufgeschnappt.

Dort, wo einst ein Arbeitslager für jüdische Frauen stand, erwartete Neunt- und Zehntklässler der Lise-Meitner-Schule eine Gedenkveranstaltung.

„Was soll ich hier?“, mag sich laut Vetter der eine oder andere Schüler dabei gefragt haben. Dass in Oberheide Menschen auf schrecklichste Art gequält worden seien, liege immerhin mehr als 70 Jahre zurück. Zu dem Zeitpunkt waren die wenigsten Teilnehmer der Veranstaltung – neben den Schülern waren ein paar ältere Bürger gekommen – schon geboren.

Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Gedenkgangs gab der Pastor, am Mahnmal angekommen, mit einem Zitat von Max Mannheimer: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“

Geschichte kann sich wiederholen

Aus seiner Andacht ging hervor, dass es gar nicht so abwegig ist, dass sich Teile der Geschichte wiederholen könnten. Vetter machte darauf aufmerksam, dass 2017 eine Partei in den Bundestag eingezogen sei, die sich nicht eindeutig von rechten Parolen distanziere. Es würden wieder Aufforderungen laut, Deutsche nach ihrer Abstammung zu sortieren. „Statt Arier wird einfach der Begriff Biodeutscher verwendet.“

Der Geistliche zitierte mehrmals Strophen aus dem Lied „Sie fangen wieder an“ von den Gebrüdern Engel (1979): „Sag nicht, wir haben nichts geahnt. Sag nicht, das sind nur ein paar Mann. Der böse Geist hat wieder hier und da ein Maul.“

Wie sich die Frauen, die in Obernheide geschuftet haben, fühlen würden, wenn sie die heutigen Entwicklungen sähen? Das ließ der Beitrag der Zehntklässlerinnen Liticia Honka und Lara Szymborski erahnen. Sie hatten aus schriftlichen Erinnerungen der Jüdin Lilly Kertesz ein fiktives Interview erarbeitet.

Fiktives Interview erinnert an Greuel

Darin schilderten sie, wie die Jüdin in einem Viehwagen nach Auschwitz transportiert worden war, ihre ganze Familie verloren hat und im Konzentrationslager Bergen-Belsen vor Leichenbergen stand. Wie sie in Obernheide den ganzen Tag Trümmer wegräumte und als Dank Schläge von den Aufsehern und eine dünne Suppe bekommen hat. „Die Deutschen wussten genau, wie sie uns demütigen und einschüchtern konnten“, zitierten die Mädchen Kertesz. „Es gab Momente, mehr als ich zählen konnte, in denen ich mir den Tod wünschte.“

Die Botschaft des Interviews und des gesamten Gedenkgangs: Die Erinnerungen an das Naziregime müssen wachgehalten werden – auch wenn manch Jugendlicher das Thema zunächst „scheißlangweilig“ findet.

Am Ende nahmen sich jeder Teilnehmer einen Stein und legte ihn nach jüdischer Sitte auf dem Mahnmal ab. Iris Rose vom Posaunenchor der evangelischen Kirche Heiligenrode umrahmte die Andacht musikalisch.

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