„Motivation ist das Größte, was wir schenken können“

Jugendliche helfen sich bei psychischen Problemen

Mittwochnachmittags trifft sich die Selbthilfegruppe im Brinkumer MGH. - Foto: Ehlers

Brinkum - Von Andreas Hapke. Wenn sich Lisa und Tanja (Name geändert, die Red.) mit gleichaltrigen Jugendlichen im Brinkumer Mehrgenerationenhaus (MGH) treffen, liegt immer eine Packung Taschentücher auf dem Tisch. Sicherheitshalber. Denn wenn die Jungen und Mädchen in dieser Runde über sich erzählen, können sie ihre Tränen manchmal nicht zurückhalten.

Die beiden 15-Jährigen leiten eine Selbsthilfegruppe für Jugendliche mit psychischen Problemen, Angstzuständen und Depressionen, also für Jugendliche wie sie selbst. „Ja, wir sind depressiv“, sagen Lisa und Tanja. Es hat gedauert, bis sie sich das eingestanden haben.

Jeden Mittwoch trifft sich der Kreis Gleichgesinnter von 16 bis 18 Uhr, um sich über Probleme auszutauschen und zu versuchen, im Gespräch einander zu helfen. Wie wichtig das ist, haben die beiden in ihrer eigenen Krankheitsgeschichte erfahren. Als beste Freundinnen standen sie in ständigem Austausch.

Unerfüllte Liebe führt zu Selbstmordabsicht

Bei Lisa waren es Suizidgedanken. Gemeinsam mit einer Bekannten wollte sie sich von einer hohen Brücke stürzen. Sie hatte sich in einen Jungen verguckt. „Freitags hatte er Unterricht in unserem Gebäude. Immer, wenn ich ihn nicht gesehen habe, bin ich zusammengebrochen.“ Dabei beruhten die Sympathien nicht auf Gegenseitigkeit. „Er hat mich nur beleidigt, das hat mich fertiggemacht.“

Am Ende nahm ihre Bekannte nach und nach Abstand von dem Plan. „Wenn man sich umbringt, ist der Spuk nicht weg, sondern man gibt ihn an andere weiter“, lautete ihre Erkenntnis. Das hat sich Lisa zu eigen gemacht. Die Selbstmordabsicht ist vom Tisch. Was bleibt, sind sichtbare Spuren aus dieser Zeit: Lisa hat sich geritzt, das heißt, sie hat sich selbst Schnittverletzungen zugefügt.

Auch Tanja hat sich geritzt. „Im ersten Moment wirkt das befreiend, ich habe mich besser gefühlt“, erinnert sie sich. „Später ging es mir noch schlechter als vorher, denn das Problem geht dadurch ja nicht weg.“ Tanjas Problem: In ihrem Zimmer hörte sie nachts Stimmen, sie sah in der Ecke eine „Gestalt“ stehen. „Sie ist aufgewacht und hat voll geweint“, erinnert sich Lisa an die Nächte, in denen sie bei ihrer besten Freundin geschlafen hat.

Die Mädchen haben über ihre Depression und das Ritzen geredet – mit ihren Eltern, mit der Schulsozialarbeiterin und – im Falle Lisas – mit Therapeuten. „Meine Mama ist aus allen Wolken gefallen“, sagt Lisa. Tanja berichtet, dass „meine Eltern erst gar nicht mit mir gesprochen haben, aber je häufiger wir dann miteinander geredet haben, desto besser ist es geworden.“ 

Gespräche helfen den Jugendlichen 

Unter Gleichaltrigen sei das Verständnis sofort da, finden die Mädchen. Deshalb die Selbsthilfegruppe. „Beim ersten Treffen haben wir unsere Geschichte erzählt. Danach wussten alle, dass sie sich hier öffnen können“, sagt Tanja.

Die Idee kam den beiden, als ihnen bei einem Besuch ihrer Klasse im MGH ein Programmzettel in die Hände fiel. „Da stand etwas von einer Selbsthilfegruppe für Diabetiker, und wir dachten: Das könnte man doch auch mal für Jugendliche mit Depression machen“, berichtet Lisa.

Gesagt, getan. Da auch MGH-Leiterin Daniela Gräf begeistert von der Idee der Mädchen war, ging es Anfang März los. Ob Alkoholsucht, Drogen oder Familienprobleme: „Wir reden alle zusammen über alles. Wir helfen uns gegenseitig, indem wir uns austauschen“, erläutert Lisa das Prinzip. „Vor allem nehmen wir die Jugendlichen ernst.“ Dieses Gefühl habe sie in ihrer Therapie anfangs nicht gehabt.

„Wir erinnern uns auch an schöne Momente“

Die Treffen beginnen immer damit, dass die Teilnehmer über die zurückliegende Woche erzählen. Was ist passiert? Gab es einen Rückfall? Solche Fragen stehen dann im Mittelpunkt. „Aber es geht nicht nur um Probleme. Wir erinnern uns auch an die schönen Momente. Und wir motivieren. Das ist das Größte, was wir schenken können“, sagt Lisa. „Wir sind stolz auf dich“, heiße es zum Beispiel, wenn jemand seit Längerem keine Drogen genommen hat.

Im Schnitt sind sie zu sechst. Nicht alle Teilnehmer sind ein zweites Mal gekommen. „Doch die, die bleiben, gehören einfach her. Es wächst zusammen“, stellt Lisa fest. „Wir werden eine richtige Gruppe.“ Zu der zählt von Beginn an ein Mädchen, das sich ständig von einer „Erscheinung“ begleitet fühlt. Das geht schon seit fünf Jahren so.

Was mancher Erwachsener mit Kopfschütteln quittieren würde, nehmen Tanja und Lisa wie selbstverständlich zur Kenntnis. Lisa bittet den Schatten einfach mit an den Tisch. „Dann sind wir eben heute zu siebt“, sagt sie. Das Mädchen könne sich in der Therapie nicht öffnen, erklärt Tanja. „Hier gelingt ihr das, sie kommt jeden Mittwoch.“

Respekt ist Mädchen wichtig

Dieses Beispiel zeigt laut Gräf, „wie hochgradig professionell und respektvoll die Mädchen vorgehen. Ich finde das bewundernswert“. Gleichwohl legt sie Wert auf die Feststellung, dass es eine Selbsthilfegruppe sei. „Sie ersetzt keine ärztliche Hilfe, sondern ist ein zusätzliches Angebot, etwas ganz Wertvolles obendrauf.“ Der Bedarf sei in jedem Fall da.

„Es geht einem nicht immer perfekt, aber durch die Gruppe bessert sich alles“, sagt Lisa. Das scheint auch auf sie und ihre Freundin Tanja zuzutreffen: „Wir sind gerade froh, dass es uns richtig gut geht.“

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