Hilfe für Betroffene

Die Seckenhauserin Viola Trein möchte eine Selbsthilfegruppe „Schlaganfall & Co.“ gründen

Viola Trein wurde Opfer eines Schlaganfalls. Nun will die 54-Jährige eine Selbsthilfegruppe gründen, um Personen mit dem gleichen Schicksal zu helfen und ihre Erfahrung zu teilen.

  • Viola Trein möchte eine Selbsthilfegruppe gründen und ihre Schlaganfall-Erfharungen mit Betroffenen teilen.
  • Die Selbsthilfegruppe soll im April oder Mai starten.
  • Es gibt keine Tabuthemen in der Selbsthilfegruppe.

Seckenhausen – Das Foto auf dem Handy von Viola Trein zeigt eine computertomografische Aufnahme ihres Kopfes. Darauf ist ein schwarzer Fleck zu sehen, 3,7 mal 4 Zentimeter groß. Er zeigt die Einblutung in ihrem Stammhirn, passiert am 29. Juli 2017. „Um 12 Uhr mittags hatte ich nichts mehr von meinem alten Leben“, berichtet sie.

Üben für die Zeit nach der Reha: Viola Trein im Lauftrainer der Einrichtung Friedehorst in Bremen.

Seitdem hat die jetzt 54-Jährige viele Erfahrungen gesammelt, die sie bald mit anderen betroffenen Menschen teilen möchte. Viola Trein will eine Selbsthilfegruppe gründen und sich damit an Personen richten, die wie sie von einer Hirnblutung, einem Schlaganfall oder einer körperlichen Behinderung infolge zum Beispiel eines Unfalls oder Multipler Sklerose betroffen sind. Sie denkt an die Altersgruppe von 30 bis 60 Jahren.

Start der Selbsthilfegruppe im April oder Mai

Losgehen sollen die monatlichen Treffen im April oder Mai kommenden Jahres in einem barrierefrei zu erreichenden Raum der Kirchengemeinde Seckenhausen. Dies sei zwar noch eine Weile hin, sagt die Initiatorin. Aber sie wolle ihrem Projekt ausreichend Vorlauf geben und sehen, ob es überhaupt Interessenten gebe. Und während Corona seien diese Treffen auch noch gar nicht möglich.

Viola Trein erinnert sich noch ganz genau an diesen Tag Ende Juli. Wie sie mit einer Freundin in Kirchweyhe zum Essen verabredet war und im Restaurant, ohne jede Vorwarnung wie Kopfschmerzen oder Schwindelanfall, umgefallen ist. Eine junge Arzthelferin unter den Restaurantbesuchern habe die Situation sofort erfasst und alles Weitere organisiert. So kam Viola Trein sofort in die Stroke Unit, eine spezielle Schlaganfallstation im St.-Jürgen-Krankenhaus.

An die Notfallaufnahme habe sie keine Erinnerung mehr, obwohl sie die ganze Zeit bei Bewusstsein gewesen sei. „Angeblich habe ich auf alle Fragen geantwortet und nach einem Hustenbonbon gefragt, weil ich einen trockenen Mund hatte“, erzählt sie. Die nächsten Bilder hat sie erst wieder von der Zeit im Krankenbett, angeschlossen an einen Monitor.

„Ich habe Medikamente bekommen, die den hohen Blutdruck herunterregelten.“ Und dann habe der Arzt ihr eröffnet, dass die rechte Seite ihres Stammhirns von einer Hirnblutung betroffen sei. Der Vorfall bescherte ihr eine halbseitige Lähmung. Ihre linke Körperseite ist auch heute immer noch motorisch stark eingeschränkt.

Immer mobil: Ihre körperlichen Einschränkungen halten Viola Trein nicht von Besuchen in Bremen ab.

Viola Trein kann die Finger ihres rechten Arms zwar ansteuern, diesen aber nicht benutzen. Zum Gehen benötigt sie eine stabile Gehhilfe. Muss sie in ihrem Haus etwas transportieren, erledigt sie das mit dem Rollstuhl. Gleichwohl versuche sie, so oft wie möglich mit der Gehhilfe unterwegs zu sein, „egal ob drinnen oder draußen, wenn der Untergrund nicht hubbelig ist“. Sie treffe sich zum Frühstücken, Kaffeetrinken oder besuche das Weyher Theater. Sie habe auch den Führerschein neu gemacht, um im ländlich geprägten Seckenhausen mobil zu sein.

Die genaue Ursache für ihre Hirnblutung kennt man nicht. „Die Stelle im Stammhirn soll typisch sein bei hohem Blutdruck, doch unter dem habe ich gar nicht immer gelitten.“ Weitere Möglichkeit: ein Kavernom, eine Gefäßmissbildung, „die man von Geburt an haben oder im Laufe seines Lebens entwickeln kann“, erklärt Viola Trein. Überhaupt sei kein Schlaganfall, keine Hirnblutung mit einem / einer anderen zu vergleichen.

Langer Weg durch die Reha

Was folgte, waren Monate harter therapeutischer Arbeit. Nach drei Tagen in der Stroke Unit kam Viola Trein zur Frühreha nach Hamburg-Wilhelmsburg. „Da habe ich das Sitzen gelernt und Logopädie bekommen, weil ich nur sehr undeutlich sprechen konnte.“ Nach sieben Wochen ging es weiter mit der Reha in Friedehorst in Bremen. „Da habe ich wieder laufen gelernt. Ich bin liegend hin und gehend raus“, sagt sie und lacht.

Neben dem Lauftraining standen noch Kräftigungsübungen, Ergotherapie, Logopädie und kognitives Training auf dem Programm. „Insgesamt war ich vier Monate von zu Hause weg.“ Seit der Rückkehr in die eigenen vier Wände bekommt Viola Trein jeweils zweimal wöchentlich Ergo-, Physio- und Lymphtherapie. „Zwischenzeitlich, im Herbst 2018, hatte ich nochmal eine Reha über die Rentenversicherung. Damit mein Krankengeld nicht ausläuft.“

33 Jahre hat Viola Trein Vollzeit als Sekretärin gearbeitet. Heute profitiert sie von einer Berufsunfähigkeitsversicherung, die ihre Erwerbsminderungsrente um 320 Euro monatlich aufstockt. Über den Pflegegrad 2 erhalte sie weitere 316 Euro, als Pfleger seien ihre Eltern eingetragen. „Bis Corona habe ich im Homeoffice noch Rechnungen für ein Busunternehmen geschrieben. Ohne Fahrten gibt es aber auch keine Rechnungen mehr“, bedauert sie. Schließlich dürfe sie jährlich 6 300 Euro steuerfrei verdienen.

In der Krankheit viel gelernt

Keine Frage: In Sachen Finanzen hat Viola Trein in den vergangenen Jahren so ihre Erfahrungen gesammelt. „Wer weiß schon, dass einem jährlich eine Verhinderungspflege von 1 600 Euro zusteht? Für den Fall, dass der Pfleger mal ausfällt?“, fragt sie. Doch auch über ihre Krankheit hat die Seckenhauserin viel gelernt. „Ich habe quasi Medizin studiert, und über das Thema Barrierefreiheit kann ich ganze Romane schreiben“, sagt sie und lacht. Dieses umfassende Wissen möchte sie weitergeben und sich darüber austauschen.

Mindestens genauso wichtig ist ihr die seelische Komponente. „Ich habe die ersten sechs Wochen nur geweint. Man muss erst mal begreifen, was da mit einem passiert ist“, erklärt sie. Hinzu komme die Existenzangst: Wo führt das alles hin? Werde ich wieder gesund? „Das“, sagt Viola Trein, „sind Gedanken ohne Ende.“

Tabuthemen wird es in ihrer Selbsthilfegruppe nicht geben. „Was ist mit Sex? Der ist auch eingeschränkt“, nennt sie ein Beispiel. Ein separates Treffen für Angehörige, die ansonsten auch immer dabei sein dürfen, zieht sie ebenfalls in Erwägung, auch Vorträge zu unterschiedlichen Themen. Vor allem eins wolle sie mit ihrer Initiative zeigen: „Es kann alles passieren – jederzeit.“ Bei ihr war es der 29. Juli 2017, 12 Uhr.

Weitere Informationen

Wer sich für die zu gründende Selbsthilfegruppe interessiert, kann sich unter 0421/898 44 06 oder 0162/586 181 0 an Viola Trein wenden. Eine E-Mail an violatrein@kabelmail.de ist ebenfalls möglich. Zwecks Austauschs von Informationen soll es auch eine Whatsapp-Gruppe geben. Nach diversen Fortbildungen bietet Viola Trein auch individuelle Beratungen an. Mehr auf ihrer Website: https://www. viola-trein.de/empathische-beratung-hirnblutung-schlaganfall.

Von Andreas Hapke

Rubriklistenbild: © privat

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