Schluss nach 111 Jahren

Kein Nachfolger, kein Fachpersonal: Gärtnerei Heinken schließt

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Diesen Adventskranz hat Christa Frieling (2.v.r.) gestaltet. Neben dem Chef Hans Heinken sind Schwester Christa Duve (l.) und Anja Lieske auf dem Bild.

Nur noch wenige Wochen, und ein weiterer Traditionsbetrieb schließt in Stuhr seine Pforten. Für die Gärtnerei Heinken an der Blockener Straße ist 111 Jahre nach der Gründung Schluss.

Stuhr - Endgültig verabschieden sich Hans Heinken, seine Schwester Christa Duve und vier Mitarbeiter am 31. Dezember von ihren Kunden. Bei einigen von ihnen sind nach Auskunft von Floristin Christa Frieling schon Tränen geflossen: „Manchmal wird es in dem Laden sehr emotional.“

Die Entscheidung ist laut Heinken im Sommer gefallen. Er habe sie sich nicht leicht gemacht. Doch nachdem abzusehen war, dass es keine Nachfolgeregelung geben würde, blieb ihm nichts anderes übrig. Hinzu kommt, dass die Firma schon seit längerem Personalprobleme hat. „Die werden in nächster Zeit noch größer“, befürchtet Heinken. Schon jetzt ist der Laden an zwei Nachmittagen in der Woche geschlossen. Es fehle an ausgebildeten Floristen. „Und wenn wir auf niedrigem Niveau weitermachen, gibt es nur Beschwerden.“

Schon als Kinder in Gärtnerei geholfen

Heinken selbst hat keine Kinder, „und die Söhne meines Bruders wollen etwas ganz Anderes machen“, erzählt der 69-Jährige. Früher war das anders. Hans und Helmut Heinken traten wie selbstverständlich in die Fußstapfen ihres Vaters und absolvierten eine Gärtnerlehre. 

Schon als Kinder mussten sie im elterlichen Betrieb aushelfen. „Die anderen gingen baden, wir zupften Unkraut. Gärtner sind wir trotzdem geworden“, erzählt er. Schwester Christa Duve (71) spricht vom „freiwilligen Zwang des Vaters“. Sie selbst war als Azubi zur Volksbank gegangen, packte aber in ihrer Freizeit auch immer mit an. So ist das in einem Familienbetrieb.

Neubau in 1970er-Jahren fällig

Dessen Gründer Johann Heinken verdiente sein Geld mit Gemüsepflanzen, Sämereien, Baumschulartikeln und einem Stand auf dem Wochenmarkt in der Bremer Neustadt. Sohn Cristel übernahm das Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg. Er stellte den Marktbetrieb ein und baute in den 1960er-Jahren das Wohnhaus an der Blockener Straße um. Auf einer Fläche von 30 bis 40 Quadratmetern richtete er im Erdgeschoss ein Ladenlokal ein, in dem Ehefrau Melita Blumen und Samen verkaufte. 

In den 1970er-Jahren war ein Neubau fällig. „Viele Bremer sind nach Stuhr gezogen, und mit dem Bauboom wurde der Kundenkreis schnell größer und anspruchsvoller“, begründet Heinken. Durch die Aufnahme von Zierpflanzenkulturen musste die Familie auch die Fläche der Gewächshäuser vergrößern.

Hans und Helmut Heinken bauen neue Gewächshäuser

Mit der Übernahme des Geschäfts durch die dritte Generation ging eine weitere Expansion einher. Hans und Helmut Heinken ergänzten das Angebot durch weitere Kulturen, bauten neue Gewächshäuser. Heute hat der Betrieb eine Größe von knapp 3 000 Quadratmetern. Helmut Heinken schied nach seiner Heirat zwar aus der Firma aus. Er blieb aber dem Metier treu und fand im Familienbetrieb seiner Frau Rosen-Flügger eine neue Heimat in Delmenhorst.

Was Krisen angeht, kann sich Heinken nur an die 1990er-Jahre erinnern, als die Heizkosten drastisch stiegen. Der Online-Handel habe ihm nichts anhaben können. „Wir machen individuelle Handarbeit. Die bekommt man im Netz nicht.“ Den Kunden sei auch immer die persönliche Ansprache wichtig gewesen, fügt Frieling hinzu. „Man kannte sie beim Namen. Und sie erzählten hier, was sie bewegt.“

Einziger Fleurop-Partner in Stuhr

Hans Heinken ist nach eigener Auskunft der einzige Fleurop-Partner in Stuhr, das heißt, das Geschäft liefert Blumen und Gestecke aus, die der Kunde telefonisch oder online bei Fleurop bestellt. Einen Namen hat sich der Betrieb auch mit der gehobenen Trauerfloristik gemacht. „Dieser Trend geht zwar allgemein zurück, doch die besonderen Sachen werden immer noch in Anspruch genommen.“ Weitere Schwerpunkte sind die Advents- und Weihnachtsgestecke sowie die Frühjahrs- und Sommerblumen, die immer ein 550 Quadratmeter großes Glashaus gefüllt haben.

Für das Besondere ist bei Heinken die Floristikmeisterin Christa Frieling zuständig. „Sie lebt ihren Beruf. Sie ist eine Künstlerin“, sagt Christa Duve. Frieling zählt seit elf Jahren zum Team und hat sich in ihre Meisterausbildung intensiv mit der Trauerfloristik befasst. „Mit ist die persönliche Note dabei wichtig“, sagt sie. „Was die Menschen dem Gestorbenen mitgeben wollen, muss sich im Kranz widerspiegeln.“ Deshalb habe sie sich immer ausgiebig Zeit für die Trauergespräche genommen.

Die erste Generation: Johann Heinken, hier mit seiner Ehefrau Mathilde, hat die Gärtnerei in Blocken 1908 gegründet. Repro: Ehlers

Frieling, die seit ihrem achten Lebensjahr Floristin werden wollte, ist voll des Lobes für ihren Chef: „Er ist zuverlässig, kann zuhören und lässt seine Launen nicht an den Mitarbeitern aus.“ Die Floristin scheidet nach der Schließung Ende Dezember aus dem Berufsleben aus. Die anderen Mitarbeiter sind laut Heinken untergekommen.

Dass er noch einmal kräftig investieren müsste, spricht zusätzlich gegen die Fortführung des Geschäfts. „Die Heizkosten steigen. Ich müsste für eine Wärmedämmung sorgen, aber nicht mehr mit 69 Jahren.“ Irgendwann habe er auch mal seinen Ruhestand verdient, sagt Duve, die noch halbtags in dem Geschäft aushilft. „Zu einem einzigen Urlaub habe ich ihn in all den Jahren zwingen können. Da waren wir in Kalifornien.“

Modenschau im Jahr 2000 als Highlight

Was bleibt, sind die Erinnerungen an die herzlichen Beziehungen zu den Kunden und zahlreiche Veranstaltungen, etwa der jährliche Adventsmarkt, Rosenseminare und Workshops über Adventskränze. Den Höhepunkt bildet sicher die Modenschau im Jahr 2000 unter anderem mit dem Entertainer Yared Dibaba. Heinken hat ein ganzes Album voll mit Fotos von diesem Event.

Was nun aus dem Grundstück wird, steht noch nicht endgültig fest. Projektentwickler haben aber längst ihr Interesse für Teilbereiche angemeldet. Bauflächen sind in Stuhr rar.

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