Ein Revoluzzer im positiven Sinn

Hans Schüler feiert sein 40-jähriges Jubiläum im öffentlichen Dienst

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Hans Schüler neben dem Büro mit der Nummer 231, seinem Arbeitsplatz im Stuhrer Rathaus.

Stuhr - In dem Büro von Hans Schüler hängen Plakate über den Fairen Handel und die Nachtwanderer, auf dem Tisch liegt ein Buch zum Thema Jugendschutz. Allein das zeigt, wie vielfältig die Aufgaben sind, mit denen sich der Leiter des Teams Jugend beschäftigt. Am Freitag feiert Schüler sein 40-jähriges Dienstjubiläum.

Nach seinem Studium der Diplompädagogik in Münster und einem Abstecher in die Erwachsenenbildung bei der Bremer Volkshochschule landete er 1981 als Leiter des Brinkumer Jugendhauses in Stuhr, seit 1994 ist er im Rathaus Chef der Jugendarbeit. Im Interview mit Redakteur Andreas Hapke kann er nicht alle vier Jahrzehnte Revue passieren lassen, aber doch zumindest einen Teil davon.

Herr Schüler, während der Feier im Kollegenkreis werden Sie aus dem Gedicht eines unbekannten Verfassers zitieren, in dem es unter anderem heißt: „Um zu begreifen, was Jugend ist, müsst ihr hinabsteigen in das Chaos.“ Davon können Sie ein Lied singen, oder?

Hans Schüler: Ja, vor allem, wenn ich an meine Anfangszeit denke. Wie vielerorts herrschte auch unter den Besuchern des Brinkumer Jugendhauses eine Null-Bock-Stimmung. Es gab heftige Auseinandersetzungen der Jugendlichen mit der Politik, ausgetragen durch verschiedene Zeitungen wie „Paranoia“ und „Schizophrenie“. Der Zentralrat des weitgehend selbstverwalteten Hauses musste allen Veränderungen zustimmen. Übrigens wirkte er auch bei meiner Anstellung mit.

Vielleicht hatten die Jugendlichen gespürt, dass sie ein Revoluzzer im positiven Sinn sind, nicht nur wegen Ihrer damals langen Haare. Ein Blick auf die lange Liste Ihrer Tätigkeiten verrät, dass Sie vieles angeschoben haben.

Schüler: Jugendarbeit hängt immer von den ausübenden Personen ab. Ich habe die Strukturen in der Gemeinde neu entwickelt, nachdem meine Kollegin Hiltrud Gefken 1984 ausgeschieden war. Ich hatte viele Handlungsfreiräume, da bin ich außerhalb Stuhrs häufig auf ungläubiges Staunen gestoßen. Natürlich lag das auch an den finanziellen Möglichkeiten. Ich habe die Freiräume genutzt, sei es für eine Rock-AG, eine Musikerinitiative oder für Kinotreffen mit manchmal bis zu 400 jugendlichen Besuchern. Ich konnte zeigen, was ich wollte.

Wieso gibt es das heute nicht mehr?

Schüler: Zum einen wegend der technischen Entwicklung. Heute kann sich doch jeder einen Film auf dem Handy ansehen. Zum anderen gibt es die Tendenz, beliebige Großveranstaltungen zu besuchen und dann wieder auseinanderzugehen. Unser Kinopublikum kannte sich noch untereinander.

In welchem Punkt hat sich Jugendarbeit im Vergleich zu Ihrer Anfangszeit am meisten gewandelt?

Schüler: Ganz klar in der Prävention. Als ich anfing, kannte ich das Wort gar nicht. Wir haben polititische Bildung gemacht. Heute betreibt jede Einrichtung, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, in irgendeiner Form Prävention. Bei uns ging es 1993 mit „Pro – das Netz“ los, seit 2004 gibt es „Stuhr macht Prävention“. Stolz bin ich auf die sieben Fachtage Prävention im zweijährigen Rhythmus seit 2005 mit jeweils 50 bis 60 Teilnehmern sowie die aufsuchende Jugendarbeit mit Streetworkern und Nachtwanderern. Ihr Wirken fängt die Jugendlichen ein, die sich den Angeboten in den Jugendhäusern entziehen und andere Plätze frequentieren.

Was macht erfolgreiche Jugendarbeit aus?

Schüler: Nicht immer den selben Trott machen. Wir haben uns immer zeitnah mit neuen Trends und Entwicklungen beschäftigt. Wir wollten stets an der Spitze der neuen Bewegungen stehen, Vorbild für den Landkreis waren wir fast immer.

Die Neugier, über den Tellerrand hinauszublicken, ist demnach auch eine Ihrer Stärken.

Schüler: Ja, das ist so. Es gab viele Tätigkeiten außerhalb der Jugendarbeit, aus denen ich aber wieder viel für meine eigentliche Arbeit ziehen konnte. Ich war vier Jahre Jugendschöffe in Bremen. Ich denke auch an mein Engagement in der Slow-Food-Bewegung und im deutsch-spanischen Freundschaftsverein, der mir sehr am Herzen lag, ebenso wie die damit einhergehenden Jugendaustausche mit Barcelona und Alcalá. Teamarbeit ist auch wichtig in meinem Job, und auch die Fähigkeit, Leute zu begeistern und mitzunehmen.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Schüler: Motivation spielt besonders in der Arbeit mit Ehrenamtlichen eine Rolle, etwa mit den Nachtwanderern und den Spielplatzpaten. Am Ende des Tages muss für die Helfer aber auch immer eine Suppe drin sein.

Was waren die Höhepunkte in den vier Jahrzehnten?

Schüler: Das ist schwierig. Wie will man denn den Ferienspaß mit den Nachtwanderern vergleichen? Das Internationale Expo-Camp 2000 auf dem Gelände der KGS Brinkum gehört aber auf jeden Fall dazu, das war ganz großes Kino, gelebtes Europa. Mein Traum wäre gewesen, diese multinationale Geschichte fortzuführen, dass sich auch die Partnerstädte daran beteiligen.

Wer Sie nicht kennt, kann gar nicht glauben, dass sie schon 65 Jahre alt sind. Jugendarbeit hält offensichtlich jung.

Schüler: Das sagen alle, und das empfinde ich auch so. Ich bin aber auch 40 Jahre lang aus Bremen mit dem Rad zur Arbeit gekommen.

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