Durcheinander auf der Autobahn

Rettungsgasse bei Unfällen: Manchmal fehlt der Platz, oft die Einsicht

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Auf der A1 – hier ein Blick von Gr. Mackenstedt aus Richtung Brinkum – ist nicht überall eine Rettungsgasse möglich.

Landkreis  Diepholz - Von Katharina Schmidt. Motoren dröhnen, Warnbakenleuchten blinken. Dicht an dicht stehen Autos auf der verengten Fahrbahn. Die Fahrer hinter den Scheiben sind genervt. Der Verkehr fließt nur stockend – wenn überhaupt. Dieses Bild bietet sich aufgrund von Bauarbeiten derzeit häufig auf der A 1. Ein Szenario, das sich leider ebenfalls stetig wiederholt: Rettungskräfte kommen mangels Rettungsgasse nur schwer zu Unfallstellen. Doch wohin sollen Autofahrer im engen Baustellenverkehr ausweichen, um eine lebensrettende Gasse zu bilden?

Diese Frage mag sich manch ein Fahrer stellen, der auf der A1 durch die Baustelle zwischen Brinkum und dem Dreieck Stuhr fährt, oder der zwischen Arsten und dem Bremer Kreuz unterwegs ist. „An solchen Stellen funktionieren Rettungsgassen gar nicht“, erklärt Matthias Thom, Pressesprecher des Kreisfeuerwehrverbands. Deswegen würden Feuerwehr, Polizei, Rettungskräfte und das Straßenbauamt in solchen Fällen vor Baubeginn gemeinsam planen, wie Einsatzkräfte im Ernstfall schnell ans Ziel kommen.

Meistens gelingt das über die Fläche der Autobahn, auf der bei Fahrbahnerneuerungen sonst nur die Baumaschinen rollen. Auf der A1 schauen Polizisten derzeit mehrmals am Tag, wo sich die Betoniermaschine gerade befindet. Wenn es kracht, wissen die Beamten somit oft schon, von welcher Seite die Baustelle befahrbar ist.

Im Ernstfall schicken Feuerwehr und Polizei darüber hinaus aus mehreren Richtungen Lotsenfahrzeuge voraus.

Alternative Anfahrt aus der anderen Richtung

Es gibt laut Thom noch eine Alternative zur Anfahrt über die Baustelle: Wenn Fahrzeuge zusammenprallen, staut sich hinter ihnen häufig der Verkehr. Rettungskräfte können dann gegebenenfalls entgegen der Fahrtrichtung zu Hilfe eilen. Dort ist die Straße im Idealfall leer.

Der Standstreifen ist übrigens keine Option. Hauptgrund ist laut Thom, dass er in der Regel zu schmal ist. Laut der Kampagne „Rettungsgasse rettet Leben“ der deutschen Feuerwehrgewerkschaft ist er zudem nicht überall durchgehend ausgebaut und Pannenfahrzeuge könnten den Weg versperren.

Thom zufolge musste die Feuerwehr während der aktuellen Bauarbeiten schon mehrmals zu Unfällen an Stellen ausrücken, wo es zu eng für eine Rettungsgasse ist. „Das hat immer super funktioniert“, berichtet er.

Unbedacht zurücklehnen sollten sich Autofahrer in Staus in und um Baustellen trotzdem nicht. Nicht zuletzt, weil der Verkehr manchmal weit im Voraus stockt – an Stellen, wo eine Rettungsgasse lebensrettend sein kann.

Misslungene Gassen als Warnung

In jüngster Zeit dienten deutschlandweit viele Beispiele von misslungenen Rettungsgassen als Warnung. Nachrichten wie die, dass Sanitäter zwei Kilometer zu Fuß zu Verletzten laufen mussten, machten Schlagzeilen. Die klassische Rettungsgasse funktioniert Thom zufolge trotz der zahlreichen Sensibilisierungsversuche immer noch nicht, wie sie sollte. „Es sind Ansätze zu erkennen, vor allem bei Autofahrern“, sagt er. „Aber die reichen nicht.“ Fast jedes Mal auf der Autobahn sei es das gleiche: Die Fahrer von Rettungsfahrzeugen müssten hin- und hersteuern, vor- und zurücksetzen. Zum Teil seien Kameraden gezwungen, auszusteigen und Verkehrsteilnehmer persönlich aufzufordern, Platz zu machen.

Nicht nur auf Autobahnen haben es Feuerwehr und Notärzte schwer. Selbst auf Bundesstraßen würden sie von Autofahrern blockiert und ausgebremst, so Thoms Erfahrung. „Es wird erst dann besser, wenn die Leute bestraft werden“, vermutet er und zieht einen Vergleich zu Unfallgaffern. Viele würden erst wegschauen, wenn ein Bußgeld droht.

Thom bedauert, dass es vielen Menschen anscheinend nur darum gehe, nicht erwischt zu werden – die Einsicht fehle, dass die Behinderung von Rettungsarbeiten egoistisch sei und jeder selbst einmal auf schnelle Hilfe angewiesen sein könnte.

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