Regierungsvertreter bitten um Verzeihung

30 Jahre nach Geiseldrama: Gedenkfeier für Silke Bischoff in Heiligenrode

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Bremens Bürgermeister Carsten Sieling, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet und Niedersachsens Europa-Ministerin Birgit Honé (Mitte, v.l.) drücken vor Medienvertretern ihr Mitgefühl mit den Angehörigen der Geiseldrama-Opfer aus.

Stuhr-Heiligenrode - Von Anke Seidel. 30 Jahre nach dem Geiseldrama von Gladbeck und dem Tod der damals 18-jährigen Silke Bischoff haben Regierungsvertreter dreier Bundesländer dem Opfer ihre Achtung gewiesen.

Am Grab der jungen Frau auf dem Friedhof in Stuhr-Heiligenrode legten Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, Bremens Bürgermeister Carsten Sieling und Niedersachsens Europa-Ministerin Birgit Honé am Donnerstagnachmittag Kränze nieder. An ihrer Seite: Karin Remmers, die Mutter der Getöteten, Verwandte sowie Landrat Cord Bockhop und Stuhrs Bürgermeister Niels Thomsen.

Schon eine Stunde vor der offiziellen Kranzniederlegung stehen 25 Journalisten aus ganz Norddeutschland hinter der Absperrung nahe dem Grab. Polizisten regeln den Verkehr, kontrollieren jeden Besucher am Haupteingang des Friedhofs. Es ist Pastorin Tabea Rösler, die den Trauerzug von etwa 20 Menschen an das Grab begleitet und nach einer einfühlsamen Ansprache das „Vater Unser“ mit den Teilnehmern betet, bevor sie das Grab segnet.

Silkes Mutter steht gefasst am Grab

Silkes Mutter, in grauschwarz gestreifter Hose mit hellem Oberteil, steht gefasst am Grab – und erlebt 30 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter, wie hochrangige Politiker dem unschuldigen Opfer ihrer Ehre erweisen und um Verzeihung für Versäumnisse bitten. 

Die Medien sind – anders als damals beim unvorstellbaren Geschehen in Gladbeck, Bremen und Köln – abgeschottet. Erst nach dem Gedenken am Grab und am Glockenturm nehmen die beiden Regierungschefs und die Ministerin Stellung.

„Die 54 Stunden des Geiseldramas von Gladbeck stehen wie kein anderes Ereignis der Geschichte der Bundesrepublik für Grenzüberschreitungen durch Medien, gepaart mit Fehlern von Menschen und staatlichen Behörden beim Umgang mit einem Verbrechen“, stellt Laschet fest. 

Filmemacherin Regina Ziegler (3.v.l.) Donnerstag in Heiligenrode. Ihr Film „Gladbeck“ offenbart die Fehler der Behörden vor 30 Jahren.

„Es ist überfällig“, so betont der Ministerpräsident mit klarer Stimme, „dass auch Nordrhein-Westfalen seine Verantwortung wahrnimmt. Denn zu Recht beklagen die Angehörigen der Verstorbenen sowie die weiteren Opfer des Geiseldramas die fehlende Übernahme von Verantwortung.“

Bremens Bürgermeister Carsten Sieling drückt genauso sein Mitgefühl mit den Angehörigen aus. Ein Kondolenzbrief an die Familie von Emanuele die Giorgi, der damals mit 15 Jahren starb, sei an seine Familie nach Italien unterwegs. Gesorgt sei genauso für einen Kranz, der morgen im Heimatort der Familie vom dortigen Bürgermeister niedergelegt werden solle. 

Mit den Angehörigen von Ingo Hagen sei ebenso Kontakt aufgenommen worden, sagt Sieling in Erinnerung an den Polizisten, der während des Geiseldramas durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Sieling erinnert genauso an das Denkmal, das die Hansestadt für die Opfer errichten will.

Sicherheitsbehörden haben aus dem Drama gelernt

Wer sich heute an die Ereignisse im August 1988 erinnere, der spüre wieder das Entsetzen und auch die Scham, „die uns bereits damals erfüllten“, erklärt Ministerin Honé – und fügt hinzu: „Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt – auch 30 Jahre danach.“ Sie ist sich mit Sieling und Laschet einig: „Die Sicherheitsbehörden in der Bundesrepublik insgesamt haben aus dem Gladbecker Geiseldrama gelernt.“

Gedenken der Opfer des Gladbecker Geiseldramas in Heiligenrode

 © Mediengruppe Kreiszeitung / Jantje Ehlers
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Armin Laschet formuliert das so: „Es ist die oberste Pflicht des Staates, seine Bürger zu schützen. Dies ist ihm in Gladbeck und in den dramatischen Stunden danach nicht gelungen. Ursache dafür war eine Aneinanderreihung von Fehleinschätzungen.“

Genau die hat Filmemacherin Regina Ziegler in ihrem zweiteiligen Spielfilm „Gladbeck“ ebenso offen wie anklagend dargestellt. Auch sie ist nach Heiligenrode gekommen.

Die Opfer des Geiseldramas haben bisher kein offizielles Schmerzensgeld erhalten. Nordrhein-Westfalen habe heute eine Staatsanwältin als Opferbeauftragte, an die sich die Mutter von Silke Bischoff wenden könne, so Armin Laschet auf Nachfrage dieser Zeitung. Bürgermeister Carsten Sieling spricht von „kleineren Lebenshilfen“, die Bremen damals Opfern gewährt habe und die zum Schutz der Personen nicht öffentlich gemacht worden seien.

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