Unterwegs im Auftrag der Toten

Profiler Axel Petermann zu Gast bei der Interessengemeinschaft Stuhrer Unternehmen

Die Lampe stammt noch aus der alten Dienststelle: Axel Petermann plaudert über den Beruf des Profilers.
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Die Lampe stammt noch aus der alten Dienststelle: Axel Petermann plaudert über den Beruf des Profilers.

Da Interessengemeinschaft Stuhrer Unternehmen (Isu) hat mit Axel Petermann nicht nur einen Bestsellerautoren eingeladen, sondern auch einen waschechten Profiler, der an rund 1000 Mordfällen gearbeitet hat, um sie aufzuklären. Er plauderte über den perfekten Mord, noch ungelöste Verbrechen – und späte Erfolge.

Heiligenrode – Diese Frage durfte natürlich nicht fehlen: Ob er denn mit all seinem Fachwissen den perfekten Mord begehen könne, wollte am Montagabend eine Besucherin von Axel Petermann wissen. Der Bremer war auf Einladung der Interessengemeinschaft Stuhrer Unternehmen (Isu) nach Heiligenrode gekommen, um über seinen Beruf als Profiler zu plaudern. Der Meyerhof platzte aus allen Nähten.

Manchmal, antwortete Petermann, werde ein Mord nicht entdeckt. Ein schlechter Ermittlungsstart, verwischte Spuren – und überhaupt: Wer untersucht den Toten und stellt den Tod fest? „Ein Tötungsdelikt, das man nicht sieht, ist kein perfekter Mord“, sagte der Kriminalist im Unruhestand, denn immer noch ist er ein gefragter Fallanalytiker. Häufig bitten ihn auch Angehörige der Opfer um Unterstützung.

„Wir tun etwas Gutes“

Was seine Fähigkeiten für den perfekten Mord angeht: „Ich wäre vorsichtig anzunehmen, dass ich das hinkriegen würde. Dafür bin ich viel zu schusselig. Fragen Sie meine Frau, was ich alles vergesse. Das würde mir dann auch passieren.“

1000 Fälle des „unnatürlichen Todes“ hat Petermann in seiner beruflichen Laufbahn (siehe Infokasten) nach eigener Auskunft bearbeitet. Seit Ende der 1990er-Jahre tut er das mit den Methoden der operativen Fallanalyse. Er weiß: Damit hätten auch in Bremen mehr Verbrechen aufgeklärt werden können.

Ihn habe seine Tätigkeit immer fasziniert, auch wenn sie von „Schrecken, Not und Verzweiflung begleitet“ werde. „Wir tun etwas Gutes, klären Verbrechen auf, die Täter werden der Justiz überstellt.“ Außerdem wüssten die Angehörigen dann, dass die Tat gesühnt sei. „Oft wird den Opfern eine Mitschuld unterstellt, was aber nicht der Realität entspricht“, stellt Petermann fest. Deshalb müsste sein neuestes Buch „Im Auftrag der Toten“ eigentlich den Zusatz führen: „...und ihrer Familien“. Daraus las Petermann vor.

Faszination für die ungeklärte Tat

Der Profiler nannte es einen „kritischen Ansatz“ über Ermittlungsarbeit und Beweisführung. „Das, was untersucht wurde, kann man unter anderem Blickwinkel sehen.“ Er konzentrierte sich auf den immer noch ungeklärten Mord an zwei jungen Schweizerinnen, die gemeinsam zu einer Radtour aufgebrochen waren. Trotz zahlreicher Verdächtiger legte die Polizei den Fall zu den Akten. Wegen anfänglicher Annahmen, die Mädchen könnten ihren Urlaub verlängert haben oder einem Unfall zum Opfer gefallen sein, wurde „kostbare Zeit verschenkt, die für Ermittlungen und Tätersuche hätte genutzt werden können“, schreibt Petermann, dessen Antrag auf Akteneinsicht abgelehnt wurde.

„Auch Jahre nach der ersten Beschäftigung mit dem Fall war meine Faszination für die ungeklärte Tat und das ihr innewohnende Böse geblieben“, las Peterman vor. Da war sie wieder, diese Art von Begeisterung, die Petermann zeit seines Berufslebens angetrieben hat – und ohne die das Eintauchen in komplexe Verbrechen wohl nicht möglich wäre.

Ob er seinen Job wieder ausüben würde? „Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen. Ein klares Ja.“ Bei seiner Pensionierung im Jahr 2014 sei ihm klar gewesen: „Ich werde nicht aufhören, mich um Fälle zu kümmern, die unklare Ergebnisse ergeben hatten.“ Die Menschen, die betroffen seien, würden unter den Verbrechen leiden. „Deshalb bin ich noch in dieser Sache tätig.“

Nach 40 Jahren überführt

Dass dafür mitunter ein langer Atem notwendig ist, zeigt der Mord an der 16-jährigen Carmen Kampa, die 1971 in den Mai getanzt und drei Tage später am Bahndamm in Bremen-Nord gefunden worden war. Den ursprünglich für den Mord inhaftierten Otto Becker sprach das Landgericht Bremen im November 1976 frei. „Irgendwann kläre ich das Verbrechen auf“, hatte sich Petermann geschworen. „Das ist 40 Jahre später passiert.“ Ein DNA-Test über einen Angehörigen habe 2011 den Durchbruch gebracht. Haare des Täters am Mantel des Opfers befanden sich noch in der Aservatenkammer. Ein Bremer Wachmann war überführt.

Der Mörder war bereits tot, hätte in Deutschland aber noch verurteilt werden können, da Mord nicht verjährt. Dies hänge mit den Verbrechen aus der NS-Zeit zusammen, erklärte Petermann. Die könne man nicht nach 30 Jahren ad acta legen. „Das muss dann generell für alle Morde gelten.“ Der Mörder der Schweizer Radfahrerinnen hingegen würde heute davonkommen, da bei den Eidgenossen eine 30-jährige Verjährungsfrist gilt. Ob er für eine Verjährung sei, wollte ein Besucher wissen. „Ich bin nicht derjenige, der sagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich erteile auch keine generelle Absolution“, sagte Petermann. Man müsse im Einzelfall betrachten, ob man jemanden entwurzele, etwa aus familiären und beruflichen Zusammenhängen.

Klares Zielpublikum

Laut Petermann würden in neun von zehn Fällen Männer Männer ermorden. „Wenn Männer Frauen töten, ist das meistens ein Intimizid.“ Heißt: Täter und Opfer hatten zuvor eine intime Beziehung. Frauen hingegen würden töten, um einer Gewaltbeziehung zu entfliehen, oder „wenn sie frei sei wollen für eine neue Beziehung“.

Beim anschließenden Bücherverkauf spiegelte sich das Verhältnis nicht wider. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sicherten sich Frauen die Werke des Profilers. Woher das weibliche Interesse an Mordermittlungen rührt, wäre eine Frage für die nächste Petermann-Lesung.

Podcast: Axel Petermann zu seinem neuen Buch und zum Fall Adelina

Profiler Axel Petermann ist auch bei „Kreis und Quer“, dem Podcast der Mediengruppe Kreiszeitung, zu Gast. Es geht um sein neues Buch, den ungelösten Mordfall der kleinen Adelina aus Bremen-Kattenturm und es geht um die Fälle, die den Ermittler im Ruhestand auch bis heute nicht loslassen. Die Folge „Warum wurde der Mörder der kleinen Adelina noch nicht gefasst?“ ist zu finden bei YouTube, Spotify, direkt in diesem Artikel und überall sonst, wo es Podcasts gibt.

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